Rentenreform: Länger arbeiten sollen, aber rausgedrängt werden

Die Rentenkommission hat in diesem Sommer ihre Vorschläge vorgelegt, und der Kern ist schnell erzählt: Wer nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen kann, soll das künftig nicht mehr können. Das Blockmodell in der Altersteilzeit – zwei oder drei Jahre Vollzeit bei halbem Gehalt, dann ebenso lange Freistellung bei halbem Gehalt – soll ebenfalls fallen. Die Begründung ist immer dieselbe: Deutschland braucht mehr Arbeitsjahre, die geburtenstarken Jahrgänge müssen länger im Erwerbsleben bleiben.

Was in dieser Rechnung fehlt, ist ein zweiter Satz. Denn während die Kommission von den Älteren mehr Arbeitsjahre verlangt, bauen genau die Unternehmen, die diese Arbeitsjahre eigentlich abnehmen müssten, die entsprechenden Stellen ab. VW, Audi, Daimler-Benz, SAP – überall dieselbe Bewegung: großzügige Abfindungen, Frühverrentung, Altersteilzeit, um teure ältere Belegschaften sozialverträglich zu verkleinern. Audi rühmt sich sogar öffentlich, seinen Stellenabbau ausschließlich über diese Instrumente zu organisieren.

Die Zahlen, die der SPIEGEL-Kolumnist Hermann-Josef Tenhagen dazu zusammenträgt, sind aufschlussreich, weil sie zwei gegenläufige Trends gleichzeitig zeigen. Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen ist von 2020 bis 2024 von 60,5 auf 67,6 Prozent gestiegen – die Boomer arbeiten also tatsächlich länger, ganz ohne Reform. Zugleich ist die Arbeitslosigkeit in genau dieser Altersgruppe überproportional gewachsen: Ein Drittel aller Arbeitslosengeldbezieher ist inzwischen 55 Jahre oder älter. Die Gruppe, die angeblich zu wenig arbeitet, arbeitet mehr als je zuvor – und wird gleichzeitig aus dem Arbeitsmarkt gedrängt, sobald es teuer wird.

Bemerkenswert ist, wie die beiden Seiten reden, ohne sich je zu widersprechen. Die Rentenkommission spricht zu den Beschäftigten: Verzichtet auf die abschlagsfreie Frührente, bleibt länger. Der Arbeitgeberverband der privaten Banken spricht zur Politik: Erhaltet das Blockmodell, weil es unsere Chance ist, „sozialverträglich mit der KI-Revolution umzugehen“ – eine Formulierung, die im Klartext bedeutet, ältere Jahrgänge geordnet aus den Betrieben zu befördern. 82 Prozent aller Altersteilzeitfälle laufen laut Arbeitsministerium bereits im Blockmodell, 99 Prozent nach Angaben des Bankenverbands. Beide Seiten benutzen dasselbe Instrument, um in entgegengesetzte Richtungen zu argumentieren, und beide haben recht, weil sie über unterschiedliche Etagen sprechen: Die Kommission über die Beitragsjahre im System, die Arbeitgeber über die Stellen im Betrieb.

Diese Konstruktion hat eine Leerstelle, die in der öffentlichen Debatte selten benannt wird. Es gibt inzwischen ein ganzes Arsenal an Anreizen, damit Ältere bleiben wollen: Abschlagsregelungen, Steuerförderung für den Zukauf von Rentenpunkten, flexible Übergänge zwischen Teilzeit, Teilrente und Vollrente. Es gibt keinen einzigen Mechanismus, der Unternehmen verpflichtet, ältere Fachkräfte auch zu wollen. Die Reform reguliert die Angebotsseite bis ins Detail und überlässt die Nachfrageseite vollständig dem freien Ermessen der Betriebe – inklusive des Ermessens, genau die Gruppe abzubauen, die man politisch zum Bleiben auffordert.

Auffällig ist auch, wen die Kommission bei alledem verschont. Der Beamtenapparat bleibt von den vorgeschlagenen Einschnitten weitgehend unberührt. Wenn schon von Verzicht die Rede sein soll, dann offenbar nur für jene, die auch den Verlust der Beschäftigung real riskieren – nicht für jene, deren Beschäftigungsverhältnis ohnehin nicht zur Disposition steht.

Am Ende bleibt eine Reform, die sich rhetorisch an die Boomer richtet, strukturell aber an einer Stelle ansetzt, die diese gar nicht kontrollieren. Wer 57 ist und nach 35 Jahren die Kündigung erhält, kann so viele Beitragsjahre anhäufen wollen, wie er will – wenn ihn niemand mehr beschäftigt, ist die Debatte über Abschläge und Frührente für ihn eine akademische. Eine Reform, die von gemeinsamem Verzicht spricht, aber nur eine Seite tatsächlich zum Verzicht verpflichtet, verschiebt ein Problem, statt es zu lösen.

Quelle: Hermann-Josef Tenhagen, DER SPIEGEL

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