Köln bröckelt – und träumt von Olympia

Zwei Meldungen, eine Stadt, ein Muster. Das Agrippabad ist seit drei Monaten geschlossen, und die Schadensbilanz ist vernichtender als erwartet: Die Schrägfassade ist nicht mehr zu retten, aus den Becken läuft Wasser in den Keller, das Dach ist marode. Abriss und Neubau stehen im Raum. Kostenschätzung: inzwischen knapp 40 Millionen Euro – ohne Technik. Rund 420.000 Besucher pro Jahr können derzeit nicht in ihr Bad. Schulen und Vereine weichen aus, die Kapazitäten in anderen Bädern sind knapp.

Das Bittere daran: Die schlimmsten Schäden betreffen nicht den Altbau von 1958, sondern genau jene Teile, die bei der letzten Generalsanierung um die Jahrtausendwende für 27 Millionen Euro erneuert wurden. Minderwertige Metallhalterungen, fehlerhafte Ausführung, mangelhafte Kontrolle. „Die Sanierung war eine Katastrophe“, ist aus dem Umfeld der Geschäftsführung zu hören. Verantwortliche? Nicht in Sicht. Konsequenzen? Keine bekannt.

Wenige Hundert Meter entfernt, unter Domplatte und Roncalliplatz, ein ähnliches Bild. Die städtische Tiefgarage aus dem Jahr 1971 ist ein Sanierungsfall. Im Herbst mussten Teile der Domplatte kurzfristig gesperrt werden, weil Statik und Brandschutz akute Probleme machten. Nun sollen zunächst 4,1 Millionen Euro für die dringlichsten Ausbesserungsarbeiten freigegeben werden – wohlgemerkt noch nicht für die eigentliche Generalsanierung, deren Beginn, Umfang und Kosten völlig offen sind. Die Erklärung der Verwaltung für den desolaten Zustand: Es handele sich um Lochfraß, „von außen kaum bis gar nicht erkennbar“. Als ob ein 54 Jahre altes Betonbauwerk unter einer der meistbesuchten Plätze der Stadt keine regelmäßige, tiefgreifende Inspektion verdient hätte.

Täglich laufen Tausende Menschen über diesen Platz. Konzerte finden dort statt, der Weihnachtsmarkt, das alltägliche Kölner Leben zwischen Dom und Hauptbahnhof. Die Decke der Tiefgarage ist gleichzeitig der Boden, auf dem das alles geschieht. Man weiß das seit Jahrzehnten – und hat jahrzehntelang zugesehen.

Das ist Kölner Infrastrukturpolitik in ihrer reinsten Form: nichts tun, bis Gefahr in Verzug ist, dann in Panik teures Stückwerk beauftragen, und am Ende weiß niemand mehr, wer eigentlich verantwortlich war.

Und dann ist da noch Olympia

Während das Agrippabad bröckelt und die Tiefgarage unter dem Dom notdürftig gestützt wird, trommelt Ministerpräsident Hendrik Wüst für die Olympia-Bewerbung Köln/Rhein-Ruhr. Jede zehnte Karte – rund 1,4 Millionen Tickets – solle günstig angeboten werden, „gezielt für Jugendliche, Familien sowie Engagierte im Sport“. Volle Stadien, große Bühne, Olympia für alle. Die Bilder sind schön.

Was Wüst nicht sagt: Es sind Versprechen für Spiele, die frühestens 2036 stattfinden – wenn überhaupt. Erst müssen die Bürgerinnen und Bürger in den beteiligten Kommunen zustimmen, dann der Deutsche Olympische Sportbund die NRW-Bewerbung gegenüber München, Hamburg und Berlin bevorzugen, dann das Internationale Olympische Komitee Köln den Zuschlag erteilen. Drei Hürden, ein Jahrzehnt Vorlauf, Kosten, die niemand seriös beziffert.

Die Briefwahl läuft bis zum 19. April, das Ergebnis wird am 29. April verkündet. Der Zeitpunkt der Ticketankündigung ist kein Zufall. Man spricht nicht über Kosten und Risiken, man spricht über Jugendliche und Ehrenamtler und Vorbilder. Wer dagegenstimmt, stimmt im Framing des Ministerpräsidenten gegen all das. Das ist kein Argument – das ist Inszenierung.

Der Kontrast spricht für sich: Eine Stadt, die ihr Hallenbad nicht instand halten kann und deren zentrale Tiefgarage unter dem bekanntesten Platz der Stadt jahrzehntelang verkommen ist, bewirbt sich um die Ausrichtung Olympischer Spiele. Das muss man erst einmal aushalten.

Das eigentliche Problem

Es wäre zu einfach, das alles als Kölner Schlamperei abzutun. Was sich hier zeigt, ist struktureller Natur. Kommunale Infrastruktur ist unspektakulär. Sie bringt keine Schlagzeilen, solange sie funktioniert. Niemand wird Ministerpräsident, weil er Tiefgaragen rechtzeitig saniert hat. Aber wer Olympia nach NRW holt – oder es wenigstens verspricht –, der steht im Rampenlicht.

So entsteht ein systematischer Anreiz zur Vernachlässigung des Notwendigen zugunsten des Sichtbaren. Das Agrippabad wird seit Jahrzehnten auf Verschleiß gefahren. Die Tiefgarage am Dom auch. Beides war bekannt, beides wurde aufgeschoben. Jetzt ist die Rechnung fällig – und die Bürgerinnen und Bürger zahlen sie, während die Verantwortlichen längst in anderen Ämtern sitzen oder gar nicht mehr auffindbar sind.

Olympia 2036 oder 2040 oder 2044 – das klingt groß und weit weg. Das Agrippabad ist geschlossen. Jetzt. Die Domplatte wird gestützt. Jetzt. Das ist die Realität, in der Köln gerade lebt. Es wäre schön, wenn die Politik das auch täte.

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Olympia in Köln

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