Die neue UNICEF Report Card 20 ist da, und sie liefert exakt das Ergebnis, das ein nüchterner Beobachter erwarten musste: Deutschland liegt beim Wohlbefinden von Kindern auf Platz 25 von 37 untersuchten Ländern. Im Teilbereich Bildung sogar auf Rang 34 von 41. Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik. Die Kinderarmutsquote stagniert seit Jahren bei rund 15 Prozent.
Das sind keine neuen Zahlen in einem neuen Trend. Das ist die Verstetigung einer Lage, die seit PISA 2001 dokumentiert ist und sich seither in jeder Erhebung wiederholt. Das Ranking ist nicht der Befund, der Befund ist die Stabilität dieses Rankings.
Das Geld-Argument ist erledigt
Wer den Stand zu erklären versucht, greift fast reflexhaft zur Ressourcenfrage: Es brauche mehr Lehrer, mehr Gebäude, mehr Sozialarbeiter, mehr Budget. Die Studie macht dieses Argument schwer haltbar. Rumänien landet auf Platz 9, Ungarn auf Platz 10, die Slowakei auf Platz 19 — Länder mit deutlich geringerer Wirtschaftskraft als Deutschland. Irland führt das Ranking bei den Lese- und Mathematikkompetenzen an. Slowenien und Südkorea schneiden bei teils schlechterer ökonomischer Ausgangslage besser ab.
Wenn ärmere Länder mit kleinerem Budget bessere Ergebnisse erzielen, ist die Geldfrage nicht die zentrale Frage. Die zentrale Frage ist: Wofür wird das Geld ausgegeben, und welche Struktur wird damit am Leben gehalten?
Die soziale Schere ist kein Nebeneffekt
Der wichtigste Einzelwert der Studie steht etwas versteckt: Von den Jugendlichen aus wirtschaftlich benachteiligten Familien erreichen nur 46 Prozent die grundlegenden schulischen Kompetenzen. Bei Jugendlichen aus privilegierten Familien sind es 90 Prozent.
Ein Abstand von 44 Prozentpunkten zwischen den Bildungsergebnissen je nach Herkunft ist kein Betriebsunfall des Schulsystems. Es ist sein Funktionsprinzip. Das dreigliedrige Schulsystem ist unter Bismarck als Selektionsapparat entstanden — Hauptschule für die spätere Fabrikarbeit, Realschule für die Buchhaltung, Gymnasium für die freie Berufswahl. Die Übergänge nach Klasse 4 entscheiden bis heute in weiten Teilen über Lebenswege. Dass diese Entscheidung statistisch sauber mit dem Einkommen der Eltern korreliert, ist keine Überraschung. Es ist der historisch gewollte Effekt, nur eben heute ohne historischen Auftrag.
Warum sich nichts bewegt
Reformen, die das ändern würden, sind seit Jahrzehnten politisch beschreibbar — und werden seit Jahrzehnten nicht umgesetzt. Das hat strukturelle Gründe, die in jeder ehrlichen Analyse benannt werden müssten und in den meisten politischen Statements ausgespart werden.
Die Mehrheit der Bevölkerung hat das bestehende System selbst durchlaufen. Sie kennt es, sie misstraut allem, was nicht aussieht wie das, was sie kennt. Lehrkräfte haben das System nie verlassen — Schule, Studium, Referendariat, Schule. Eltern verstehen Pädagogik überwiegend als Verlängerung eigener Schulerfahrung. Verwaltung agiert nach Vorschrift, nicht nach Konzept. Bildungsminister wechseln im Vier-Jahres-Takt, Strukturreformen brauchen zwei Jahrzehnte. Wer eine echte Reform anginge, hätte den politischen Schaden, der Nachfolger den möglichen Gewinn. Das System ist nicht reformresistent aus Bosheit. Es ist reformresistent, weil keiner der Akteure ein Interesse an der Reform hat, das größer wäre als das Interesse an der Vermeidung des Konflikts.
Die rhetorische Lücke
Der Bundespräsident, die Ministerinnen und Ministerpräsidenten werden in den nächsten Tagen erklären, dass Kinder unsere Zukunft seien, dass Bildung der wichtigste Rohstoff sei, dass man jetzt handeln müsse. Diese Sätze werden in zwei, fünf, zehn Jahren in identischer Form wiederholt werden. Sie sind nicht gelogen, sie sind nur folgenlos. Die UNICEF-Studie 2031 wird Deutschland auf Platz 24 oder 26 verorten, mit identischer sozialer Schere und identischer Stagnationsrhetorik.
Christian Schneider von UNICEF Deutschland sagt, die Bekämpfung der Kinderarmut müsse politische Top-Priorität werden. Das ist richtig, und es ist genau das, was seit zwanzig Jahren gesagt wird. Top-Priorität ist eine Frage des Haushalts, nicht der Pressemitteilung. Solange Migrationsmuseen, Stadionprojekte und Olympia-Bewerbungen leichter Mittel finden als der Ausbau ergänzender Förderung in strukturschwachen Schulen, ist die Aussage über Top-Prioritäten ungedeckt.
Das Schulsystem in Deutschland produziert verlässlich das, wofür es konstruiert wurde: eine sortierte Bevölkerung, deren Bildungschancen mit der ökonomischen Lage der Eltern korrelieren. Die UNICEF-Studie ist nicht die Diagnose eines Versagens. Sie ist die Bestätigung eines Funktionierens. Wer das ändern will, muss am System ansetzen, nicht am Etat. Und genau das tut seit Bismarck niemand.