Er gehört zu den letzten seiner gefährdeten Art in Deutschland

Ich schätze, dass es nun um die sechzig Jahre her ist, dass ich das erlebt habe. Es war ein Abenteuer, das viel Mut erforderte, denn ich hatte vorher einige Dinge darüber gehört. Wenn man eingestiegen war, konnte es passieren, dass man nicht mehr herauskam. Falls man nicht rechtzeitig ausstieg, kam man unweigerlich auf dem Kopf und mit den Beinen nach oben zurück – wenn überhaupt.

Mit all diesen Aussagen stand ich als kleiner Junge davor und beobachtet, was geschah. Ich sah Menschen einsteigen, aber sie kamen nicht wieder an. Andere waren unvermittelt da und stiegen aus. Glücklich sahen sie meist nicht aus. Allerdings habe ich keinen gesehen, der auf dem Kopf und mit den Beinen nach oben angekommen ist.

Es hat lange gedauert, bis ich mich traute, dort einzusteigen. Mein Vater nahm mir nicht meine Fantasie und korrigierte Gehörtes. Eher verstärkte es womöglich.

Heute stand ich wieder davor und, was ich nie gedacht hätte, ich spürte, wie ich eine leichte Gänsehaut bekam, weil ich die Gefühle von damals erinnerte. Aber heute bin ich älter und benötige den Zuspruch nicht, den ich als Kind gerne angenommen hätte.

Mutig trat ich vor, direkt an das türgroße Loch heran, in denen sich die Kabinen bewegten. 

Da kam eine. Ich passte ab, wann die Bodenplatte mit dem Fußboden, auf dem ich stand, eine Höhe hatte und stieg ein. Ein leises Rattern war zu hören, als die Kabine nach oben gezogen wurde. Es wurde heller und ich konnte hoch schauend die Decke der sich zeigenden Etage sehen. So ging es ein paar Mal. 

Dann ein Schild an der Wand. Bitte aussteigen! Das ist die letzte Etage!

Ich blieb stehen. Wenn ich jetzt doch mit dem Kopf nach unten und den Beinen nach oben ankomme, dachte ich und schmunzelte.

Die Kabine bog nach links ab und hing weiterhin senkrecht nach unten. In der Wand konnte ich eine dicke Kette laufen sehen, an der der Paternoster betrieben wurde. Die gleiche Kette musste auf der Rückseite sein, dachte ich. Das Rattern wurde lauter und es ging wieder vertikal nach unten. Der Spalt, durch den ich auf die nächste Etage sehen konnte, zeigt den Boden. Logisch, ich fuhr nach unten. 

Wieder dort angekommen, wo ich eingestiegen war, verließ ich den Paternoster

Ich schaute mich um und spürte einen kurzen Augenblick meiner Kindheit hinterher. Ein tolles Erlebnis und eine Freude, dass der Paternoster immer noch seine Arbeit tat nach so langer Zeit.

Danke für den Erhalt dieses Paternosters im Rathaus in Wuppertal-Barmen. Einer der letzten seiner Art in Deutschland.

Paternoster = Vaterunser, die ersten Worte des Gebets in lateinischer Sprache

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