Söder bei Lanz: Wenn Talkshows die Krise als Personalfrage verwalten

Ein Jahr nach der Vereidigung von Friedrich Merz steht die schwarz-rote Koalition in den Umfragen schlechter da als die Ampel an gleicher Stelle. Die CDU liegt hinter der AfD, die SPD verliert Landtagswahlen, der Kanzler appellierte am vergangenen Sonntag bei Caren Miosga fast flehentlich an seinen Koalitionspartner, die notwendigen Reformen jetzt auch wirklich anzugehen. In dieser Lage hat das ZDF am Donnerstagabend eine vertraute Lösung angeboten: eine Lanz-Runde, in der über Söder spekuliert wird.

Was lief

Markus Söder hatte angekündigt, keine Essensbilder mehr in den sozialen Medien zu posten. Anlass waren die enttäuschenden Kommunalwahlergebnisse der CSU – in München zog ein Grüner ins Rathaus, in der Fläche legten die Freien Wähler zu, und in der Landtagsfraktion mehren sich Zweifel am Vorsitzenden. Aus diesem Stoff machte die Lanz-Redaktion eine Sendung über den Kanzler, der nicht stattfindet.

Der Politikjournalist Robin Alexander deutete Söders Social-Media-Pause als Flucht nach vorn: „Söder brennt der Rock an allen Ecken“, der CSU-Chef sehe in der Berliner Krise eine Chance, sich bundesweit zurückzumelden. Lanz reichte das an Karl Lauterbach weiter, mit der Pointe, der Bayer habe ohne Wurstposts ja nun mehr Zeit für Politik. Lauterbach antwortete mit dem einzigen analytisch tragfähigen Satz des Abends: Söder als Merz-Nachfolger wäre keine Bedrohung, denn er würde es auch nicht besser machen. Von daher: so what?

Die Form

Was hier stattfand, war eine Liturgie. Die Lanz-Runde verwaltet eine Regierungskrise nicht durch Analyse, sondern durch Personalisierung. Welcher Mann könnte den jetzigen Mann ersetzen? Die Krise wird so klein gemacht, dass sie wieder ins Format passt.

Der Reformstau, das Misstrauensgefälle zwischen Union und SPD, der Aufstieg der AfD, die strukturelle Unfähigkeit der Volksparteien, ein gemeinsames Bild von Wirklichkeit zu erzeugen – all das verschwindet hinter der Frage, ob ein bayerischer Ministerpräsident, dessen eigene Partei gerade Kommunalwahlen verloren hat, der bessere Bundeskanzler wäre. Die Antwort, sollte sich jemand für sie interessieren, lautet vermutlich: nein. Aber sie ist auch nicht die richtige Frage.

Söders Lage

In Bayern ist Söder nicht in der Position eines Anwärters, sondern in der eines Politikers, dessen eigene Basis die Geduld verliert. Wer in dieser Lage als möglicher Bundeskanzler diskutiert wird, ist nicht ein politisches Schwergewicht im Anflug. Es ist ein Akteur, der versucht, dem inneren Druck durch ein neues Außenbild zu entkommen – durch das Wegrasieren des Bartes, durch das Ende der Wurst-Posts, durch die wiederholte Andeutung bundespolitischer Reichweite. Die Talkrunde leistet dabei Beihilfe, ohne dies zu reflektieren.

Was Lauterbachs Antwort tatsächlich entlarvt

Wenn der einzige verfügbare Ersatzkandidat auch nicht besser wäre als der amtierende Kanzler, dann ist das kein Argument gegen Söder. Es ist ein Argument gegen die Frage. Es ist eine Auskunft darüber, in welchem Zustand das Spitzenpersonal der Volksparteien sich befindet: austauschbar, weil keiner der möglichen Namen ein anderes politisches Angebot trägt. Söder, Wüst, Spahn, Günther – die Variation liegt im Auftreten, nicht im Programm.

Das ist die eigentliche Berliner Krise. Sie wird nicht gelöst, indem ein Talkshow-Stuhl von Merz auf Söder umetikettiert wird.

Was öffentlich-rechtlich finanziertes Fernsehen leisten könnte

Eine Sendung über die Lage der Koalition nach einem Jahr hätte andere Fragen anbieten können. Warum reichen die getroffenen Entscheidungen nicht, um Stimmung zu drehen? Warum sehen Union und SPD die Wirklichkeit nicht gemeinsam? Warum wandert Vertrauen zur AfD ab, obwohl die Konkurrenz Reformen ankündigt? Welche strukturellen Probleme – Föderalismus, Sozialversicherungssysteme, Kommunikation in Krisen – arbeiten gegen jede Regierung dieser Konstellation?

Diese Fragen lassen sich nicht in einer Personalspekulation auflösen. Sie sind aufwendiger, weniger telegen und in den sozialen Medien weniger algorithmisch belohnt. Sie wären aber das, was ein gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Rundfunk leisten soll. Stattdessen rotiert das Karussell weiter: heute Söder, in zwei Wochen Wüst, im Sommer wieder Spahn. Na und?

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