In Köln stehen drei Galeria-Häuser. Zwei davon, an der Hohen Straße und an der Breiten Straße, liegen keine vierhundert Meter auseinander, mitten in der Altstadt, auf den teuersten Quadratmetern der Stadt. Das Haus an der Hohen Straße wurde 1911 für die Leonhard Tietz AG gebaut, nach französischem Vorbild, vom damals führenden Architekten Wilhelm Kreis. Es ist ein Stück Stadtgeschichte. Und es ist, wie das Format, dem es dient, weitgehend aus der Zeit gefallen.
Diese Woche hat die Warenhauskette einen neuen Kredit bekommen, bis zu 160 Millionen Euro, bereitgestellt von der US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers, besichert durch die Ware in den Regalen. Das Geld ist an einen Sanierungsplan über drei Jahre geknüpft. Rund dreißig der derzeit 83 Häuser gelten als Wackelkandidaten. Schon im Frühjahr standen acht Standorte mit auslaufenden Mietverträgen zur Disposition, und auf dieser Liste finden sich beide Kölner Innenstadthäuser, die Hohe Straße und die Breite Straße. Es ist die dritte Insolvenz in vier Jahren, die hier aufgefangen wird, und es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und zu fragen, was da eigentlich aufgefangen wird.
Das tote Pferd
Es gibt eine alte Managementregel, die besagt: Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab. In der Praxis wird stattdessen oft ein stärkerer Reiter besorgt, eine Arbeitsgruppe gebildet, das Pferd neu vermessen. Bei Galeria wird es seit Jahren neu vermessen. Von einst über 170 Standorten ist das Netz auf unter 90 geschrumpft, und jede Schrumpfungsrunde wurde als Rettung verkauft.
Wer dreimal in vier Jahren am selben Punkt landet, hat kein Ausführungsproblem, sondern ein Formatproblem. Das großflächige Innenstadt-Warenhaus, das von Krawatte bis Bratpfanne alles unter einem Dach anbot, war ein Kind seiner Zeit. Diese Zeit ist vorbei. Der gern bemühte Verweis auf das „schwache Konsumklima“ macht aus einem strukturellen Befund ein konjunkturelles Pech, so als bräuchte es nur ein paar gute Quartale, und alles wäre wieder gut. Es bräuchte sie nicht.
Der neue Kredit ändert daran nichts, er ist auch nicht dafür gedacht. Von den bis zu 160 Millionen fließt ein erheblicher Teil sofort wieder ab: rund 80 Millionen zur Ablösung eines bestehenden Kredits, dazu ausstehende Mieten und der Wareneinkauf für die kommende Saison. Es wird frisches Geld aufgenommen, um altes zurückzuzahlen und den Betrieb über den Winter zu bringen. Dass ausgerechnet Gordon Brothers die Linie stellt, ist der vielsagendste Teil der Meldung: Das ist der Investor, der schon früher den Abverkauf in Kaufhof- und Karstadt-Häusern vor deren Schließung organisierte. Man holt sich den Abwickler ins Haus und nennt es Sanierung.
Wo etwas ist, hat etwas anderes keinen Platz
Hier beginnt die eigentlich interessante Rechnung, die in keiner Pressemeldung steht: die der verhinderten Alternative. Solange die beiden Häuser in der Kölner Altstadt vom Warenhausformat belegt sind, entsteht dort nichts anderes. Ökonomen nennen das die Zombiefizierung: Ein Unternehmen, das seine Kapitalkosten nicht mehr erwirtschaftet und nur durch immer neue Kredite weiterläuft, bindet Ressourcen, die anderswo produktiver wären. Flächen, Personal, Lieferantenbeziehungen, Kundenströme. Untersuchungen zur europäischen Niedrigzinsphase zeigen recht einheitlich, dass eine hohe Dichte solcher Untoter das Produktivitätswachstum ganzer Branchen drückt, weil Kapital und Marktanteile bei ihnen festhängen, statt zu den wachsenden Wettbewerbern zu wandern.
In der Stadt hat das eine räumliche Seite. Genau diese 1a-Lagen wären das Experimentierfeld für all das, worüber seit Jahren geredet wird, wenn von der Zukunft der Innenstadt die Rede ist: gemischte Nutzung, Markthalle, kleinteiliger Handel, Werkstätten, Wohnen, Kultur, urbane Logistik. Jede verlängerte Warenhaussaison ist eine Saison, in der diese Flächen blockiert bleiben, und in der sich niemand mit der unbequemen Frage befassen muss, was eine Innenstadt eigentlich sein soll, wenn ihr Leitformat aus der Nachkriegszeit ausgedient hat.
Der Mechanismus dahinter ist eine schiefe Sichtbarkeit. Eine Schließung produziert sofort sichtbare Kosten: verlorene Arbeitsplätze, leere Schaufenster, Schlagzeilen. Der Innovationsverlust dagegen ist unsichtbar. Niemand fotografiert das Café, die Werkstatt, das kleine Geschäft, das nie einzog, weil die Fläche belegt blieb. Politik und Gläubiger optimieren auf das Sichtbare, und deshalb wird das Pferd weitergeritten, obwohl die volkswirtschaftliche Rechnung womöglich längst dagegen spricht.
Ehrlich bleibt nur, wer die Gegenseite mitdenkt. Die schöpferische Zerstörung funktioniert nicht von selbst. Es gibt genug Beispiele, in denen ein Kaufhaus schloss und danach jahrelang nur Leerstand, Ein-Euro-Läden und ein Loch in der Frequenz blieben, weil kein dynamischer Nachnutzer bereitstand. Der Kredit verhindert also nicht die Innovation; er kauft Zeit. Die Frage ist nur, ob jemand diese Zeit nutzt, um den Übergang zu gestalten, oder ob sie verstreicht, bis das nächste Gutachten fällig wird.
Die hausgemachte Miete
Womit wir bei der Frage wären, an der die Häuser angeblich scheitern: der Miete. Sie gilt als der große Sachzwang, das von außen kommende Verhängnis. Nur ist sie das in weiten Teilen nicht. Silke Zimmer, Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft ver.di, beschreibt das Muster so: „Es ist seit Jahren ein unerträgliches Ping-Pong-Spiel: Galeria verkauft seine eigenen Immobilien, dann werden diese teuer angemietet, dann beklagt die Galeria-Leitung die hohen Mieten und schließlich sollen die Beschäftigten mit Lohnverzicht oder Jobverlust die Zeche zahlen.“ Die Last, die heute als unabwendbar präsentiert wird, ist über solche Konstruktionen zu erheblichen Teilen selbst erzeugt worden.
Das ist der Kern dessen, was sich an diesem Fall studieren lässt. Versäumnisse, die kollektiv und unternehmerisch entstanden sind, werden am Ende individualisiert. Wer hat über Jahre zu wenig investiert, das Tafelsilber verkauft und die Erlöse anderswohin geleitet? Die Gewerkschaft urteilt hart: Nach dem Eigentümerwechsel sei ein Neustart versprochen worden, „passiert ist aber offenbar nichts. Stattdessen wurden Standorte vernachlässigt und regelrecht runtergewirtschaftet.“ Und wer badet es aus? Nicht die Verursacher. Die bekommen sogar noch den Kredit.
Das wartende Kalb
Etwa 12.000 Menschen arbeiten bei Galeria. In der Berichterstattung sind sie meist Objekte: die, „um die es geht“, für die man Sozialpläne braucht, die geschützt werden müssen. Was dabei verschwindet, ist ihre eigene Lage. Eine Hängepartie wie diese erzeugt eine eigentümliche Lähmung. Solange der Job formal existiert, ist der Anreiz zur Umorientierung gering; das Risiko des Wartens fühlt sich kleiner an als das des Aufbruchs. Und je länger die Schwebe dauert, desto kleiner wird das Fenster, in dem ein Wechsel noch aus einer Position der Stärke möglich wäre, mit einem laufenden Gehalt im Rücken statt aus der Arbeitslosigkeit heraus.
Man kennt das Bild aus jedem sterbenden Betrieb: Wer dem eigenen Arbeitgeber nichts mehr zutraut, investiert nichts mehr. Keine Freundlichkeit, keine Präsenz auf der Fläche, keine Mühe, überhaupt gefunden zu werden. Das spüren die Kunden, die Frequenz sinkt, der Umsatz fällt, und genau das bestätigt die Schwebe, die die Resignation erzeugt hat. Eine Abwärtsspirale, die sich selbst nährt. Der Kredit hält das Pferd am Leben, aber das Einzige, worauf ein Kaufhaus wirklich angewiesen wäre, kann er nicht kaufen: dass die Leute hinter der Theke noch glauben, dass es sich lohnt.
Es wäre zu billig, daraus den Beschäftigten einen Vorwurf zu machen. „Es herrscht doch Fachkräftemangel, die müssten leicht etwas finden“ ist genau die Art Satz, die das Versäumnis nach unten weiterreicht. Er unterstellt, dass die Bewegung jedem offensteht. Eine Verkäuferin mit dreißig Jahren Warenhaus im Lebenslauf hat aber oft genau die Fähigkeiten, die das alte Format nicht mehr nachfragt, und nicht die, die der vielzitierte Engpass nachfragt. Zwischen ihrem Können und der offenen Stelle in der Pflege liegt eine Umschulung von Jahren, ein anderes Schichtsystem, ein anderer Körpereinsatz, oft weniger Geld. Trägheit ist da nicht nur Bequemlichkeit, sondern auch fehlende Perspektive, fehlende Brücke. Wer das Pferd am Leben hält, ohne den Reitern einen Weg herunter zu bauen, produziert die Lähmung mit, die er den Gelähmten später vorhält.
Ein Wort, drei Bedeutungen
Es lohnt sich, beim Reizwort kurz zu verweilen. „Fachkräftemangel“ suggeriert ein allgemeines Mengenproblem, zu wenige Hände überall. Tatsächlich ist es fast immer ein Passungsproblem. Es fehlen Pflegekräfte, Erzieherinnen, Handwerker mit bestimmter Qualifikation, nicht „Arbeitskräfte“ pauschal. Ein echter Mangel müsste sich zudem in steigenden Löhnen niederschlagen, denn Knappheit treibt den Preis. In vielen der lautstark beklagten Mangelberufe stagnieren die Löhne aber. Das deutet darauf hin, dass weniger Menschen fehlen als die Bereitschaft, den Preis zu zahlen, sie zu halten oder auszubilden.
Das Wort verschweißt drei Dinge, die man besser getrennt betrachten würde: eine echte demografische Knappheit, weil die geburtenstarken Jahrgänge gehen und kleinere nachrücken; ein hausgemachtes Versäumnis, weil über Jahre zu wenig ausgebildet und zu schlecht bezahlt wurde; und ein bequemes Narrativ, das längere Lebensarbeitszeit begründet, Verantwortung von den Unternehmen wegschiebt und am Ende dem Einzelnen die fehlende Flexibilität vorhält. Wem das Wort gerade nützt, verrät meist, welche der drei Bedeutungen er meint.
Die Katze beißt sich in den Schwanz
Und so schließt sich der Kreis. Der Kredit wird gegeben, weil die Schließung zu teuer und zu sichtbar wäre. Geschlossen wird nicht, weil keine Nachnutzung bereitsteht. Die Nachnutzung entsteht nicht, weil die Fläche belegt und die Miete zu hoch ist. Die Miete sinkt nicht, weil niemand die Renditeerwartung an die Fläche aufgeben will. Das Personal bewegt sich nicht, weil offiziell nichts entschieden ist. Und entschieden wird nichts, weil der Kredit gerade Zeit gekauft hat.
Jeder Akteur verhält sich aus seiner Sicht vernünftig. Die Summe dieser einzeln vernünftigen Stillhaltungen ist ein kollektiv unvernünftiger Stillstand. Damit etwas Kleinteiliges entstehen kann, müsste jemand die Erwartung an die Rendite der Fläche senken: ein Eigentümer, die Stadt, womöglich mit öffentlichem Zuschuss. Das ist eine politische Entscheidung, keine betriebswirtschaftliche, und genau deshalb wird sie so verlässlich vertagt. Der Kredit löst den Knoten nicht. Er ist das Schmiermittel, das ihn weiterdrehen lässt, ohne ihn zu lösen.
Vielleicht ist das die eigentliche Funktion dieser 160 Millionen. Sie wenden den Tod nicht ab, sie verschieben die Beerdigung um drei Jahre. In der Zwischenzeit ist die Substanz schon verpfändet, die Ware in den Regalen dient als Sicherheit. Und an der Hohen Straße steht weiter ein Haus von 1911, das darauf wartet, dass jemand den Mut aufbringt, abzusteigen.