Ein bescheidener Vorschlag zur Rettung der Rente

Die Rentenkommission wird am 30. Juni ihre Empfehlungen vorlegen. Drei Stellschrauben sind absehbar: Beitragslast hoch, Rentenniveau runter, Eintrittsalter nach hinten. Was in den Beratungen offenbar keine Mehrheit gefunden hat, ist ein vierter Hebel, der in der Wirkung allen anderen überlegen wäre und der ohne politische Mehrheit auskommt. Dieser Hebel verdient eine eigene Würdigung.

Der Grundgedanke

Die Rentenkasse hat ein einfaches Problem: Menschen leben zu lange. Wer mit 65 in Rente geht und mit 81 stirbt, bezieht sechzehn Jahre lang Leistungen. Wer mit 65 in Rente geht und mit 74 stirbt, kostet die Kasse neun Jahre. Wer das 65. Lebensjahr gar nicht erst erreicht, kostet sie nichts.

Eine konsequent zu Ende gedachte Reform müsste daher nicht versuchen, das Eintrittsalter hinauszuschieben. Sie müsste die Lebenserwartung der Beitragszahler senken. Vorzugsweise in der Phase zwischen Beitragsende und mittlerer Bezugsdauer, also zwischen dem 65. und dem 75. Lebensjahr.

Operationalisierung

Vorgeschlagen wird die Einführung einer „Lifestyle-Selbstverpflichtung mit beitragsfreier Mitgliedschaft“. Wer sich vertraglich bindet, eine Lebensweise zu führen, die seine statistische Lebenserwartung um mindestens fünf Jahre unter den Bundesdurchschnitt drückt, wird von der Beitragspflicht zur gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung befreit.

Die qualifizierenden Verhaltensweisen lassen sich gut messen: Tagesrhythmus mit weniger als 3.000 Schritten, BMI über 32, Nikotinkonsum von mindestens 20 Zigaretten täglich, Alkoholkonsum oberhalb der WHO-Risikogrenze, Mittagessen ausschließlich aus dem Lieferdienst. Eine vierteljährliche Selbstauskunft, kombiniert mit stichprobenartigen Pulsmessungen, würde genügen. Wer aus dem qualifizierten Bereich herausfällt, zahlt Beiträge rückwirkend nach.

Der Härtefall: Robuste Konstitutionen

Natürlich existiert das Risiko, dass einzelne Teilnehmer trotz ungesunder Lebensweise alt werden. Diesem Härtefall lässt sich begegnen, indem nach Vollendung des 70. Lebensjahres eine Sonderprämie für „Verstetigung der Lebensführung“ gezahlt wird — finanziert aus der Beitragsersparnis der konsequenter Verstorbenen.

Die unangenehme Pointe

Was als Satire eingeleitet wurde, hat einen Haken: Das Modell ist bereits in Betrieb. Die Studien des DIW und des Robert-Koch-Instituts sind in ihrem Befund eindeutig: Männer aus armutsgefährdeten Haushalten leben rund fünf bis sechseinhalb Jahre kürzer als ihre wohlhabenden Geschlechtsgenossen. Zwischen dem ärmsten und dem reichsten Fünftel beträgt der Abstand rund zehn Jahre. 27 Prozent der Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe sterben vor dem 65. Lebensjahr. In der höchsten sind es 14 Prozent.

Diese Zahlen bedeuten in der Logik einer umlagefinanzierten Rentenversicherung exakt das, was der satirische Vorschlag explizit ausspricht: Ein erheblicher Teil derer, die ein Leben lang eingezahlt haben, erreicht die Auszahlungsphase nie. Ihre Beiträge bleiben im System und finanzieren die Renten derer, die länger leben — und das sind statistisch jene mit höherem Einkommen, besserer Bildung, weniger körperlich belastenden Berufen.

Das deutsche Rentensystem profitiert seit Jahrzehnten von einer Mortalitätsumverteilung, die in keinem Reformpapier benannt wird. Sie ist der unausgesprochene Stabilisator. Die RKI-Daten dokumentieren den Mechanismus, das System lebt davon — und schweigt darüber.

Was bleibt zu sagen

Der bescheidene Vorschlag, ungesunde Lebensweise mit Beitragsfreiheit zu belohnen, wäre nur die ehrliche Variante eines Verfahrens, das ohnehin läuft. Der Unterschied liegt nicht in der Wirkung, sondern in der Form: Das eine wäre als Reform sichtbar und damit politisch unhaltbar. Das andere ist statistisch dokumentiert und politisch unsichtbar — und damit beruhigend.

Insofern muss die Rentenkommission die Empfehlung nicht aussprechen. Das Modell funktioniert auch so. Es funktioniert sogar besser, weil niemand widersprechen kann, was niemand benennt.

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