„Zweite Luft“ – der WDR als Sparringspartner der Staatskanzlei
Der begleitende Kommentar des WDR vom Morgen danach ist ein Lehrstück darin, wie eine Landesrundfunkanstalt bei einem Landesprojekt berichtet. Der Wortschatz ist durchgehend der der Kampagne: „zweite Luft“, „Aufholjagd“, „Schluss mit Halbherzigkeit“, „Sprung auf die olympische Landkarte“. Das sind keine analytischen Kategorien, das ist die Sprache des Pressebriefings. Die Rollenverteilung wird ebenfalls übernommen: NRW muss München schlagen, als ginge es um ein Bundesligaspiel und nicht um die Frage, welche deutsche Großstadt über zwei Jahrzehnte zweistellige Milliardenbeträge in ein Sportereignis leiten soll.
Aufschlussreich ist, was der Kommentar nicht erwähnt. Kein Wort zu Kreuzfeld und der Umwidmung eines dringend benötigten Wohngebiets. Kein Wort zur Lücke zwischen Wüsts 4,8 Milliarden und Münchens 20 Milliarden. Kein Wort dazu, dass der amtierende Oberbürgermeister zuvor an der Spitze genau jenes Verbandes stand, der die Bewerbung jetzt bewertet – Burmester wird stattdessen als „Top-Funktionär des Sports“ eingeführt, und es wird lediglich angedeutet, er sei „nicht unbedingt im Guten“ aus dem DOSB geschieden. Die eigentliche Frage nach der Interessenlage bleibt unformuliert. Herten, wo das Quorum verfehlt wurde, firmiert als „schwarzer Fleck auf weißer Weste“ – eine kosmetische Metapher für das, was demokratietheoretisch die interessanteste Zahl des Abends ist: 73,79 Prozent Ja bei 12,55 Prozent Beteiligung am Ja.
Die maroden Brücken werden immerhin erwähnt, aber nur, um sofort in die Haltung des wohlmeinenden Beraters zu wechseln: Das müsse jetzt „seriös nachgearbeitet“ werden. Das ist die Grundhaltung des gesamten Textes – nicht Analyse, sondern Coaching der eigenen Landesregierung. Die verräterischste Stelle steht am Schluss: Man solle die Spiele nach Deutschland holen, „egal, wer dann am Ende die olympische Leading-City sein wird“. Ehrlicher kann man es kaum sagen. Die konkrete Stadt Köln mit ihren Brücken, ihrem Kreuzfeld, ihren Haushaltsproblemen ist in dieser Perspektive bereits austauschbar. Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, finanziert durch einen Pflichtbeitrag, die Sicht der Kampagnenmacher derart bruchlos reproduziert, ist kein Einzelfall. Es ist bei Projekten dieser Größenordnung die Regel.