Ein Brief aus der Innenstadt
Eltern von vier Kölner Innenstadtschulen haben einen offenen Brief an Oberbürgermeister und Stadtrat geschrieben. Der Anlass: Kinder, die auf dem Weg zur Königin-Luise-Schule, zur Realschule am Rhein, zum Hansa-Gymnasium oder zur Freinet-Schule täglich an offen konsumierenden, teils aggressiven Suchtkranken vorbeimüssen, an Ausscheidungen, Erbrochenem und Konsumutensilien. Die Schulleiterin der Königin-Luise-Schule lässt seit diesem Schuljahr wieder Lehrkräfte die neuen Fünftklässler zwischen Haltestelle und Schule begleiten. Die Kölner Verkehrs-Betriebe kündigen verstärkte Kontrollen für die ersten beiden Schulwochen an, befristet auf vierzehn Tage.
Das ist die sichtbare Reaktion auf eine Lage, die sich nicht am Friesenplatz oder Hansaring erschöpft. Sie ist Teil eines Musters, das sich an drei Kölner Orten gleichzeitig beobachten lässt.
Drei Schwerpunkte, eine Bewegung
Die offene Szene konzentriert sich in Köln derzeit auf den Neumarkt, den Ebertplatz und den Bereich Hansaring/Friesenplatz. Auf keinen dieser drei Schwerpunkte hat die Stadt bislang eine strukturelle Antwort gefunden, die mehr wäre als Kontrolle, Reinigung und zeitlich befristete Präsenz. Was stattdessen entsteht, beschreibt der Elternvertreter Klaus Holtmann so: Wenn am Friesenplatz Polizei ist, werden die Süchtigen an den Hansaring weggedrückt. Verdrängung ist kein Nebeneffekt der bisherigen Maßnahmen, sie ist ihr Wirkprinzip. Jede lokale Reaktion auf Beschwerdedruck verschiebt das Problem an die nächste Haltestelle, ohne die Zahl der Betroffenen oder die verfügbare Hilfekapazität in der Stadt zu verändern.
Ein Standort für den Neumarkt
Die einzige strukturelle Antwort, die Köln bislang formuliert hat, ist das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben. Bemerkenswert ist dabei das Auswahlkriterium, das die Verwaltung selbst benennt: Gesucht wurde eine Fläche im Umkreis von einem Kilometer um den Neumarkt. Das Zentrum ist also von der Konzeption her keine Antwort auf die offene Szene in Köln, sondern eine Entlastung des Neumarkts. Hansaring, Ebertplatz und Friesenplatz kommen im gesamten Planungsprozess als eigene Bedarfsorte nicht vor. Ein zweites oder drittes Zentrum ist nicht vorgesehen.
Selbst dieser eine Standort hat die Verdrängungslogik, die er eigentlich beenden soll, im Vorfeld bereits reproduziert. Die eigens gegründete Interessengemeinschaft Pantaleonsviertel sammelte binnen weniger Tage tausende Unterschriften gegen den Standort. Bei einer Anwohnerversammlung skandierten Kinder vor dem Gebäude „Ohne Angst zur Schule gehen“ – dieselbe Formel, mit der die Innenstadt-Eltern ihren Brandbrief begründen, nun gegen die einzige Maßnahme gerichtet, die überhaupt in Aussicht steht. Der Ratsbeschluss vom Februar 2026 kam trotzdem zustande, mit breiter Mehrheit von Grünen, CDU, SPD, Linken, Volt und FDP. Fertigstellung: zweites Quartal 2027.
Was Köln nicht ausprobiert
Der Vergleich mit anderen Städten zeigt, dass Kölns Ein-Standort-Logik keine Notwendigkeit ist, sondern eine Wahl. Zürich, seit Jahrzehnten Referenzmodell in der Drogenpolitik, setzt umgekehrt auf Dezentralisierung: Anlaufstellen sind über den Stadtraum verteilt, mit gestaffelten Öffnungszeiten, damit sich keine Szene an einem einzigen Ort dauerhaft festsetzt. Der Effekt lässt sich auch negativ beobachten – in Frankfurt, wo der jahrzehntelang als vorbildlich geltende „Frankfurter Weg“ angesichts der Crack-Krise im Bahnhofsviertel an seine Grenzen stößt. Dort fordert inzwischen die eigene Polizeiführung eine Annäherung an das Zürcher Modell – mit dezentralen Konsumräumen auch außerhalb des einen belasteten Viertels.
Frankfurt bewegt sich also gerade von einer zentralen zu einer verteilten Lösung, weil die Konzentration an einem Ort erwiesenermaßen genau die Verdrängungs- und Belastungsdynamik erzeugt, die Kölns Eltern jetzt beschreiben. Köln baut zur gleichen Zeit das Gegenmodell: einen einzigen, groß dimensionierten Standort, ausgewählt nach der Nähe zum größten Beschwerdedruck, nicht nach der Verteilung des tatsächlichen Bedarfs.
Die Logik des sichtbaren Zeichens
Das lässt sich nicht allein mit Verwaltungsversagen erklären. Der Ratsbeschluss zum Perlengraben wurde trotz erheblichen Widerstands durchgesetzt, das ist eher politischer Wille als Zögerlichkeit. Was fehlt, ist nicht Entscheidungsfähigkeit, sondern eine Strategie, die über den lautesten Einzelstandort hinausdenkt. Ein zentrales Zentrum ist politisch kommunizierbar: ein Beschluss, ein Bauschild, ein Eröffnungstermin. Ein dezentrales Netz aus kleineren, über die Stadt verteilten Anlaufstellen ist das nicht – es hat keinen einzelnen symbolischen Moment, dafür aber, folgt man dem Zürcher Befund, die bessere Wirkung gegen genau die Verdrängung, die Hansaring, Ebertplatz und Friesenplatz gerade erleben.
Bis 2027 bleibt von alledem nur das, was jetzt schon zu besichtigen ist: befristete Streifen, Lehrkräfte als Begleitpersonal für Zehnjährige, und ein Standort, dessen Nutzen sich geografisch auf einen Kilometer um den Neumarkt beschränkt.