Mündigkeit als Sparmaßnahme: KI-Prompts statt Medienkompetenz-Etat

Der WDR hat zum Schulanfang eine Anleitung veröffentlicht, wie Schülerinnen und Schüler KI-Chatbots richtig nutzen. Nicht als Ghostwriter, sondern als sokratischen Dialogpartner, der Fragen stellt statt Antworten liefert. Die Botschaft: Wer die KI klug befragt, wird klüger. Wer sie nur ausbeutet, bleibt dumm. Am Ende steht Kant, „Sapere aude“, die zweite Aufklärung.

Auffällig ist zunächst die Quellenlage. Zentrale Stichwortgeberin des Artikels ist eine Unternehmensberaterin, die sich selbst „Tech-Philosophin“ nennt und deren Buch in der Quellenliste des Beitrags auftaucht – neben WDR-Interviews und einer Studie. Eine Marktteilnehmerin wird zur unabhängigen Expertin, ohne dass der Text diesen Umstand thematisiert. Die vier vorgestellten Prompt-Beispiele sind im Kern Werbematerial für die eigene Publikation, verpackt als pädagogischer Ratgeber.

Interessanter als diese Verwechslung ist aber, was die Beraterin selbst zugibt: An den meisten Schulen komme der Umgang mit KI „noch viel zu kurz“ und hänge „häufig vom persönlichen Interesse der Lehrkräfte ab“ – „das ist noch Wilder Westen“. Das ist eine Aussage über fehlende Fortbildung, fehlende Ausstattung, fehlende verbindliche Curricula. Über Strukturen also. Der Artikel verwandelt diese strukturelle Diagnose jedoch nahtlos in eine Frage der individuellen Gesprächsführung: fünf Anweisungen für den perfekten Prompt, und schon ist die Unmündigkeit überwunden.

Das Projekt KIMADU, an dem 25 Schulen in NRW beteiligt sind, dient dabei als Beleg für Fortschritt. Wie viele Schulen es in Nordrhein-Westfalen insgesamt gibt, wie sich die 25 also einordnen lassen, bleibt unerwähnt. Eine Zahl ohne Nenner ist keine Information, sondern eine Stimmung.

Diese Stimmung passt zur aktuellen Haushaltslage. Für 2027 plant das Land eine Kürzung der Medienkompetenzförderung um rund ein Viertel – in demselben Sommer, in dem Medienminister Nathanael Liminski sich auf der Gamescom neben Bundespräsident Steinmeier zeigen ließ. Die strukturelle Investition, die aus dem „Wilden Westen“ tatsächlich einen geordneten Raum machen würde – Lehrkräftefortbildung, verbindliche Curricula, technische Ausstattung –, wird zurückgefahren, während die Erzählung von der KI-Mündigkeit ausgebaut wird. Was fehlt, wird durch einen Appell an die Persönlichkeit ersetzt.

Kants „Sapere aude“ war ein Aufruf, sich der eigenen Vernunft zu bedienen, weil die Fähigkeit dazu vorhanden, aber der Mut nicht aufgebracht wurde – „nicht Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes“. Wer den Satz heute auf ein Schulsystem anwendet, dem gerade die materiellen Voraussetzungen für ebendiese Mündigkeit gekürzt werden, verschiebt die Diagnose. Es fehlt dann nicht am Mut der Schülerinnen und Schüler, sondern an der Bereitschaft der Institutionen, die Bedingungen dafür zu finanzieren.

Schreibe einen Kommentar