Olympiabewerbung KölnRheinRuhr: Legitimation und Sportinfrastruktur im Widerspruch

Die Kommunikation rund um den Ratsbürgerentscheid zur Olympiabewerbung KölnRheinRuhr sprach von einem historischen Bürgervotum: 57,4 Prozent der Abstimmenden votierten in Köln mit Ja. Bezogen auf alle Abstimmungsberechtigten der Stadt sind das jedoch nur rund 22,7 Prozent – bei einer Beteiligung von 39,68 Prozent. Die politische Rhetorik verschiebt die Bezugsgröße von den Wahlberechtigten auf die Teilnehmenden und erzeugt so den Eindruck einer breiteren Zustimmung, als die Zahlen tragen. Dieser Kunstgriff wäre eine Randnotiz, stünde er nicht stellvertretend für ein größeres Muster: den Abstand zwischen der Erzählung vom „Sportland NRW“ und der Realität der Sportinfrastruktur in der Region.

Monheim: Zehn Jahre Planung, ein Ratsbeschluss, kein Ergebnis

Wie wenig belastbar dieses Fundament ist, zeigte sich in dieser Woche in Monheim. Der Stadtrat lehnte mit 25 zu 19 Stimmen zum dritten Mal die Einleitung eines Bauleitplanverfahrens für den geplanten Trainingscampus von Bayer 04 Leverkusen ab – ein auf 14,7 Hektar verkleinertes, vollständig privat finanziertes Projekt, für das der Verein seit über zehn Jahren mehr als 70 Alternativflächen hatte prüfen lassen. Selbst eine Intervention der NRW-Staatskanzlei, die mit Sport-Staatssekretärin Andrea Milz eine Emissärin von Ministerpräsident Hendrik Wüst nach Monheim schickte, blieb wirkungslos. Bemerkenswert daran: Wüst ist zugleich Sportminister des Landes und Kopf der Olympiabewerbung. Wenn nicht einmal diese doppelte Zuständigkeit einen einzelnen Kommunalbeschluss bewegen kann, stellt sich die Frage, wie belastbar die Behauptung ist, die Region könne sportliche Großprojekte verlässlich organisieren. (Kölner Stadt-Anzeiger)

Bayer 04 steht dabei nicht allein. Auch der 1. FC Köln sucht seit zwölf Jahren nach zusätzlichen Trainingsflächen und ringt dabei um die Nutzung und Erweiterung städtischer Grundstücke – anders als Bayer, das auf konzerneigenem Grund bauen will, aber ebenso ergebnislos. Sportgeschäftsführer Simon Rolfes hatte die Monheimer Kommunalpolitik zuletzt scharf kritisiert: „Blockiert, zerredet, verzögert.“ Der Ausbau der A1 ab 2032 verschärft die Lage zusätzlich, da dafür Trainingsplätze neben der BayArena weichen müssen. Zwei Bundesligisten, zwei Kommunen, ein identisches Muster: Sportpolitische Ziele sind schnell formuliert, sobald jedoch Flächen benötigt oder Anwohnerinteressen berührt werden, beginnt die Bewährungsprobe – und die Vereine unterliegen ihr regelmäßig.

Dünnwald: Wenn schon der Bestand nicht mitwächst

Während in Monheim ein milliardenschwerer Bundesligaverein an lokalem Widerstand scheitert, zeigt ein Fall aus Köln-Dünnwald, dass das Problem nicht auf den Profibereich beschränkt ist. Eine Mutter suchte monatelang vergeblich einen Fußballverein für ihren zehnjährigen Sohn und wandte sich schließlich in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Torsten Burmester. Der Fall ist kein Einzelfall: Laut Fußball-Verband Mittelrhein stieg die Zahl der aktiven Nachwuchsspieler im Kreis Köln von rund 10.900 im Jahr 2022 auf über 17.600 im Jahr 2026 – ein Plus von 62 Prozent, dem keine vergleichbare Erweiterung der Sportflächen gegenübersteht.

Konkret bedeutet das für Dünnwald: Ein beliebter, sanierter Spielplatz musste wegen Pilzbefalls in den Holzbalken vollständig zurückgebaut werden. Ersatz ist frühestens für das zweite Halbjahr 2028 vorgesehen, nachdem die Stadt sämtliche Spielplatz-Baumaßnahmen im Rahmen einer neuen „Kommunalen Spielraumplanung 2025–2030“ neu priorisiert hatte. Die Sportanlage des TuS Höhenhaus, für deren Sanierung die Mutter zusätzlich eine Petition startete, verwahrlost unterdessen weiter. Die Verwaltung verweist auf eine „Prioritätenliste“ und eine laufende Sportentwicklungsplanung; eine Beschleunigung sei „nicht möglich“, Ausnahmen gebe es nur bei akuten Schadstoffbelastungen. Als Silberstreif nennt die Stadt Fördertöpfe von Bund und Land, um die sich Köln „mit zahlreichen Projekten“ bewerbe – ausdrücklich auch im Zusammenhang mit der Olympiabewerbung. (Kölner Stadt-Anzeiger)

Zwei Ebenen, ein Muster

Elite- und Breitensport unterscheiden sich in Budget und Öffentlichkeitswirkung fundamental, scheitern in der Region aber an derselben strukturellen Schwäche: Flächenkonflikte, mehrjährige Verfahrensdauern und eine Priorisierungspraxis, die bestehenden Bedarf systematisch hinter neue Ankündigungen zurückstellt. Der bundesweite Sanierungsstau bei Sportstätten beziffert sich laut Deutschem Olympischen Sportbund auf rund 31 Milliarden Euro – eine Zahl, die die Stadt Köln selbst anführt, wenn sie „schwierige Entscheidungen und unvermeidbare Abwägungen“ rechtfertigt. Zugleich wirbt dieselbe Bewerbung mit dem Versprechen zusätzlicher Fördermittel für den Breitensport, sollte die Region den Zuschlag erhalten.

Das ergibt eine schiefe Konstruktion: Die Bewerbung verspricht künftige Investitionen als Argument für eine Zustimmung, deren demokratische Grundlage selbst nur einen Bruchteil der Wahlberechtigten umfasst, während der bereits heute vorhandene Bedarf – ob bei einem Bundesligaverein mit Milliardenkonzern im Rücken oder bei einem zehnjährigen Jungen, der einen Trainingsplatz sucht – ungelöst bleibt. Der Kommentar des Kölner Stadt-Anzeigers zu Monheim formuliert die entscheidende Frage: Ist Sport ein Standortfaktor, für den die Region verlässlich plant, oder bleibt er ein Bekenntnis, das nur so lange gilt, wie daraus keine Konflikte entstehen? Die Faktenlage in Monheim und Dünnwald beantwortet diese Frage bislang eindeutig.

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