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Wertschätzung – Verbundenheit

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In den Herbstferien waren wir in England, weil eines unserer Kinder das Bachelor-Zeugnis erhalten sollte. Schon im Vorhinein wurde überlegt, welche Kleidung wohl angemessen sei. Legere Kleidung, wie man sie täglich trägt, wurde ausgeschlossen, denn es sollte feierlich werden.

Zeugnisverleihung Universität Chester

In Chester war für diese Veranstaltung die Kathedrale reserviert worden.

Im Mittelschiff saßen alle Studentinnen und Studenten, denen nun das Zeugnis ausgehändigt werden sollte.

Weißes Hemd oder weiße Bluse, schwarze Hose oder schwarzer Rock war die vorgegebene Kleidung, die unter der Robe getragen werden sollte. Auf dem Kopf der Hut, der wie ein Schiffchen auf dem Kopf saß, oben allerdings mit einer dünnen quadratischen Platte versehen war, aus dessen Mitte eine Quaste hervorlugte, die vorne links enden sollte.

Streng reglementiert, denn die Sitzplätze waren nummeriert und es wurde sorgfältig darauf geachtet, dass jeder den richtigen Platz eingenommen hatte.

In den Seitenschiffen saßen die Angehörigen, die nur Zutritt bekamen, wenn sie eine Einladung vorweisen konnten. Diese wurde am Eingang kontrolliert. Kleinkinder waren grundsätzlich nicht zugelassen, denn die Feierlichkeiten sollten störungsfrei ablaufen.

Wer wollte, konnte diese Zeugnisverleihung auch im Internet verfolgen, wo sie zeitgleich zu sehen war.

Orgelmusik ertönte, und es wurde leise in der Kathedrale.

Gemessenen Schrittes kam ein Mann in einem mittelalterlichen Kostüm den Mittelgang entlang. In den Händen trug er einen Stab mit einer Kugel am Ende. Hinter ihm folgten weitere Männer und Frauen, bei denen es sich wohl um Mitarbeiter der Universität handelte.

Dieses Schauspiel setzte sich einige Male fort. Der Stab, der von dem führenden Mann getragen wurde, wurde dicker, die Kugel am Ende des Stabes ebenfalls, und die Männer und Frauen, die ihm folgten, standen wohl auch höher in der Hierarchie der Uni.

Zuletzt kam der Vize-Kanzler, dem der dickste Stab mit der dicksten Kugel vorhergetragen wurde.

Die Orgelmusik hörte nach diesem Einmarsch auf, und der Vizekanzler begab sich ans Rednerpult. Dort hielt er eine kurze Rede, bevor er sich wieder auf seinen Platz hinten im Mittelschiff, mittig zwischen allen Mitarbeitern und Professoren der Uni, wieder einnahm.

Auf Zeichen erhoben sich die Studentinnen und Studenten der ersten Sitzreihe und gingen links durchs Seitenschiff nach vorne.

Dort wurde der erste Name aufgerufen, und der Student ging unter Applaus zum Vizekanzler. Dieser gab ihm die Hand, nannte ihm beim Namen, gratulierte zur bestandenen Prüfung und wünschte alles Gute für die weitere Zukunft.

Dann ging der Student ins rechte Seitenschiff, erhielt dort sein Zeugnis und nahm wieder seinen Platz ein.

Zwischendurch wurde noch ein Mann ehrenhalber ausgezeichnet, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt war und sein Schicksal beispielhaft angenommen und sich nicht entmutigen ließ und so seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat.

Dieser Vorgang wiederholte sich circa 250 Mal, ohne dass der Applaus bei jedem einzelnen Studenten nachließ oder es laut in der Kathedrale wurde.

Als der letzte Student seine Auszeichnung erhalten hatte, verließen die Menschen die Kathedrale. Auch dies geschah in der gleichen Ruhe, die vorher schon geherrscht hatte. Kein Gedrängel, kein Geschubse.

Zu Beginn der Veranstaltung schoss mir, ich gebe es zu, ein Gedanke durch den Kopf, der an den Kölner Karneval und den Einzug des Dreigestirns erinnerte.

Dieser Gedanke wurde aber recht schnell verdrängt, denn das, was ich dort erleben durfte, hatte nichts mit Karneval zu tun.

Hier zeigte man auf nachdrückliche Weise die Wertschätzung, die man den Studenten entgegenbrachte, und zeichnete sie dafür aus, dass sie ihr Studium bis hierher so gut gestaltet hatten.

Nichts daran war auch nur ansatzweise lächerlich, denn der Ernst, mit dem diese Auszeichnung zelebriert wurde, hielt alle Anwesenden in ihrem Bann.

Wertschätzung, die gleichzeitig Stolz bei den ausgezeichneten Studenten und Studentinnen hervorrief und Verbundenheit mit der Uni zeigte, die man mit Fug und Recht als Netzwerk für die Zukunft bezeichnen kann.

Eine Wertschätzung, die während des gesamten Studiums Grundlage des Umgangs miteinander war, die Leistungen ermöglichte und eben dieses Gefühl der Verbundenheit wachsen ließ.

Einen besseren Nährboden für Bildung und Leistung wird man wohl nicht finden.

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Kathedrale Chester

Universität Chester

 

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