Ein Jahr vor der Landtagswahl hat die NRW-SPD entdeckt, dass es in den Grundschulen Probleme gibt. Ihr designierter Spitzenkandidat Jochen Ott fordert eine Kita-Pflicht im Jahr vor der Einschulung — ein verpflichtendes „Chancenjahr“ mit mindestens 35 Wochenstunden. Hamburg, sagt Ott, habe das Konzept erfolgreich erprobt. Was genau in Hamburg erprobt wurde, sagt er nicht.
Was er stattdessen produziert, sind Konjunktive. Kinder könnten profitieren. Defizite könnten ausgeglichen werden. Mit den Mitteln der Landesregierung könnten landesweit 3000 Erzieherinnen eingestellt werden. Eine Sprache, in der vieles möglich ist, solange man es nicht durchrechnen muss.
Ein Wahlkampfkonzept, kein Förderkonzept
Die Landesregierung verweist erwartbar auf das Grundgesetz. Eltern haben das Recht, über die Betreuung ihrer Kinder vor der Schulpflicht zu entscheiden. Der Anteil der Familien, die keinen Kita-Platz in Anspruch nehmen, liegt bei rund sieben Prozent. Eine Pauschalpflicht für hundert Prozent einzuführen, um sieben Prozent zu erreichen, ist juristisch heikel und politisch eine Strategie, die mehr über die Erwartungen an einen Wahlkampf verrät als über die Sache selbst.
Denn die Sache ist ernst. Knapp jedes dritte Kind zeigt Auffälligkeiten bei der altersgemäßen Sprachkompetenz. Viele kommen in die Grundschule, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Wer in einem Klassenzimmer gestanden hat, kennt das nicht als Statistik, sondern als tägliche Lage — eine Lage, die sich nicht dadurch ändert, dass das Schulressort sie an das Jugendressort abgibt oder umgekehrt.
Was Hamburg tatsächlich macht
Otts Verweis auf Hamburg verdient eine Korrektur. Hamburg hat keine pauschale Kita-Pflicht eingeführt. Hamburg führt seit dem Schuljahr 2005/06 ein verpflichtendes Sprachscreening für alle Viereinhalbjährigen durch — auch für die Kinder, die keine Kita besuchen. Nur bei diagnostiziertem ausgeprägten Sprachförderbedarf wird ein Kind zum Besuch einer Vorschulklasse verpflichtet, was sich wiederum durch einen mindestens fünfstündigen Kita-Besuch ersetzen lässt. Eine Pflicht für alle Kinder, 35 Stunden pro Woche in eine Kita zu gehen, gibt es nicht.
Das Hamburger Modell ist also das Gegenteil dessen, was Ott vorschlägt: diagnose-gestützt statt pauschal, gezielt statt verbindlich für alle. Und selbst dieses präzise Modell stößt an Grenzen. Nach Hamburger Erhebungen weisen Kinder, in deren Familien zuhause kein Deutsch gesprochen wird, auch nach mehr als drei Kita-Jahren noch zu etwa 50 Prozent einen ausgeprägten Sprachförderbedarf auf. Sprachförderung ist eine langfristige gesellschaftliche Aufgabe, kein Verwaltungsakt mit Stundenangabe.
Die Personalfrage, die keiner stellt
Beide Vorschläge — die ABC-Klassen der CDU-Ministerin Feller zweimal die Woche zwei Stunden und das Chancenjahr der SPD mit 35 Wochenstunden — haben eine gemeinsame Voraussetzung, die niemand benennt: dass es das Personal gibt, das die Förderung übernimmt. In den Kitas fehlen Erzieherinnen. An den Grundschulen fehlen Lehrkräfte. Die 3000 Erzieherinnen, die Ott aus umgewidmeten ABC-Mitteln finanzieren will, müssten zunächst einmal existieren. Sie tun es nicht.
Das ist der Punkt, an dem alle Konzepte stranden, gleich aus welcher Partei sie kommen. Sprachförderung lässt sich nicht durch Beschluss herbeiführen. Sie braucht Menschen, die mit anderen Menschen sprechen, vorlesen, korrigieren, ermutigen, geduldig wiederholen. Wo diese Menschen fehlen, hilft weder ein neues Konzept noch ein verpflichtendes Jahr.
Symbolpolitik gegen Symbolpolitik
Die schwarz-grüne Antwort, zweimal die Woche zwei Stunden in einer ABC-Klasse, ist homöopathisch dosiert. Die SPD-Antwort, 35 Wochenstunden für alle, ist überdosiert und verfassungsrechtlich angreifbar. Beide Antworten teilen die Annahme, dass ein politisches Konzept lösen könne, was über Jahre an gesellschaftlicher Veränderung, an Personalplanung und an Bildungsfinanzierung versäumt wurde.
Was Ott vorlegt, ist kein Konzept für die frühkindliche Bildung. Es ist ein Profilierungspapier zwölf Monate vor der Wahl, formuliert im Konjunktiv und mit einem unscharfen Verweis auf eine andere Stadt. Die Kinder, um die es gehen soll, kommen darin nicht vor.