Drei Monate nach dem Start des australischen Social-Media-Verbots für unter 16-Jährige liegen erste Zahlen vor. Sie sind ernüchternd, und zwar nicht nur für die australische Aufsichtsbehörde. Sie sind es auch für all jene Regierungen, die das Modell derzeit kopieren wollen – die EU-Kommission will im September eigene Pläne vorlegen.
Was die Bilanz zeigt
Vor dem Verbot hatte etwa die Hälfte der Zehn- bis Fünfzehnjährigen einen eigenen Account auf einer altersbeschränkten Plattform. Danach waren es noch etwa vier von zehn. Fragt man nicht nach eigenen Accounts, sondern nach tatsächlicher Nutzung, fällt die Bewegung noch kleiner aus: von 85,9 auf 81,5 Prozent. Ein Rückgang von gut vier Prozentpunkten – für eine Maßnahme, die eine ganze Altersgruppe aus digitalen Räumen ausschließen sollte, ist das ein Nichts.
Der Grund liegt weniger in kindlicher Findigkeit als in der Zurückhaltung der Plattformen. Von 357 befragten Jugendlichen, die ihren Account behalten konnten, gab die Hälfte an, überhaupt nicht kontrolliert worden zu sein. Mehr als ein Drittel hatte schlicht ein falsches Geburtsdatum hinterlegt. Die zuständige Behörde hat sich bereits im März bei den großen Anbietern über mangelhafte Kontrollen beschwert und Bußgelder in Aussicht gestellt.
Wer kontrolliert wurde, fand Wege. Zwölf Prozent überwanden die Prüfung mit Make-up oder einem fremden Ausweis, 8,5 Prozent legten nach einer Sperre einfach einen neuen Account an, 7,4 Prozent nutzten ein VPN. Und in 10,9 Prozent der Fälle halfen die Eltern.
Die aufschlussreichste Zahl
Diese knapp elf Prozent sind der eigentliche Befund. Sie beschreiben keinen Regelverstoß von Jugendlichen, sondern eine Maßnahme ohne Rückhalt bei denen, die sie tragen müssten. Eltern helfen beim Umgehen, weil ihnen niemand erklärt hat, wogegen genau die Regel schützen soll und was an ihre Stelle treten könnte. Ein Verbot, das nichts erklärt und nichts ersetzt, erzeugt keine Einsicht, sondern Umgehungswissen.
Parallel dazu verschiebt sich die Nutzung. Die tägliche Messenger-Nutzung stieg von vier auf fünf von zehn, die Nutzung von Videospielen von 26,5 auf 29 Prozent. Beides sind keine Schutzräume: Übergriffige Kontakte, Belästigung und suchtfördernde Designs finden sich dort ebenso. Was das Verbot bewirkt, ist keine Reduktion, sondern eine Umverteilung – mit der absehbaren Folge, dass die nächste Regulierungsrunde eben auch Spiele und Messenger erfassen wird. Ein Expertengutachten im Auftrag der EU-Kommission fordert genau das bereits.
Und das eigentliche Ziel? Die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der befragten Kinder blieben unverändert.
Die Leerstelle heißt Schule
Die Maßnahme setzt an der Verfügbarkeit an, nicht an der Fähigkeit. Das wäre verzeihlich, wenn die Fähigkeit anderswo vermittelt würde. Sie wird es nicht.
Medienkompetenz existiert in den Lehrplänen als Absichtserklärung und im Schulalltag als Bedienkompetenz. Programme werden in Grundzügen beherrscht; schon das Speichern in einem geschützten Netzwerkbereich misslingt häufig. Das ist kein technisches Detail, sondern genau die Stelle, an der Bedienen in Verstehen umschlagen müsste: Wo liegen meine Daten, wer hat Zugriff, was passiert damit. In der Praxis reduziert sich der Kompetenzbegriff nicht selten auf ein Ja, wenn ein Grundschüler fragt, ob er an den Computer darf.
Das ist kein Versagen der Kollegien. Es ist die Folge einer Ausbildung, die den Bereich nie systematisch enthielt, einer Fortbildung, die freiwillig blieb, und einer Ausstattungspolitik, die Geräte für Bildung hielt. Wer Medienkompetenz will, muss Stundentafeln ändern, Ausbildungsordnungen anfassen und Fortbildung verpflichtend machen. Das kostet Geld und dauert länger als eine Legislaturperiode. Ein Verbot ist billiger, schneller und sichtbarer.
Was den Kreislauf antreibt
Während über Altersgrenzen für Instagram debattiert wird, bewirbt RTL seine Toggo-App massiv als Angebot für die Kleinsten. Die Ruhigstellungsinfrastruktur für Vorschulkinder ist längst etabliert – nur eben nicht auf jenen Plattformen, über die die Politik spricht. Das Gerät tritt an die Stelle von Zuwendung, lange bevor irgendein Account eröffnet wird.
Daraus entsteht eine Übertragung: Kinder, denen die Ansprache fehlt und die stattdessen das Display bekommen, wachsen zu Erwachsenen heran, für die genau das der Normalfall ist. Sie geben weiter, was sie kennen. Wo bereits Abhängigkeit vorliegt, kommt hinzu, dass sie sich selbst nicht sieht – Fehlen von Einsicht ist ihr Definitionsmerkmal, nicht ihr Nebeneffekt. Aufklärungskampagnen, die auf elterliche Selbsterkenntnis setzen, laufen deshalb strukturell ins Leere.
Man wäre versucht, das ein Perpetuum mobile zu nennen. Das trifft es nicht ganz, und der Unterschied ist entscheidend. Ein Perpetuum mobile läuft ohne Zufuhr. Dieser Kreislauf läuft, weil ständig zugeführt wird: durch Plattformdesign, durch Werbung für die Beschäftigung von Kleinkindern, durch eine Schule ohne Auftrag, durch eine Politik, die Verbote finanziert statt Bildung. Das ist kein Naturgesetz, sondern eine Summe von Entscheidungen. Und Entscheidungen lassen sich revidieren.
Verbot als Ersatzhandlung
Bleibt die Frage, warum die naheliegende Antwort so beharrlich nicht gegeben wird. Erkennen zwänge zum Handeln, Handeln kostet Geld, und Geld ist gebunden. Das Verbot löst dieses Problem elegant: Es verlagert eine Bildungsaufgabe, die der Staat selbst nicht erfüllt, auf die Alterskontrollen privater Plattformen – und macht anschließend Kinder und Eltern für das Scheitern verantwortlich. Am Ende steht die Zehnjährige mit dem falschen Geburtsdatum im Profil als Regelbrecherin da.
Es ist das inzwischen vertraute Muster: die Individualisierung kollektiver Versäumnisse. Drei Instanzen versagen – Elternhaus, Schule, Politik –, und die Rechnung übernimmt das Kind. Australien hat vorgeführt, was dabei herauskommt, wenn man am Symptom dreht und den Antrieb unangetastet lässt. Die europäischen Pläne im September werden zeigen, ob jemand hingesehen hat.
Quelle: netzpolitik.org, Australien zieht Bilanz: Fünf erste Lehren aus dem Social-Media-Verbot
Zum Thema Schule und ihre strukturellen Versäumnisse: Das System frisst seine Kinder.