Direkt zum Inhalt

Auf der Nordbahntrasse in die Kindheit zurück

Posted in Abenteuer, Fahrrad, Fahrradtour, Nordbahntrasse, and Wuppertal

Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, die Nordbahntrasse in Wuppertal mit dem Fahrrad abzufahren. Da ich in Wuppertal geboren wurde, sollte das zum Teil auch eine kleine Reise in die eigene Vergangenheit sein.

Gestern war es so weit, nachdem ich wochenlang davon geredet hatte, hat mir meine Älteste gesagt: Wir fahren morgen die Nordbahntrasse. 

Da begannen schon die Schwierigkeiten, denn es musste ein Startpunkt gefunden werden. Eigentlich wollte ich in Vohwinkel starten, die Nordbahntrasse bis zum Tunnel Schee fahren um dann zu wenden, und die gleiche Strecke zurückzufahren. In Vohwinkel habe ich leider keinen Punkt gefunden, an dem ich das Autoabstellen und starten konnte. 

Warum also nicht in der Nähe des Tunnels Schee fahren und die Tour andersherum fahren. Also legte ich den Startpunkt Bracken fest.

Als wir von der Wittener Straße Richtung Bracken abfuhren, dachte meine Tochter schon, wir seine falsch. Eine schmale Straße, unübersichtlich und voller Schlaglöcher. Da ich die Straße aber kannte, wusste ich, dass wir richtig waren. Hätte das nicht geklappt, denn hier gibt es kaum Parkplätze, hätten wir irgendwo auf der Wittener Str. oder der Linderhauser Str. geparkt. Von dort aus ist der Zugang zur Nordbahntrasse an mehreren Stellen möglich.

Wir hatten aber Glück und einen Parkplatz bekommen.
Die Räder waren schnell vom Träger genommen, die Taschen ans Rad gehängt und es konnte losgehen. Erst Richtung Tunnel Schee. Den durchfuhren wir und drehten irgendwann wieder in die Gegenrichtung. Es war kalt im Tunnel, sodass sich meine Tochter eine zusätzliche Jacke anzog. Ich als Mann natürlich nur im T-Shirt. 

Tunnel Schee, Ostseite
Tunnel Schee, Ostseite

Eine Röhre des Tunnels ist nun geschlossen, weil sich darin die Fledermäuse eine Heimat gesucht haben.
Als ich klein war, war diese allerdings noch geöffnet, die einmal darin gelegenen Gleise waren schon demontiert, da die Strecke nur noch selten befahren wurde.
Für uns war es ein Abenteuer über die Gleise von Bracken aus dorthin zu laufen, um anschließend, ohne Taschenlampe die rechte Röhre zu durchqueren. Wenn wir wieder herauskamen, sahen wir aus wie die kleinen Schweinchen, denn es gab Löcher und immer wieder Schlamm im Tunnel. Da wir die Löcher nicht sehen konnten, tappten wir rein, fielen auch mal der Länge nach hinein.
Das waren die 50 iger, 60 iger Jahre. Heute ist das kaum mehr möglich.

Tunnel Schee, Westseite
Tunnel Schee, Westseite

Auch vor dem Tunnel war es kühl, so hielten wir uns nicht lange dort auf, sondern fuhren in den Sonnenschein.

Hinweisschild Tunnel Schee
Hinweisschild Tunnel Schee

Wir fuhren unter der Wittener Str. durch.
Dort hatte man, als ich noch in die Volksschule Hottenstein ging – heute ist es eine Grundschule – eine Holzbrücke gebaut, da der Verkehr auf der Brücke Wittener Str. zu stark und die Brücke zu schmal für Autos und Fußgänger war.
Wir haben oft dort oben gestanden und uns vom Dampf der Loks einhüllen lassen, die unter uns durchfuhren. Ein beliebtes Spiel war es auch, Steine in den Schornstein zu werden, es zumindest zu versuchen. Außerdem war die Brücke ein beliebtes Kletterobjekt.
Es gab verschiedene Varianten, die Holzbrücke zu überqueren. Kletternd außen oder balancierend auf dem Handlauf, der von einem 12er Kantholz gebildet war.
Beides war nicht ganz ungefährlich, denn wenn man fiel, fiel man mehrere Meter tief aufs Gleisbett. Spaß gemacht hat es trotzdem. 

Im weiteren Verlauf der Fahrt erschließen sich wunderbare Blicke in die Landschaft, die zeigen wie viel Grün vorhanden ist. Ein Buchenwäldchen wird durchquert. 

Hier in der Nähe gibt es eine Höhle, die wir als Kinder erforscht haben, so weit wir in sie eindringen konnten. Sie war aber auch Experimentierort, denn dort haben wir unsere Mischungen aus Unkraut Ex und Zucker zur Explosion gebracht. 

Heute sind solche Dinge undenkbar. In der Zeit, in der ich groß geworden bin, hatten wir die größtmögliche Freiheit und es gab nur die Richtschnur: Wenn die Laternen angehen, musst du nach Hause kommen. 
Kontrolle über uns hatten unsere Eltern nicht. Nicht mal ein Handy hatten wir, um Hilfe zu rufen. Es ist aber auch so gut wie nichts passiert. Das lag vielleicht daran, dass man gut einschätzen konnte, was ging und was nicht. Einfach Dinge nicht machte, die man sich nicht zutraute. 

Ich könnte jetzt noch stundenlang weiter erzählen, lasse es nun aber.

Radweg vom Tunnel Schee nach Westen
Ab in die Sonne nach Westen

Die Strecke lag nun überwiegend im Sonnenschein und fuhr sich gemütlich. Es ging immer leicht bergab und war in keiner Weise anstrengend. Nach nochmaligem Unterfahren der Wittener Str. wurde man auf einen Gehweg geführt, der für Radfahrer freigegeben war.
Normalerweise fahre ich solche Freigabe-Wege nicht, weil dort nur Gast bin mit erhöhter Haftung. Da ich aber nicht wusste, wie die Trasse weiter geführt wurde, blieb ich auf diesem Weg. Die Beschilderung an manchen Stellen hat nich Optimierungsbedarf.

Von Am Dieck ging es in die Luhnsstr., der man einfach nur folgen musste, um nach einem Wohngebiet, das man durchquerte, wieder auf die Nordbahntrasse zu gelangen.
Das Wohngebiet gab es zu meiner Kinder- und Jugendzeit nicht. Ich erinnere mich an Gleise. So gefiel mir das Wohngebiet recht gut. Überwiegend Doppelhaushälften, die in ihrer Adrettheit miteinander wetteiferten. Gefällige Einheitsarchitektur, wie man sie an vielen anderen Orten in unserem Land ebenfalls findet. 

Wieder auf der Trasse fiel auf, dass direkt daneben immer wieder kleine Rastplätze angelegt waren. Auch kleine Fitness-, Skater und Basketballplätze waren immer wieder zu sehen. Sie waren angenommen, denn überall war etwas los, obwohl an diesem Tag die Trasse nicht sehr belebt erschien.
Gut gefallen hat mir die Trennung von Fußgänger- und Radfahrerbereich, die durch eine einfache Linie geschaffen wurde. Da beide Flächen ausreichend Raum boten, habe ich keine Konflikte erlebt.
Zwischendurch war die Strecke immer wieder durch unterschiedlich lange Tunnel unterbrochen. Auch ihn ihnen war es kalt und dunkel. Gut, dass wir Dank der Erfindung des Nabendynamos immer mit Licht fahren, auch tagsüber. Das war leider nicht bei allen Radfahrern zu beobachten. Kein Licht am Rad, aber einen Helm auf und dann durch den Tunnel. Skater, die teilweise auch den Radweg befuhren, waren häufig auch noch dunkel bekleidet, sodass sie erst im allerletzen Moment zu sehen waren. Das empfinde ich persönlich als saugefährlich und ist mein einziger Kritikpunkt.

Klasse waren die Brücken, auf denen man die Straßen in recht hoher Höhe überfuhr und einen fantastischen Blick auf die Stadt hatte. Einige Plätze kannte ich noch, andere konnte ich gar nicht zuordnen und je weiter wir vom Nächstebreck und Barmen weg waren, umso weniger kannt ich mich aus. Das war aber auch nicht wichtig. 

Was mir aufgefallen ist, sind die vielen Pedelecs, die gefahren werden.
Bei den Steigungen, die man teilweise in Wuppertal bezwingen muss, eine durchaus sinnvolle Anschaffung. Da wir aber selber im Schnitt mit 25 km/h unterwegs waren, störten und weder die Pedelecs noch die Rennradfahrer, deren Tempo noch höher lag. Da man Rücksicht aufeinander nahm und auch mal bremste, wenn man einen schnellen Radfahrer entgegenkommen sah und auf den Überholvorgang erst einmal verzichtete, kann ich nur von einer entspannte Fahrt sprechen.

Blick über Barmen
Blick über Barmen

Aber immer gab es etwas zu entdecken. An einer Tunnelmauer an der Ausfahrt eines Tunnels waren diese Klettergriffe angebracht, darunter eine Matte, die Stürze aus schätzungsweise maximal zwei Meter mildern sollte. So einfach kann man eine Kletterwand einrichten!
Die Draisinenstation war geschlossen, sonst hätte wir vielleicht halt gemacht und wären ein Stück mit einer Draisine gefahren. 

Besonders gelungen fand ich, dass der Bahncharakter der Strecke aufrechterhalten blieb. Nicht nur durch verschiedene Bahnhöfe, die an der Wegstrecke einer anderen Profession zugeführt worden waren, sondern auch durch die Schilder und viele andere Dinge, die an die Bahn erinnerten. Und immer wieder die Aussicht über die Stadt aus großer Höhe und der Blick ins Grüne. 

In Vohwinkel kamen wir an einen großen P&R Parkplatz. Dahinter der Parkplatz eines Einkaufzenters, dem Akzenta. Auf dem P&R Parkplatz daneben (51.232435, 7.070539) kann man gut parken, um von dort aus die Nordbahntrasse nach Osten zu fahren. Zumindest am Wochenende ist dort wenig los.

Im Akzente gibt es ein kleines Restaurant, das Fuchswinkel, das uns von Wuppertalern empfohlen wurde. Es hat mehr Kantinencharakter, aber das Essen war lecker und preiswert und die Bedienung war freundlich. 

Zurück fuhren wir dann mit einer leichten Steigung, die aber mühelos zu bewältigen war.
Kurz vor Bracken wurde es ein wenig steiler, aber nicht so, dass es anstrengend wurde. Immerhin hat man eine Gangschaltung und kann auch mal einen Gang zurückschalten.
Bei der Rückfahrt war mehr los. Viele Mittagsspaziergänger waren unterwegs. Das war aber für uns als Radfahrer nicht störend. Mehr gestört hat mich da schon der Übergang an der Linderhauser Str., weil die Pkws dort doch mit recht hoher Geschwindigkeit ankamen und diese auch nicht am Übergang verringerten. Vielleicht findet sich hier noch eine Möglichkeit, den Autoverkehr etwas zu verlangsamen. 

An der Linderhauser Str., jetzt kommt wieder eine meiner Kindheitserinnerungen, war ein großer Platz, der zu einer Spedition gehörte. Die Spedition gehörte dem Vater eines Freundes und dieser hatte Zugriff auf die Schlüssel der Lkws. Wir sind dann auf dem Gelände mit einem kleinen Lkw gefahren. Es waren zwar keine lange Strecken und auch keine hohe Geschwindigkeit, aber es waren Autos, Lkws. Heute wäre das, glaube ich auch nicht mehr möglich.

In Bracken wieder angekommen, die Räder auf dem Träger befestigt, ein letzter Blick in die Runde – ich konnte die Kirche neben der Schule Hottenstein von dort aus sehen, in die wir zum Schulgottesdienst mussten.

Alles in allem eine schöne Fahrt auf einer ehemaligen Bahntrasse, die richtig Spaß gemacht hat.
Hier wurde Altes und nicht mehr Benötigtes einmal nicht eingestampft, sondern einer sinnvollen Verwendung zugeführt. Die Strecke hin und zurück liegt unter 50 km und ist so auch mit Kindern bei einem Tagesausflug zu schaffen. Lokalitäten gibt es ausreichend an der Strecke, andere Abwechselungen ebenfalls. Ein Tag sollte wie im Flug vergehen. Ein kleines Picknick kann man zu Sicherheit mitnehmen.

Ich, als gebürtiger Wuppertaler, der nun in Köln lebt, bin stolz auf das, was dort geschaffen wurde und komme gerne regelmäßig wieder auf die Nordbahntrasse.

 

LINK

Nordbahntrasse

Teilen via:
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.