Wer das Interview mit der VDA-Präsidentin Hildegard Müller in der überregionalen Tagespresse las, konnte zwei Texte gleichzeitig sehen. Den einen, den die Zeitung druckte: ein scheinbares Gespräch zwischen Journalisten und einer Spitzenrepräsentantin der deutschen Wirtschaft. Und den anderen, der zwischen den Zeilen stand: eine ungefilterte Pressemitteilung des Verbandes der Automobilindustrie, freundlich aufbereitet im Dialogformat.
Eine Bühne, keine Befragung
Schon der dramaturgische Aufbau verrät die Funktion des Gesprächs. „Sie sehen besorgt aus“, heißt es an einer Stelle. Das ist keine Frage, sondern ein Stichwort. Es liefert der Lobbyistin die Vorlage, um die zentrale Botschaft des Tages zu platzieren: nicht mehr 190.000, sondern 225.000 Arbeitsplätze in Gefahr.
Die journalistische Aufgabe einer Befragung – Behauptungen prüfen, Quellen hinterfragen, eigene Interessen offenlegen – findet nicht statt. Wer das Format eines Interviews wählt, signalisiert dem Publikum Distanz und Unabhängigkeit. Wer dann aber so fragt, wie es hier geschah, liefert in Wahrheit eine Bühne mit Frageform.
Die Frau hinter dem Mikrofon
Hildegard Müller ist keine neutrale Beobachterin der deutschen Wirtschaft. Sie war CDU-Bundestagsabgeordnete, Staatsministerin im Kanzleramt unter Angela Merkel, anschließend Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft – also der zentralen Energielobby – und seit 2020 Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie.
Eine klassische Drehtür-Karriere zwischen Politik und Wirtschaftsinteressen. Wenn sie heute „gravierende Standortkrise“ sagt, ist das keine Analyse, sondern Berufsausübung. Das ist nicht ehrenrührig. Aber es gehört in jeden seriösen Vorspann eines solchen Interviews. Es fehlt.
Die Verschiebung der Verantwortung
Inhaltlich vollzieht das Gespräch eine bemerkenswerte Operation. Die Verantwortung für den Niedergang der deutschen Automobilindustrie wird umstandslos verlagert: weg von den Konzernen, hin zum Staat. Schuld sind, in dieser Lesart, hohe Steuern, teure Energie, Lohnkosten, Bürokratie.
Was nicht vorkommt: die eigenen strategischen Entscheidungen der Branche. Wer hat den Wandel zur Elektromobilität mehr als ein Jahrzehnt lang ausgesessen, während China und Tesla aufbauten? Wer hat auf großvolumige Verbrenner und SUVs gesetzt, statt bezahlbare Modelle für den Massenmarkt zu entwickeln? Wer hat die Abgaswerte manipuliert? Von alldem kein Wort. Die Industrie erscheint als Opfer der Umstände, nicht als Akteurin eigener Fehlentscheidungen.
Tesla, Grünheide, und das Argument, das nicht passt
Besonders aufschlussreich ist die Stelle, an der die Journalisten Tesla erwähnen – das Werk in Grünheide stellt gerade 1000 neue Beschäftigte ein. Müllers Antwort: „Der Vergleich hinkt also.“ Tatsächlich hinkt er nicht. Tesla produziert in Brandenburg unter exakt denselben Bedingungen, die Müller drei Antworten lang beklagt: hohe Löhne, teure Energie, deutsche Bürokratie.
Wäre der Standort das eigentliche Problem, würde Tesla diese Investitionsentscheidung nicht treffen. Das Problem liegt eher darin, dass deutsche Hersteller keine Elektroautos in dem Preissegment anbieten, das der Markt verlangt. Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch Subventionen, sondern durch Produkte. Diese Einsicht hätte das Interview tragen können. Sie wird umgangen.
Zahlen aus dem eigenen Auftrag
Die zentrale Zahl der Schlagzeile – 225.000 statt 190.000 verlorene Arbeitsplätze – stammt aus einer Studie von Prognos. Was im Interview nicht erwähnt wird: Prognos arbeitet im Auftrag des VDA. Die Zahl ist also nicht das Ergebnis unabhängiger Forschung, sondern eine vom Auftraggeber bestellte Berechnung, die im richtigen Moment veröffentlicht wird, um genau die politischen Forderungen zu stützen, die der VDA seit Jahren erhebt: Kaufprämien, billigerer Ladestrom, weniger Regulierung.
Im selben Atemzug beklagt Müller, dass manche Politiker „rhetorische Floskeln“ benutzten. Das ist bemerkenswert für jemanden, dessen Antworten zu großen Teilen aus eben solchen Floskeln bestehen – „wirtschaftliche Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg“ wäre als Beispiel zu nennen.
Das eigentliche Versagen
Lobbyarbeit ist legitim. Verbände vertreten Interessen, das ist ihre Aufgabe. Das eigentliche Versagen liegt nicht bei Müller, sondern bei der Redaktion, die ihr diese Bühne bereitet hat.
Welche Fragen wurden nicht gestellt? Wie hoch waren die Boni und Dividenden in den betroffenen Konzernen, während Stellen abgebaut wurden? Wie hoch sind die Lobbyausgaben des VDA in Berlin und Brüssel? Welche personellen Verbindungen bestehen zwischen Industrie, Ministerien und Verbänden? Welche strategischen Fehlentscheidungen der Vorstände haben zur heutigen Lage geführt? Keine einzige dieser Fragen taucht auf.
Was bleibt, ist ein Text, der wie Wirtschaftsjournalismus aussieht und wie Public Relations funktioniert. Die Leserschaft erhält die Botschaft des Lobbyverbandes – mit dem Glaubwürdigkeitsbonus, der dem Format eines journalistischen Interviews anhaftet. Das ist nicht nur ein Problem dieses einen Textes. Es ist das Muster, in dem politische und wirtschaftliche Großinteressen sich seit Jahren ungefilterten Zugang zur Öffentlichkeit verschaffen, während die journalistische Distanz zur Pose verkommt.