Es gibt Vokabeln, an denen man sofort erkennt, dass eine Geschichte nicht ganz sauber gelaufen ist. „Politisch gewünscht“ ist eine davon. Dieses Wort taucht in einem internen Memo einer Münchner Großkanzlei auf, die im Auftrag der Häfen und Güterverkehr Köln AG (HGK) die Projektvereinbarung mit der Kölner Thesauros-Gruppe rechtlich prüfen sollte. Es ging um nicht weniger als ein 250-Millionen-Euro-Logistikprojekt im Kölner Norden, das im Mai 2025 mit großem Pressetermin angekündigt und nicht einmal ein Jahr später vorzeitig beerdigt wurde. Über die Hintergründe berichtet aktuell der Kölner Stadt-Anzeiger. Sie sind, vorsichtig formuliert, lehrreich.
Ein Vertrag, der „keineswegs marktüblich“ war
Auf einer der größten zusammenhängenden Industrieflächen Kölns – 24 Fußballfelder, sieben Kilometer Luftlinie vom Dom, ehemals Raffinerie, heute der HGK-Tochter „Fusion Cologne“ gehörend – sollten zwei zweigeschossige Logistikhallen entstehen: „Crossroads“ und „Gateway“. Thesauros sollte die Finanzierung über einen regulierten Investmentfonds aufbauen, die Fusion Cologne GmbH die Baurechtsschaffung übernehmen. Pressetermin im Mai 2025, schöne Bilder, Begriffe wie „Multilevel-Logistik in einer neuen Dimension“. Der damalige HGK-Chef Uwe Wedig erklärte sich erfreut über die Zusammenarbeit.
Was in den Pressemitteilungen nicht stand: Die Münchner Großkanzlei, die im Auftrag der HGK den Vertrag rechtlich prüfen sollte, kam zu einer deutlich nüchterneren Einschätzung. Die Vereinbarung sei „keineswegs marktüblich“. Sie sei stark einseitig zugunsten von Thesauros ausgestaltet. Sie enthalte keinerlei Rücktritts-, Kündigungs- oder sonstige Auflösungsrechte zugunsten der städtischen Seite. Thesauros habe bereits im vorvertraglichen Stadium die Vorgänge „stark an sich gezogen, beeinflusst und kontrolliert“. Gesamturteil: müsse eigentlich neu aufgesetzt werden.
Wurde sie aber nicht. Auf ausdrücklichen Wunsch des Managements der Fusion Cologne – also der hundertprozentigen HGK-Tochter, deren Chef damals eben jener Uwe Wedig war – wurden nur Änderungen im „absolut notwendigen Umfang“ vorgenommen. Begründung im Memo der Kanzlei: Die Vereinbarung sei „politisch gewünscht“ gewesen. Die Münchner Anwälte wurden anschließend nicht weiter eingebunden und erfuhren von der Unterzeichnung – so steht es in einem internen Papier – aus dem Internet.
500.000 Euro Steuergeld als Lehrgeld
Was politisch gewünscht ist, ist nicht selten betriebswirtschaftlich nachteilig. Im Herbst 2025 mehrten sich innerhalb der HGK Zweifel: Termine wurden abgesagt, das Projekt kam nicht voran, im Vorstand wuchs der Verdacht, dass es für zweigeschossige Multilevel-Hallen in dieser Größenordnung schlicht keinen Markt gibt. Jetzt ist die Vereinbarung beendet, „einvernehmlich“ und mit Stillschweigeklausel. 500.000 Euro Vorbereitungskosten sind nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeigers ausgegeben – Geld einer städtischen Gesellschaft, also faktisch Geld der Kölner Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Statt mit dem Areal Erträge zu erzielen, hat die HGK dafür bezahlt.
Auch das ist eine kölsche Konstante: Wenn etwas „politisch gewünscht“ ist, übernimmt der Steuerzahler die Vorbereitungskosten, und wenn es schiefgeht, wird sich auf eine „professionelle und konstruktive Zusammenarbeit“ verständigt, Schweigen vereinbart und das Lehrgeld stillschweigend verbucht. Lehrgeld in halbsiebenstelliger Höhe für ein Projekt, das aus Sicht der eigenen Anwälte von Anfang an problematisch war.
Die Drehtür dreht sich
Erst hier beginnt das eigentliche Geschmäckle. Uwe Wedig ist zum 30. September 2025 als HGK-Vorstandsvorsitzender ausgeschieden, altersbedingt, sein Nachfolger Steffen Bauer hat zum 1. Oktober übernommen. So weit nichts Auffälliges. Auffällig wird es durch das, was die Aufsichtsratsvorsitzenden Anne Lütkes (Stadtwerke Köln) und Gerrit Krupp (HGK) anschließend auf LinkedIn lasen: Wedig bezeichnet sich dort inzwischen als „geschäftsführender Gesellschafter“ einer „Thesauros Readiness GmbH“.
Diese Gesellschaft existiert, so Lütkes und Krupp gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger, juristisch noch nicht – jedenfalls finden ihre Anwälte sie nicht. Klar ist nur, dass Wedig „in der einen oder anderen Form“ geschäftlich mit der Thesauros-Gruppe verbunden ist, also genau jenem Unternehmen, mit dem er als HGK-Chef noch wenige Monate zuvor einen als „keineswegs marktüblich“ eingestuften 250-Millionen-Euro-Vertrag eingefädelt hatte. Informiert hat Wedig die beiden Aufsichtsratsvorsitzenden darüber nicht.
Wedig selbst stellt klar, dass er den Vertrag nicht persönlich unterzeichnet habe, an der Partnerauswahl nicht beteiligt gewesen sei und vor seinem Ausscheiden „weder formell noch informell, weder beratend noch gesellschaftsrechtlich“ mit Thesauros verbunden gewesen sei. Erst danach habe sich die Idee einer „Thesauros Readiness“ konkretisiert. Und überhaupt habe es in seinem Dienstvertrag „keine Wettbewerbs-, Karenz-, Cooling-off- oder Nachbeschäftigungsregelungen“ gegeben, die ihm anschließend eine selbstständige Tätigkeit untersagt hätten.
Die Lücke auf der städtischen Ebene
Das ist der zweite Satz, an dem man hängenbleibt – und wahrscheinlich der eigentlich interessante Punkt. Eine städtische Tochtergesellschaft, die Großverträge im dreistelligen Millionenbereich verhandelt, leistet sich Vorstandsverträge ohne jede Karenzklausel. Niemand muss hier Schlechtes unterstellen, um diese Konstruktion bemerkenswert zu finden.
Auf Bundesebene gilt seit 2015 ein Karenzzeitgesetz für Bundesminister und parlamentarische Staatssekretäre: Wer nach dem Ausscheiden eine Tätigkeit in der Wirtschaft aufnehmen will, muss diese anzeigen und kann bis zu achtzehn Monate untersagt bekommen. Christian Lindner, Volker Wissing und andere mussten zuletzt diese Verfahren durchlaufen. Die Regelung ist zu kurz, zu eng gefasst und enthält viele Schlupflöcher; sie ist trotzdem ein Versuch, das offensichtliche Problem zumindest sichtbar zu machen: dass Vertrauen in Institutionen erodiert, wenn Menschen, die in Amts- und Verhandlungspositionen sitzen, unmittelbar danach bei genau jenen Unternehmen landen, mit denen sie zuvor zu tun hatten.
Auf städtischer Ebene gibt es solche Regelungen schlicht nicht. Vorstände kommunaler Gesellschaften, die über Hunderte Millionen entscheiden, dürfen am Tag nach ihrem Ausscheiden bei jedem beliebigen Vertragspartner anheuern, eine Gesellschaft mitgründen oder Beiratsposten übernehmen. Der einzige Pförtner, den sie passieren müssen, ist ihr eigenes Schamgefühl – und das ist erfahrungsgemäß eine sehr unzuverlässige Compliance-Funktion. Wedig hat insofern juristisch völlig recht, wenn er auf die fehlenden Klauseln verweist. Genau das ist das Problem.
Vernetzte Stadt
Hinzu kommt eine kommunale Eigenheit, die diese Geschichte nur in Köln so reibungslos erzählen lässt. Willi Michels, CEO und Gründer der Thesauros-Gruppe, ist seit Jahren Mitglied des Ausschusses für Stadt- und Regionalentwicklung der Industrie- und Handelskammer zu Köln. Das ist kein Stadtratsmandat und kein Entscheidungsgremium, sondern eine Plattform der organisierten Wirtschaft zur Begleitung der städtischen Planungspolitik. Aber es ist genau das Gremium, in dem die Begriffe geprägt werden, in denen anschließend „politisch gewünschte“ Projekte unterzeichnet werden: Multilevel-Logistik, Quartiersentwicklung, Standortstärkung. Wer hier sitzt, ist nicht automatisch Lobbyist – aber er ist auch nicht zufällig dort. Wer dort sitzt und gleichzeitig städtische Großaufträge bekommt, sollte zumindest besonders sauber geprüfte Verträge erwarten dürfen. Genau das ist hier offenkundig nicht geschehen.
Erwähnenswert ist auch die Vorgeschichte des Areals selbst. Bevor das frühere Industriegebiet Nord 2020 an die HGK ging, hatte unter anderem Amazon Interesse an einem Teil der Fläche angemeldet. Die Stadt entschied sich gegen den weltgrößten Onlinehändler und für die Übertragung an ihre eigene Hafentochter, die daraufhin die Fusion Cologne GmbH gründete. Das ist eine legitime ordnungspolitische Entscheidung – sie hat aber auch zur Folge, dass eine der bedeutendsten Industriebrachen der Stadt nicht mehr im freien Markt entwickelt wird, sondern in einem Geflecht aus städtischer Beteiligung, kommunaler Politik und privaten Investoren, in dem genau jene unscharfe Zone entsteht, in der Sätze wie „politisch gewünscht“ gedeihen.
Olympische Ambitionen, kommunale Wirklichkeit
Bemerkenswert ist diese Geschichte vor allem deshalb, weil sie sich in einer Stadt abspielt, die sich gerade als „Leading City“ einer milliardenschweren Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 versteht. Beim Ratsbürgerentscheid im April 2026 stimmten 66 Prozent der Beteiligten in der Region für die Bewerbung KölnRheinRuhr. Oberbürgermeister Torsten Burmester spricht von „Wachstum für die Wirtschaft und Investitionen in die Infrastruktur“, die der Stadt langfristig nutzen sollen. Bis zum 4. Juni 2026 soll das finale Bewerbungskonzept stehen, im September entscheidet der DOSB, wer Deutschland im internationalen Verfahren vertritt.
Eine Kommune, die sich für eines der größten und logistisch anspruchsvollsten Mega-Events der Welt aufstellt – mit Bauten, Vergaben, Sponsorings, internationalen Verträgen in der Größenordnung von Milliarden –, sollte zuallererst beweisen können, dass sie ein Logistikprojekt für 250 Millionen Euro in einer städtischen Tochter ohne politisch gewünschte Sondervereinbarungen, ohne 500.000 Euro Lehrgeld und ohne anschließende Drehtür-Verbindungen abwickeln kann. Wer das eine nicht hinkriegt, muss sich beim anderen mindestens unangenehme Fragen gefallen lassen. Olympische Spiele sind kein Marketingauftrag und kein Imagefilm. Sie sind, sehr viel banaler und sehr viel anspruchsvoller, ein Stresstest für die Verwaltungs- und Compliance-Kultur einer Stadt. Köln liefert diesen Stresstest gerade unfreiwillig vorab – mit einem Areal, das sieben Kilometer vom Dom entfernt liegt.
Was bleibt
Die Aufsichtsräte von HGK und Stadtwerke haben jetzt die Großkanzlei Hengeler Mueller mit einer Compliance-Prüfung beauftragt. Ergebnisse liegen noch nicht vor, die Aufbereitung steht „am Anfang“, über mögliches Fehlverhalten lässt sich derzeit nichts sagen. Wedig betont, eine Prüfung sei kein Befund. Das stimmt. Es stimmt auch, dass eine Prüfung nicht ohne Anlass eingeleitet wird – und dass die beiden Aufsichtsratsvorsitzenden ihre Information über die berufliche Neuorientierung des ehemaligen Vorstands offenbar erst LinkedIn entnehmen mussten, was für sich genommen schon ein Zustand ist.
Was bleibt, ist eine kölsche Lehrgeschichte mit allen klassischen Elementen: ein zweistelliges Millionenprojekt, das mit großen Worten angekündigt wird. Eine Rechtsprüfung, die warnt und höflich übergangen wird. Ein Vertrag, der „politisch gewünscht“ und deshalb nicht nachverhandelt wird. Ein stilles Scheitern mit Verschwiegenheitsklausel. Ein halbes Jahr Lehrgeld in halbsiebenstelliger Höhe für den Steuerzahler. Ein Vorstandschef, der das Schiff in den Ruhestand verlässt und unmittelbar danach mit dem ehemaligen Vertragspartner eine GmbH gründet, deren Existenz die Aufsichtsräte selbst recherchieren müssen. Und ein Geflecht aus Stadt, Stadtwerken, kommunaler Tochter, Kammerausschuss und privaten Investoren, in dem niemand böswillig sein muss, damit die Grenzen sich systematisch verwischen.
Das alles ist – sehr wahrscheinlich – kein Skandal im strafrechtlichen Sinne. Es ist „nur“ der Normalbetrieb einer Stadt, die solche Konstellationen schon zu lange für unauffällig hält. Das eigentliche Geschmäckle liegt nicht in den Einzelheiten dieses Falls, sondern darin, dass er sich überhaupt so erzählen lässt: lückenlos, regelkonform, ohne dass eine einzige Vorschrift formal gebrochen worden wäre. Wer eine Stadtgesellschaft so aufstellt, dass ihre Vorstände am Tag nach dem Ausscheiden mit den ehemaligen Vertragspartnern Firmen gründen dürfen, darf sich über das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird, nicht beklagen.
In meiner Jugend gab es für diese Art von Diskrepanz zwischen Anspruch und Substanz eine Redensart, die schöner ist als alles, was die heutige Politikwissenschaft dazu beizutragen hätte: Kein Arsch in der Hose, aber Tom Dooley pfeifen. Wer Olympische Spiele ausrichten will, sollte das eine in Ordnung bringen, bevor er das andere großspurig verspricht. Karenzzeiten und Cooling-off-Regelungen für die Vorstände städtischer Töchter sind keine Anstandsfrage, sondern handwerkliche Voraussetzung dafür, dass eine Stadt überhaupt erklären kann, warum man ihr ein 250-Millionen-Projekt oder eine olympische Großbaustelle anvertrauen sollte. Vielleicht liest das der eine oder die andere im Stadthaus – und überlegt, was zu tun wäre, bevor der nächste Fall „politisch gewünscht“ wird.