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Note oder keine Note in der Schule, das ist die Frage.

Posted in Bildung, Inklusion, Lernen, Schule, Schulentwicklung, and Wertschätzung

Noten vor 50 Jahren

Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit. Sie war nicht immer schön, auch wenn ich im Rückblick vieles nicht mehr als so schlimm empfinde, wie ich es damals empfunden habe.

So ist mir heute noch eine Mathe-Stunde gegenwärtig, als hätte ich sie erst vor wenigen Minuten erlebt.

Mathe war nie mein Ding, aber in dieser Stunde stand ich voll auf dem Schlauch. Wenn mich etwas nicht interessierte, konnte ich wunderbar in meinem Kopfkino versinken und bekam vom Unterricht nur noch rudimentär etwas mit. So auch in dieser Stunde. Bis ich plötzlich die Stimme meines Lehrers hörte, der mich aufforderte, an die Tafel zu kommen und die dort stehende Aufgabe zu lösen. Er war ein Lehrer, der eigentlich nicht in Schuldienst gehörte, weil er gemein, sadistisch und zynisch war und zudem immer noch von der Prügelstrafe gebraucht machte, die es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gab. 

Ich ging also zur Tafel und konnte, wie erwartet, die Aufgabe nicht lösen. Es kamen die üblichen Beleidigungen und Verunglimpfungen, die immer als Krönung mit den Worten endeten: „Für diese bravouröse Leistung bekommst du natürlich eine Sechs!“ Die „sechs“ wurde mit einem lauten Knall untermalt, den der Zeigestock beim Aufschlagen auf das Lehrerpult verursachte.

Da die Stunde kurz darauf endete und es die letzte Stunde an diesem Tag war, wurden duch den Lehrer nur noch die Hausaufgaben verkündet. Es war wie immer eine Liste von Seiten unserer verschiedenen Schulbücher mit den Nummern der Aufgaben, die wir zu bearbeiten hatten.

Zu mir sagte er dann noch:“ Du rechnest die nächsten zwanzig Aufgaben in Päckchen 1, 2, 3 und 4 noch. Dann kannst du die Aufgaben, die du nicht kannst in Ruhe zu Hause üben!“

Wie soll ich etwas üben, was ich noch nicht kann, wenn es mir niemand in Ruhe erklärt dachte ich noch. Mein Nichtkönnen ist doch schon perfekt.

Das ist nun gut fünfzig Jahre her und man sollte meinen, dass sich etwas geändert hat. Hat es auch, und zwar zum Positiven. Meistens. Fast immer.

Noten vor 10 Jahren

Als meine Tochter in der 10. Klasse auf dem Gymnasium war, hatte sie Schwierigkeiten mit einer Lehrerin. Ich bot ihr mehrfach an, mit der Lehrerin zu reden, aber das wollte meine Tochter nicht. Also habe ich es nicht gemacht. Bis sie eines Tages zu mir kam und mir sagte, dass sie nun doch meine Hilfe benötigen würde und mit der Lehrerin sprechen sollte.

Das habe ich dann auch gemacht.

Diese Kollegin sagte mit dann nach dem einleitenden Smal Talk, dass immer, wenn sie in eine Klasse kämen, erst einmal alle Schüler auf „sechs“ stünden. Wer im Unterricht etwas sagt, würde in der Note steigen. Auf meine Frage, was sie das bei introvertierten Schülern machen würde, sagte sie:“Das ist nicht mein Problem!“

Sie vermuten richtig, liebe Leserin, lieber Leser, meine Tochter war introvertiert oder anders, sie meldete sich immer erst, wenn sie sicher war. 

Die Kollegin merkte dann sehr schnell, dass sie ein Problem mit mir hatte. Ihr Verhalten meiner Tochter gegenüber änderte sich dann in der folgenden Zeit sehr schnell. Was ich unterstützend begleitete, da ich sie zwischendurch immer wieder mal um einen Gesprächstermin in ihrer Sprechstunde bat.

Aussagekraft von Noten

Bei Beispiele zeigen, wie wenig aussagekräftig Noten sind. Bei mir war es immer so, wenn mich Unterricht langweilte, beschäftigte ich mich in Gedanken mit Dingen, die interessanter waren. Habe mich mit meinen Leistungen immer im oberen Drittel befunden, trotz der Note für oben beschriebenen Matheaussetzer.
Diese geistige Abwesenheit bemerkte ich immer wieder einmal bei dem ein oder anderen meiner Schüler. Auf Nachfragen kam dann heraus, dass ihn der Unterricht oder das Thema langweilte. 
Das ist Alltag im Leben eines Lehrers, der in Frontalunterrichtsphasen immer einen Weg finden musste, möglichst viele Schüler anzusprechen. Solche Phasen sind immer mal wieder zwischendurch nötig, um Dinge zu erklären, die für alle Schüler wichtig sind. Bei heterogenen Klassen, wie sie heute in Schule zu finden sind, findet man immer Schüler, die sich dann langweilen. Kennt man die Schüler besser, kann man das sicherlich ausgleichen. 

In meiner Laufbahn als Lehrer und später als Schulleiter habe ich auch erleben müssen, dass Noten zur Disziplinierung eingesetzt und auch willkürlich verteilt wurden. Ausreißer, so meine Erfahrung, aber im Grunde überflüssig, wenn man von der Notengebung, so wie sie heute praktiziert wird, abrücken würde.

Noten? Nein, danke!

Ein Hindernis bei der Abschaffung der Noten ist es sicherlich, dass die Note als Leistungsbewertung durch eigene Erfahrung bekannt ist. In der Erinnerung ist aber auch oftmals verblasst, welche Ängste und Ungerechtigkeiten mit den Noten einhergingen. Ein bisschen „das hat uns auch nicht geschadet“ gehört sicherlich auch dazu.

Leistungsbewertung ohne Noten heute

Ließe man die Noten aber wegfallen, wofür ich mich seit Jahren stark mache, so heißt das nicht, dass es keine Leistungsbewertung mehr gibt und geben soll. Leistungsbewertung ist wichtig, denn irgendwo muss sich jeder Schüler selbst einordnen können.

Eine Schule ohne Noten müsste sich eine andere Form der Leistungsbewertung überlegen. Dabei ist das häufig in der Grundschule präferierte Ankreuzzeugnis sicherlich die Wahl, die ich nicht unterstützen würde. Die fünf Stufen, die dort meist ausgewiesen werden, orientieren sich an den Noten. Die Beschreibungen zu den Kompetenzstufen werden ebenfalls angekreuzt.

Auch Berichtszeugnissen stehe ich skeptisch gegenüber. Zumindest denen, wie sie heute angefertigt werden.  Meist wird ein entsprechendes Zeugnisprogramm verwenden, in das man die Noten eintragen kann, die man vergeben will und das Programm generiert einen Bericht. Diesen kann man so übernehmen. Dieser ist dann juristisch  ebenso glatt formuliert wie ein Berichtszeugnis, dass durch zusammengeklickte Floskeln erstellt worden ist. 

Auch hier liegen, wie sich zeigt, Fallstricke. Trotzdem wäre der Bericht im Moment die Beurteilung meiner Wahl. Allerdings würde ich mir Beispiele zeigen lassen, die das im Bericht geschriebene erklären. Die gibt es in der Grundschule täglich. Eine schöne Möglichkeit ist ein Protfolio, das die Lernfortschritte zeigt und sicherlich auch Grundlage einer mündlichen Beratung der Eltern und Schüler sein kann. Sprechen mit dem Lehrer, nicht nur an den Elternsprechtagen, ist sicherlich ein Mittel, die Leistungen seines Kindes  realistisch einschätzen zu können. Im Unterricht durch den Schüler erstellte Text und so weiter, können hier sicherlich unterstützend und klärend eingesetzt werden.  

Hinzu kommt, dass im Zeichen von Inklusion die Noten nicht gegeben werden können. Ohne viele Worte zeigt den Grund dieses Bild:  

Inklusion
(Vor langer Zeit ohne Copyright im Netz gefunden.)

Ohne Noten ändert sich die Sichtweise von Defizitförderung zur Stärkenförderung

Dem Einstieg in eine andere Beurteilungsform muss meines Erachtens auch zwingend eine Abkehr von Fehlerzählerrei und Selektion folgen.
Entscheidend ist nicht, wer kann zum Gymnasium, sondern entscheidend ist, wie viel Potenzial kann durch positive Verstärkung und Wertschätzung beim Schüler entfaltet werden. Meine Erfahrung zeigt, dass Leistungssteigerungen möglich sind, die man sich kaum vorstellen kann. Nicht nur bei Kindern, die sich mit dem Lernen „schwertun“, sondern auch bei guten Schülern. Die Freude am Lernen ist den Schülern deutlich anzumerken.
Allerdings muss sich die Lehrerrolle ändern. Er muss Moderator und Begleiter werden und eine positive Beziehung zu seinen Schülern aufbauen. 

Auch hier gilt das Maria Montessori Wort: Hilf mir, es selbst zu tun!

Dazu eine Weisheit aus Tibet, mit der ich auch diesen Artikel schließen möchte:

Wenn ein Kind kritisiert wird, lernt es, zu verurteilen.

Wenn ein Kind angefeindet wird, lernt es, zu kämpfen.

Wenn ein Kind verspottet wird, lernt es, schüchtern zu sein.

Wenn ein Kind beschämt wird, lernt es, sich schuldig zu fühlen.

Wenn ein Kind verstanden und toleriert wird, lernt es, geduldig zu sein.

Wenn ein Kind gelobt wird, lernt es, sich selbst zu schätzen.

Wenn ein Kind gerecht behandelt wird, lernt es, gerecht zu sein.

Wenn ein Kind geborgen lebt, lernt es, zu vertrauen.

Wenn ein Kind anerkannt wird, lernt es, sich selbst zu mögen.

Wenn ein Kind in Freundschaft aufgenommen wird, lernt es, in der Welt Liebe zu finden.