Die ZEIT hat sich der Sommer-Klassiker-Frage angenommen, wie man im Urlaub vom Smartphone loskommt, und liefert dazu 22 Tipps. Die Liste beginnt konsequent mit „Smartphone aus“ – und rudert im zweiten Punkt sofort zurück: „Zu radikal? Na gut.“ Von dort an wird der Text zu einer Anleitung im Klein-Klein der Betriebssystem-Einstellungen: Fokus-Modi, Farbfilter, App-Sperren mit Partner-Code, eine App, die einen digitalen Baum wachsen lässt, solange man das Handy nicht anfasst.
Die schiere Zahl der Tipps ist selbst schon eine Aussage. Wer 22 unterschiedliche, teils tief in Systemeinstellungen führende Handgriffe braucht, um sich vor einem Alltagsgegenstand zu schützen, hat es nicht mit einem neutral gestalteten Werkzeug zu tun, sondern mit einem Produkt, dessen Grundeinstellung auf Bindung ausgelegt ist. Diese Einsicht formuliert der Artikel an keiner Stelle. Er behandelt die Bindungswirkung als gegeben und die Gegenwehr als individuelle Fleißaufgabe.
Genau darin liegt das Muster, das sich durch weite Teile der aktuellen Berichterstattung zu digitalen Themen zieht: die Individualisierung kollektiver Versäumnisse. Kein einziger der 22 Punkte richtet sich an die Anbieterseite. Keine Forderung nach Interface-Regulierung, keine Erwähnung von Verhaltensdesign als Geschäftsmodell, kein Hinweis auf regulatorische Instrumente wie den Digital Services Act. Stattdessen wird die gesamte Last der Verhaltensänderung auf die Nutzerin, den Nutzer verlagert – mit der stillschweigenden Prämisse, exzessive Smartphone-Nutzung sei in erster Linie ein Frage der persönlichen Disziplin, nicht der Produktarchitektur.
Bezeichnend ist auch, was in der Liste fehlt. Punkt 21 empfiehlt, bei fehlender Sportlichkeit ersatzweise „eine Kugel Vanilleeis und ein kleines Glas Campari“ in die Hände zu nehmen, weil man dabei schlecht aufs Handy schauen könne. Der Ton bleibt durchweg unterhaltsam, streift aber am eigentlichen Mechanismus vorbei: Suchtverhalten wird mit Konsumtipps behandelt, nicht mit einem Verständnis der zugrunde liegenden Belohnungsmechanik. Die Kommentarspalte unter dem Artikel bemerkt diese Lücke selbst. Ein Leser vermisst explizit die Auseinandersetzung mit „Entzugserscheinungen“ und einem „auf Dopamin, Doomscrolling & Co trainierten Hirn“ – ein Hinweis darauf, dass das Publikum den blinden Fleck des Ratgeberformats klarer sieht als die Redaktion selbst.
Ein zweiter blinder Fleck betrifft jene, für die Erreichbarkeit keine Gewohnheit, sondern Notwendigkeit ist. Ein Kommentar schildert den Fall einer Herzrhythmusüberwachung per Smartphone sowie den Kontakt zur 95-jährigen Mutter – Konstellationen, die im Ratgeber schlicht nicht vorkommen, weil dessen Zielgruppe stillschweigend als gesunde, disziplinfähige Person mit austauschbaren Kommunikationskanälen gedacht ist.
Bemerkenswert ist schließlich die Position des Mediums selbst. Der Artikel erscheint auf einer Plattform, die selbst mit Newslettern, Push-Mitteilungen, Teilen-Funktionen und algorithmisch sortierten Empfehlungen um Aufmerksamkeit konkurriert – Bestandteil derselben Aufmerksamkeitsökonomie, deren Symptome hier behandelt werden sollen. Die Frage, wer von der permanenten Verfügbarkeit des Publikums eigentlich profitiert, wird nicht gestellt. Cui bono bleibt unbeantwortet, weil sie außerhalb des gewählten Rahmens liegt: Ratgeber-Journalismus adressiert Verhalten, nicht Struktur.
Am Ende der Liste findet sich noch ein Seitenhieb auf Friedrich Merz, der angeblich selbst dann erreichbar bleiben müsse, wenn „etwas explodieren“ könnte. Der Scherz trifft unfreiwillig den wunden Punkt des gesamten Formats: Für die einen ist Nichterreichbarkeit eine Frage der Selbstdisziplin und der richtigen Einstellungen-App. Für die anderen eine Frage der Position im System. Beides in eine Tipp-Liste zu packen, verwischt genau den Unterschied, um den es eigentlich ginge.