Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland fühlt sich psychisch belastet – 2025 waren es 25 Prozent, im Jahr zuvor noch 21 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung nach der Pandemie. Besonders betroffen sind Kinder aus einkommensschwachen Familien: Fast ein Drittel von ihnen berichtet von psychischer Belastung, mehr als ein Drittel von geringer Lebensqualität. Das geht aus dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung hervor, das jährlich Kinder, Jugendliche und deren Eltern befragt.
Vor diesem Hintergrund berichtete die ZEIT kürzlich über zwei Schulen, die versuchen, mit dieser Belastung anders umzugehen als der Rest des Systems: die Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe mit regelmäßigen Vertrauensgesprächen zwischen Lehrkräften und Schülern, und das Tschirnhaus-Gymnasium in Dresden, das ein eigenes Fach zu mentaler Gesundheit entwickelt hat. Beide Beispiele sind bemerkenswert – und beide sind, das zeigt ein Blick auf die politische Rahmung, vor allem eines: Ausnahmen, die entstanden sind, weil einzelne engagierte Lehrkräfte eine Lücke gefüllt haben, die eigentlich das System hätte schließen müssen.
Ein wirksames Programm, abrupt beendet
Wie groß diese Lücke ist, zeigt der Fall der Mental Health Coaches. Das Bundesprogramm brachte ab 2023 ausgebildete Fachkräfte an mehr als hundert Schulen, um dort niedrigschwellig über Stress, Ängste und Krisen zu sprechen – genau jene Aufgabe, die in Karlsruhe und Dresden derzeit einzelne Lehrkräfte in Eigeninitiative übernehmen. Eine Evaluation der Universität Leipzig bescheinigte dem Programm hohe Akzeptanz: Mehr als 80 Prozent der Schulleitungen bewerteten es als gut bis sehr gut, rund 90 Prozent der teilnehmenden Jugendlichen wollten es fortsetzen. Auch der Bundestag selbst hielt in einer Antwort der Bundesregierung fest, dass fast 40.000 Schüler von dem Programm profitiert hatten.
Zum 31. Dezember 2025 wurde es trotzdem eingestellt – mit der Begründung, es entfalte „zu geringen Nutzen in der Fläche“. Das ist bemerkenswert, weil ein auf gut hundert Schulen begrenztes Modellprojekt per Definition nie flächendeckend wirken kann; die Kritik trifft also nicht das Programm, sondern dessen von der Politik selbst gewählten Zuschnitt. Özlem Tokyay, die für einen der Träger die Coaches koordinierte, brachte es in einem Interview mit der taz auf den Punkt: Das abrupte Ende sei auch ein Signal an die Schüler – ihre mentale Gesundheit sei der Bundesregierung offenbar nicht so wichtig.
Die Lücke wandert nach unten
Genau diese Lücke ist es, die jetzt einzelne Schulen und einzelne Lehrkräfte auffangen. In Karlsruhe sind es die Klassenlehrer, die in ihren Vertrauensgesprächen zuweilen mit Suizidgedanken von Schülern konfrontiert sind – ausgebildet dafür sind sie nicht, im Studium habe es dazu höchstens eine Standardvorlesung gegeben. In Dresden war es eine Lehrerin, die nach einer eigenen depressiven Episode feststellte, wie wenig im Unterricht über psychische Erkrankungen vermittelt wird, und die daraufhin gemeinsam mit Schülern ein neues Fach entwickelte. Beides sind eindrucksvolle Beispiele für pädagogisches Engagement. Beides ist aber auch die Übersetzung eines strukturellen Problems – zu wenig Schulpsychologie, zu wenig Zeit, zu wenig politischer Wille – in eine Frage individueller Berufung. Wer eine engagierte Lehrkraft hat, hat Glück. Wer keine hat, hat Pech. Das ist keine Bildungspolitik, das ist Zufallsverteilung.
Bezeichnend ist dabei, was in der öffentlichen Debatte selten auffällt: Auch das neue Unterrichtsfach in Dresden setzt vor allem auf individuelle Bewältigung. Es vermittelt Stressforschung, Resilienz, Selbstverantwortung – wertvolles Wissen zweifellos. Aber es beantwortet nicht die Frage, warum der Druck überhaupt entsteht: aus einer Notenlogik, die junge Menschen dazu bringt, sich über Ziffern zu definieren, aus einem ständigen Vergleichszwang, den auch soziale Medien verschärfen, und aus einem spürbaren Mangel an Mitbestimmung. Das Schulbarometer selbst weist darauf hin, dass Schüler, die in Unterricht und Schulalltag mitentscheiden dürfen, sich nachweislich wohler fühlen – zugleich aber die große Mehrheit angibt, kaum gehört zu werden. Man trainiert also die Fähigkeit, Druck auszuhalten, statt an dessen Ursachen zu arbeiten.
Wenn selbst das Sprechen darüber individualisiert wird
Es gibt noch eine dritte Ebene, die in solchen Reportagen fast immer ausgespart bleibt: die Frage, ob nicht auch der Psychologisierungs-Diskurs selbst zum Ausweichmanöver wird. Wenn über mentale Gesundheit vor allem als individuelles Erleben gesprochen wird – als etwas, das man durch Resilienz, Achtsamkeit oder Therapie bearbeitet –, gerät leicht aus dem Blick, dass ein Großteil der Ursachen strukturell und politisch gestaltbar wäre: Klassengrößen, Personalschlüssel in der Schulpsychologie, die Fortführung erfolgreich evaluierter Programme, die Frage, wie viel Mitsprache ein Schulsystem seinen jüngsten Mitgliedern tatsächlich zutraut. Ein Fach für mentale Gesundheit ist sinnvoll. Es ersetzt aber keine bildungspolitische Entscheidung, die dafür sorgt, dass es dieses Fach an möglichst vielen Schulen braucht – und nicht mehr geben muss.