Zwölf Jahre lang war die Gleueler Wiese blockiert. Zwölf Jahre, in denen sich Grüne und CDU im gemeinsamen Ratsbündnis gegenseitig lähmten, während der 1. FC Köln auf neue Trainingsplätze wartete. Und dann, plötzlich, innerhalb weniger Wochen: ein Beschluss. Drei Ersatzplätze am Geißbockheim, eine Mehrheit aus SPD, CDU, FDP/KSG und – historisch genug – der Linken. Der Kölner Stadt-Anzeiger feiert das als Beleg für gelungene Demokratie, für das Modell wechselnder Mehrheiten unter Oberbürgermeister Torsten Burmester. Man könnte es auch anders lesen.
Wer eigentlich den Kalender vorgibt
Interessant ist nämlich, was in der Erzählung vom „historischen Kompromiss“ eher am Rand erwähnt wird: Der 1. FC Köln hatte bereits Anfang Juni angekündigt, im kommenden Jahr auf jeden Fall mit dem Bau des neuen Leistungszentrums zu beginnen – 50 bis 60 Millionen Euro, unabhängig davon, wie der Rat entscheidet oder wann das Oberverwaltungsgericht über die Gleueler Wiese urteilt. Dieses Gerichtsurteil, das seit 2020 aussteht, wurde nun auf den 14. August terminiert, nachdem offenbar noch etwas nachgeprüft werden musste. Nach zwölf Jahren Wartezeit hätte es auf ein weiteres halbes Jahr auch nicht mehr ankommen müssen.
Trotzdem ging es plötzlich schnell. Die Verhandlungen liefen laut Berichterstattung bis kurz vor die Ratssitzung. Man kann das als Ausdruck engagierter Sacharbeit lesen. Man kann es aber auch als das lesen, was es strukturell ist: eine Kommunalpolitik, die ihren eigenen Zeitplan nicht selbst bestimmt, sondern sich dem Investitionskalender eines Bundesligisten anpasst. Der FC baut ohnehin, mit oder ohne Rat. Die Frage war offenbar nicht mehr, ob eine Lösung kommt, sondern nur noch, ob der Rat rechtzeitig vor Baubeginn mitentscheidet oder komplett zum Zuschauer wird.
Ein Beschluss vor der eigentlichen Prüfung
Bemerkenswert ist auch, in welcher Reihenfolge hier entschieden wird. Der Rat beschließt eine grundsätzliche Zustimmung – und erst danach soll die Stadtverwaltung prüfen, ob auf der als „Kampfbahn“ bezeichneten Wiesenfläche überhaupt Flutlicht, Hybridrasen und Drainagen zulässig sind. Auch beim zweiten Trainingsplatz hängt die eigentliche Nutzbarkeit noch am OVG-Urteil vom August, weil die Fläche im alten Bebauungsplan als ökologische Ausgleichsfläche verplant ist. Politisch beschlossen ist damit vor allem eine Erwartungshaltung, keine belastbare Lösung. Die rechtliche Grundlage kommt hinterher, wenn überhaupt.
Das ist an sich kein neues Muster in der Kölner Kommunalpolitik – Beschlüsse, die mehr Signal als Substanz sind, gibt es häufiger, wenn ein Termin drängt. Neu ist hier eher, wer den Termin setzt: nicht der Wahlkalender, nicht der Haushaltsplan, sondern die Bauplanung eines privatwirtschaftlich organisierten Vereins. Grüne und Volt haben genau davor gewarnt – nicht, weil sie den FC grundsätzlich verhindern wollten, sondern weil unklar bleibt, ob der Klub sich mit den Ersatzplätzen zufriedengibt, sobald das OVG-Urteil im Herbst vorliegt. Sollte es zugunsten des alten Bebauungsplans ausfallen, steht plötzlich wieder die Gleueler Wiese im Raum – nur dass der Rat sich diesmal schon festgelegt hat.
Dass ausgerechnet die Linke zur Mehrheitsbeschafferin wurde, macht die Sache nicht weniger bemerkenswert, ändert aber nichts an der Grundstruktur: Der Rat hat sich beeilt, weil ein Unternehmen einen Zeitplan hat. Ob am Ende tatsächlich etwas Belastbares dabei herauskommt oder nur eine weitere Volte in der immer gleichen Geschichte, entscheidet sich frühestens am 14. August – wenn der eigentliche Kalender, der des Gerichts, endlich wieder das Sagen hat.