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Voraussetzungen für eigenverantwortliches und lebenslanges Lernen

Posted in Übers Lernen, Lernen, Organisation, Schule, and Standpunkt

Voraussetzungen Früher
Im 19. Jahrhundert, als unser Schulgesetz eingeführt worden ist, war es eines der innovativsten Gesetze, die dazu beitrugen, Bildung zu vermitteln.

Flächendeckend lernten Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen erstmals die Kulturtechniken Schreiben, Lesen und Rechnen. Auch Grundpfeiler unserer Bildung wurden vermittelt.

Nach der Schule begann in der Regel eine Ausbildung, die häufig durch eine Lehre in einem Handwerksberuf realisiert wurde. In der Schule Gelerntes war Grundlage dieser Ausbildung.

Da dieser Beruf ein Leben ausgeübt lang worden ist, war auch weitere Bildung nicht erforderlich. Das Gelernte reichte über die Berufsausbildung hinaus aus, um auch das eigene Leben sinnvoll gestalten zu können.
Das Leben lief beschaulich und zu verrichtende Arbeiten wurden in aller Ruhe durchgeführt.

Mit fortschreitender Industrialisierung wurden immer mehr Spezialisten benötigt, die neben den Handwerkern und ungelernten Arbeitskräften für eine stetige Weiterentwicklung im industriellen Bereich sorgten.
Schon in den 50er und 60er Jahren war abzusehen, dass unausgebildete Kräfte keine Chance auf eine dauerhafte Beschäftigung haben würden.

Veränderungen
Mit immer einfacherer Zugänglichkeit des Internets und den erweiterten Transportmöglichkeiten, die z.B. Flugzeuge, Schiffe boten, wurde eine Globalisierung eingeleitet, die heute immer noch nicht abgeschlossen ist.

Immer mehr gut ausgebildete Spezialisten sind gefragt und von „normalen“ Berufstätigen wird erwartet, dass sie sich lebenslänglich fortbilden. In der Regel ist es nicht mehr möglich, mit nur einer Berufsausbildung ein Leben lang den eigenen Lebensunterhalt sichern können.

Erlerntes ist nur noch die Grundlage für weiteres Lernen und weitere Ausbildungen. Die Halbwertzeit, in der sich das Wissen der Menschheit verdoppelt, wird immer kürzer, was voraussetzt, dass erworbenes Wissen verknüpft und so ständig an die aktuellen Erfordernisse angepasst wird.

Voraussetzung dafür ist, dass man gelernt hat, eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu lernen. Aber wie soll das gehen?

Denkt man an seine eigene Schulzeit zurück, so kann man sich sicherlich an die Sitzreihen erinnern, in denen die Schülerinnen und Schüler saßen, auf Geheiß des Lehrers ihr Buch aufschlugen und das machten, was ihnen gesagt worden ist. Wurde nichts gesagt, wurde auch nichts gemacht, könnte man überspitzt sagen. Raum für eigenes Ausprobieren gab es nicht.

Kinder, die in die Schule kamen und schon lesen konnten, mussten trotzdem im Gleichschritt mit allen anderen Kindern den Buchstabenlernprozess mit durchmachen.
Dass dies nicht unbedingt zur Motivation der Kinder beitrug, sondern sie sich gelangweilt abwandten, ist sicherlich zu verstehen.

Anspruch und Wirklichkeit
Auch heute, selbst wenn man von Bildungspolitikern immer wieder hört: „Man muss das Kind dort abholen, wo es steht“, sind wir häufig doch noch weit von der Erfüllung dieses Anspruches entfernt und es wird noch ein langer Weg sein, bis wir es wirklich geschafft haben, diesen Anspruch zu erfüllen.

Ist-Stand

Eigentlich ist es aber ganz einfach, diese Ansprüche zu erfüllen, denn der Mensch und insbesondere das Kind, ist von Natur aus neugierig und begierig, seine Umwelt zu entdecken und zu lernen.

Beobachtet man ein Kleinkind, so wird schnell deutlich, mit welcher Energie und mit welchem Willen Kinder lernen, und nur durch Erwachsene am Lernen gehindert werden können.
Sicherlich ist der Rückschluss nicht falsch, dass ein guter Lehrer nur ein Ziel hat, nämlich sich überflüssig zu machen. Seine Rolle ändert sich und er wird zum Moderator und Lernbegleiter des Kindes. Nach wie vor ist es aber immer noch so, dass der Lehrer viel zu häufig vor der Klasse steht und doziert, statt Voraussetzungen für entdeckendes und handlungsorientiertes Lernen zu schaffen. Wichtig ist hingegen eine häufige Lernziel- und Leistungskontrolle, die sicherlich durch die Notengebung mehr zur Selektion beiträgt, als Schüler zu unterstützen.

Fehler

Häufig sind die Konsequenzen einer Lernziel- oder Leistungskontrolle nicht die Unterstützung der Schüler durch geeignete Fördermaßnahmen, sondern, ich sage es jetzt hier bewusst überspitzt, ein Zusatzpaket an Hausaufgaben mit den Aufgaben, die die Lernzielkontrolle als nicht gekonnt ausgewiesen hat.

Die Form des Gleichschrittlernens sorgt dafür, dass genau dieses Ziel nicht erreicht und eigenverantwortliches Lernen nicht nur nicht durch die Schule gelehrt, sondern sogar unterbunden wird.

Erweiterte Anforderungen an Schule

Hinzu kommen allerdings noch andere Faktoren, die selbstverantwortliches und eigenständiges Lernen behindern oder gar unterbinden. Dass hier bildungsferner Schichten besonders betroffen sind, zeigen alle Studien, die seit einiger Zeit veröffentlicht werden. Diese Studien zeigen allerdings auch, dass bei bildungsfernen und bildungsnahen Schichten, moderne Medien Erkundungs- und Entdeckungsdrang durch übermäßigen Konsum behindern. Es ist ja auch so einfach, sich unterhalten zu lassen, statt selbst aktiv zu sein. Dies hängt meines Erachtens auch damit zusammen, dass die Fähigkeit zur Erziehung bei vielen Eltern nicht mehr vorhanden ist. Es ist anstrengender eine Auseinandersetzung mit den Kindern zu führen, als sie kurzfristig zu befriedigen.
So steht die sofortige Befriedigung der Bedürfnisse im Vordergrund – häufig werden hier moderne Medien als „Babysitter“ genutzt und nicht der den Umgang mit ihnen vermitteln – statt sich den Auseinandersetzungen mit den eigenen Kindern zu stellen.
Hier scheint sich ein Zeitgeist zu entwickeln, der sich mit Sicherheit in nächster Zeit selbst regulieren wird.

Auch in diesem Bereich muss Schule tätig werden und die Eltern unterstützen. Dies kann allerdings nur geleistet werden, wenn Schule Unterstützung bekommt bzw. die allgemeinen Vorgaben, die im Moment für die Schulausstattung existieren, endlich an die Aufgaben der Schule, die Bedürfnisse der Schüler und Eltern angepasst und an die sich verändernde Gesellschaft – auch im Hinblick auf eine weltweite Globalisierung – angepasst werden.

Fehler seitens der Politik
Schule benötigt auch Zeit für Veränderung und Entwicklung. So ist es wenig hilfreich, wenn sich die Vorgaben häufig ändern. So sollte mit Einführung der Flexiblen Schuleingangsphase die Klassenbildung in der Regel jahrgangsübergreifend erfolgen.

Auch hier wurde nicht berücksichtigt, dass eine solche Klassenbildung bestimmte Voraussetzungen benötigt, die aber nicht erfüllt wurden. Unverständnis seitens der Eltern und Proteste aus der Lehrerschaft führten dazu, dass im neuen Schulgesetz zum Thema Klassenbildung steht, dass Klassen in der Regel als Jahrgangsklasse zu bilden sind.
Eine entsprechende Unterstützung der Schulen im Hinblick auf Fortbildungen und einer Ausstattung, die einer jahrgangsübergreifenden Arbeitsweise gerecht wird, ist wahrscheinlich nie in den Fokus der Politiker gekommen oder wurde fallen gelassen, weil dies zu kostenintensiv ist.

Meines Erachtens ist hier eine Chance vertan worden, unsere Schule und damit unsere Kinder zukunftsfähig zu machen und das Schulsystem an die sich verändernde Welt anzupassen.

Wünsche
Das Schulsystem kann und muss reformiert werden. Darüber besteht bei allen Bildungsexperten Einigkeit. Wie es vielleicht bei uns gemacht werden kann, zeigen die Länder, die bei PISA regelmäßig die vorderen Ränge belegen. Hier ist die Politik gefragt, denn sie muss Voraussetzungen schaffen, in der jede einzelne Schule sich entwickeln kann und durch ihr Tun in Konkurrenz zueinander stehen, sodass Eltern eine Vielfältigkeit an Schulen vorfinden, die eine individuelle Auswahl der Schule für das eigene Kind aufgrund der verschiedenen Schulprofile möglich macht.

Die finanzielle Ausstattung von Schule ist ebenfalls nicht unwichtig, um bestimmt pädagogische Schwerpunkte setzen zu können. In diesem Zusammenhang möchte ich nur die Ausstattung von Klassenräumen nennen, in denen altersgemischte Klassen zusammen lernen.

Grundsatz muss hier sein:
Nicht die Verwaltung bestimmt die Pädagogik, sondern die Pädagogik bestimmt, was die Verwaltung zur Verfügung stellen muss.

Eine andere wichtige Voraussetzung für lebenslanges Lernen ist eine Lernatmosphäre, in der Lernen Freude bereitet, wo Fehler nichts Negatives sind, sondern nur eine Möglichkeit darstellen, sich weiter zu entwickeln und in fder wir endlich von dieser Negativbewertung wegkommen, die nichts anderes zum Ziel hat, als eine Selektion für die weitere Schullaufbahn vorzubereiten.
Was nützt es einem Schüler, wenn der Leistungskontrolle gezeigt hat, dass er in einem Bereich Schwierigkeiten hat und der Lehrer ihm für Zuhause ein Päckchen dieser Aufgaben zur Übung aufgibt. Verstehen wird er sie dadurch auch nicht.
Wie kann ein Diktattext – wie er heute noch frontal in vielen Schulen den Schülern diktiert und mit rotem Stift durchkorrigiert zurückgegeben wird – motivieren, wenn diese Arbeit mit einem ungenügend bewertet wird.
Der Hinweis auf mögliche Fortschritte in einem persönliches Gespräch, indem man Ursachen bespricht, Fortschritte aufzeigt, Möglichkeiten des Übens bespricht, wäre hier meines Erachtens der richtigere Weg.

Der Lehrer als Lernbegleiter, Helfer und Moderator – dann klappt es auch mit dem lebenslangen und eigenverantwortlichen Lernen bei den Schülern.

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