Der Anteil an Quer- und Seiteneinsteigern in deutschen Kollegien steigt, und die GEW sagt, es fehle an Zeit und Personal für Begleitung. Das stimmt vermutlich. Aber es verfehlt die eigentliche Pointe.
Der Artikel der Frankfurter Rundschau ist in seiner Diagnose so solide wie erwartbar: Der Anteil der Lehrkräfte ohne Lehramtsstudium hat sich laut nationalem Bildungsbericht binnen zehn Jahren von sechs auf zwölf Prozent verdoppelt. GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze erklärt das mit fehlender Fortbildung, fehlender Begleitung, fehlender Zeit. Die These lautet: Wenn man den Menschen mehr Unterstützung gäbe, würde die Integration gelingen.
Das ist die Ressourcen-Erklärung. Sie ist nicht falsch. Sie ist nur unvollständig, und zwar an einer Stelle, die aus dreißig Jahren Schulalltag heraus schwer zu übersehen ist.
Das Problem ist nicht nur, dass niemand Zeit hat
Ein Kollegium ist kein neutrales System, das Neuankömmlinge nach Verfügbarkeit integriert oder eben nicht integriert. Ein Kollegium ist ein soziales Gebilde, das sich über Jahre, oft Jahrzehnte stabilisiert. Es kommt vor, dass ein Referendar an eine Schule kommt und vierzig Jahre später an derselben Schule in Pension geht. Solche Kollegien kennen sich nicht kollegial, sie kennen sich biografisch.
Ein System, das sich so lange selbst reproduziert, entwickelt zwangsläufig einen Erwartungshorizont gegenüber allem Neuen: Es wird nicht gefragt, was die neue Kollegin oder der neue Kollege mitbringt, sondern wie schnell sie oder er sich einpasst. Der Idealfall, den man sich wünschen würde – neue Impulse treffen auf ein aufnahmefähiges System – ist strukturell die Ausnahme. Der Normalfall ist eher: Da kommt jemand, den muss man einnorden.
Für grundständig ausgebildete Lehrkräfte ist das unangenehm, aber verkraftbar, weil sie zumindest die Fachsprache, die Rituale des Referendariats, den gemeinsamen Ausbildungshintergrund teilen. Für Quer- und Seiteneinsteiger, die ohnehin schon als Fremdkörper im System gelten, potenziert sich dieser Anpassungsdruck. Sie sollen sich fachlich, didaktisch und methodisch neu erfinden – und gleichzeitig in ein Sozialgefüge einpassen, das keine Aufnahmeroutine für Fremdes kennt, weil es seit Jahrzehnten nicht gebraucht hat, eine zu entwickeln.
Das ist kein Argument gegen Quer- und Seiteneinstieg. Es ist ein Argument dafür, dass die Debatte an der falschen Stelle ansetzt. Man diskutiert Qualifizierungstage, Mentoring-Programme, multiprofessionelle Teams – alles Instrumente, die am Individuum ansetzen, das sich anpassen soll. Man diskutiert nicht, dass geschlossene Kollegien selbst ein strukturelles Problem sind, unabhängig davon, wer neu hinzukommt.
Eine unrealistische, aber diagnostisch nützliche Idee
Man könnte dem theoretisch begegnen, indem man Kollegien in einer Stadt wie Köln beispielsweise alle zehn Jahre durchmischt, sodass sich kein System so lange verfestigt, dass es Neues grundsätzlich als Störung behandelt. Realistisch ist das nicht, dafür sind Verwaltungsaufwand und Widerstand zu groß. Aber als Gedankenexperiment zeigt die Idee etwas: Die aktuelle Debatte kennt nur eine Stellschraube, nämlich die Qualifikation der Ankommenden. Sie kennt keine Stellschraube für die Aufnahmefähigkeit des Systems, das sie aufnehmen soll.