Das Bundeskabinett hat den Haushaltsentwurf für 2027 beschlossen: 555,4 Milliarden Euro Ausgaben, davon rund 109,7 Milliarden für die Bundeswehr, finanziert über mehr als 200 Milliarden Euro neue Schulden. (ZEIT, 6.7.2026) Ein Betroffener, der zu dieser Entscheidung bislang nicht befragt wurde, hat sich zu Wort gemeldet.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Bundesfinanzminister,
sehr geehrte Damen und Herren der Bundesregierung,
mein Name ist Tammo. Ich bin acht Tage alt. Das ist nicht besonders lange, aber lang genug, um festzustellen, dass in diesem Land ziemlich viel entschieden wird, ohne die Betroffenen vorher zu fragen. Das kenne ich bereits aus eigener Erfahrung: Man hat mir bei der Geburt den Kopf festgehalten, obwohl ich noch überlegen wollte. Man hat mir Blut abgenommen, ohne zu fragen, ob ich das für eine gute Idee halte. Und jetzt lese ich – nun ja, ich lese noch nicht, aber ich habe mitbekommen, wie meine Eltern morgens über der Zeitung geseufzt haben –, dass Sie einen Haushalt beschlossen haben, der mich betrifft, bevor ich überhaupt ein Wort mitreden durfte.
Deshalb hätte ich ein paar Fragen.
Sie geben im nächsten Jahr 555,4 Milliarden Euro aus, mehr als je zuvor. Davon finanzieren Sie über 200 Milliarden Euro durch neue Schulden. Haben Sie sich dabei gefragt, wer diese Schulden eigentlich zurückzahlt? Ich frage nicht, weil ich rechnen könnte. Ich frage, weil ich der Jahrgang bin, der 2030 in den Kindergarten kommt, wenn sich Ihre Zinslast von 40 auf über 80 Milliarden Euro verdoppelt hat. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Ich wurde einfach hineingeboren.
Sie stecken ein Drittel mehr Geld in die Bundeswehr als im Vorjahr. Das mag begründet sein, ich maße mir dazu kein Urteil an – ich kann noch nicht einmal meinen Kopf lange allein halten. Aber gleichzeitig kürzen Sie bei Förderprogrammen und beim Klima- und Transformationsfonds. Haben Sie sich gefragt, in welcher Welt ich in vierzig Jahren leben werde, wenn ausgerechnet an den Stellen gespart wird, die mit meiner Zukunft zu tun haben, und nicht an den Stellen, die mit Ihrer Gegenwart zu tun haben?
Ihr eigener Sozialetat wächst auf über 200 Milliarden Euro und soll bis 2030 auf 233 Milliarden weiter steigen. Auch das habe ich mitbekommen, obwohl ich, ehrlich gesagt, gerade andere Sorgen habe – meine Windel zum Beispiel. Ich frage mich trotzdem: Wenn schon jetzt so viel für die Gegenwart ausgegeben wird, was genau haben Sie sich für meine Generation aufgehoben, außer der Rechnung?
Vielleicht haben Sie all das bedacht. Vielleicht gibt es einen klugen Plan, den ich mit acht Tagen einfach noch nicht überblicke. Falls ja, würde ich mich freuen, davon zu hören, sobald ich lesen kann. Falls nein, möchte ich Sie höflich, aber bestimmt darauf hinweisen: Ich bin nicht der Einzige, der sich diese Frage stellt. Nur die wenigsten aus meinem Jahrgang können bislang schreiben, geschweige denn wählen. Das ändert nichts daran, dass wir die Rechnung eines Tages bezahlen werden – mit Zinsen.
Zum Schluss noch ein praktischer Hinweis, ganz unpolitisch, rein aus eigener Erfahrung: Sie klagen an anderer Stelle gerne über die niedrige Geburtenrate in diesem Land. Ich kann Ihnen aus erster Hand versichern, dass Haushalte wie dieser das Problem nicht lösen werden. Meine Eltern haben sich, das habe ich mitbekommen, auch so schon gefragt, ob das alles eine gute Idee war. Wenn Sie möchten, dass mehr Menschen wie ich zur Welt kommen, sollten Sie ihnen vielleicht eine Zukunft hinterlassen, in die es sich lohnt, jemanden hineinzugebären – und nicht nur eine Zinslast.
Mit freundlichen, aber wachen Grüßen,
Tammo, 8 Tage