Seit Mai 2022 sitzt in der Krebsgasse, einer Seitenstraße der Schildergasse nahe dem Neumarkt, Wachpersonal in einem eigens aufgestellten Container. Sein Auftrag: aufpassen, dass die städtische Toilette im Container nebenan nicht als Drogenkonsumraum genutzt wird. Werktags von 9 bis 21 Uhr, sonn- und feiertags von 9 bis 18 Uhr. Kosten: 10.000 bis 11.000 Euro im Monat. Über vier Jahre summiert sich das auf 500.000 bis 550.000 Euro. Ob die Bewachung 2027 weiterläuft, will die Stadt erst mit dem Haushaltsentwurf am 2. September beantworten.
Die Zahl eignet sich hervorragend zur Empörung, und genau darin liegt ihre Schwäche. Eine halbe Million klingt nach einem Skandal, ist aber der kumulierte Betrag aus mehr als fünfzig Monaten. Wer sich daran abarbeitet, verhandelt die Höhe eines Postens. Die interessantere Frage ist, wofür er überhaupt existiert.
Bewacht wird ein Loch in der Versorgung
Die Aufsicht verhindert nichts, was ohne sie unmöglich wäre. Sie verhindert, dass ein Bedürfnis dort sichtbar wird, wo es niemand sehen soll. Menschen konsumieren in der Toilette, weil sie anderswo keinen Platz dafür finden — nicht, weil sie die Toilette zweckentfremden wollen. Der Container in der Krebsgasse ist ein Symptom, dessen Bewachung als Lösung ausgegeben wird.
Der Bedarf ist seit Jahren dokumentiert. Im Drogenkonsumraum am Neumarkt wurden allein im ersten Halbjahr 2024 rund 29.500 Konsumvorgänge gezählt, ein Anstieg von 75 Prozent gegenüber 2022. Ein knappes Drittel der Nutzerinnen und Nutzer ist wohnungslos, gut ein Fünftel nicht krankenversichert. Der Konsum verlagert sich zunehmend in den öffentlichen Raum, weil die vorhandene Kapazität ihn nicht mehr aufnimmt. Das ist kein Ordnungsproblem, sondern ein Versorgungsproblem. Behandelt wird es als Ordnungsproblem.
Damit ist das Muster benannt, das sich in kommunaler Politik immer wieder findet: Ein strukturelles Versäumnis wird in ein Aufsichts- und Verhaltensproblem übersetzt. Nicht die fehlende Infrastruktur wird adressiert, sondern die Menschen, die ihr Fehlen sichtbar machen. Der Wachcontainer ist die bauliche Form dieser Übersetzung.
Zwei Randgruppen vor einem Container
Ein Detail macht die Konstruktion vollständig. Die Bewachung übernimmt die Kölner Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung, eine hundertprozentige Tochter der Stadt und zugleich Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm für Arbeitslose. Vor der Tür sitzt also, wer aus dem Arbeitsmarkt gefallen ist, und passt auf, dass nicht hineingeht, wer aus der Gesundheitsversorgung gefallen ist.
Beides sind Gruppen, deren Lage die Stadt nicht gelöst, sondern organisiert hat. Sie treffen sich vor einem Toilettenhäuschen und halten sich gegenseitig in Beschäftigung. Man kann das für pragmatisch halten. Man kann darin auch die Verwaltungsform eines Problems erkennen, das seit Jahren auf eine andere Antwort wartet.
Die Antwort existiert — auf dem Papier
Die Stadt weiß, was fehlt. Der Rat hat die Errichtung eines Suchthilfezentrums am Perlengraben auf den Weg gebracht, das den Drogenkonsumraum am Neumarkt ablösen soll: mit größerem Angebot, Aufenthaltsflächen, medizinischer Versorgung. Die Online-Beteiligung dazu lief im Juli dieses Jahres an. Die fachliche Diagnose ist unstrittig, die Trägerschaft geklärt, der Standort gefunden.
Nur läuft parallel dazu seit vier Jahren eine Aufsicht weiter, die genau deshalb nötig ist, weil das Zentrum noch nicht steht. Der Wachcontainer überbrückt eine Planungszeit, die sich immer weiter dehnt. Aus dem Provisorium ist ein Dauerposten geworden, ohne dass jemand ihn je aktiv verlängert hätte. Er verlängert sich, indem er im Haushalt stehen bleibt.
Was der September wirklich prüft
Die Ausgangslage für den Doppelhaushalt 2027/2028 ist bekannt. Die Kämmerin rechnet mit Verschlechterungen von rund 182 Millionen Euro im Jahr 2027 und 256 Millionen Euro im Jahr 2028. Die Verwaltung hat sich ein Einsparziel von drei Prozent der Personalkosten gesetzt und angekündigt, dabei vor allem freiwillige Leistungen in den Blick zu nehmen — also jene Ausgaben, die weder gesetzlich noch vertraglich verpflichtend sind.
Die Bewachung eines Toilettenhäuschens gehört genau in diese Kategorie. Sie ist eine freiwillige Leistung, die nie als Leistung beschlossen, sondern als Notbehelf begonnen wurde. Dass die Stadt vor September keine Auskunft geben will, ist verwaltungstechnisch nachvollziehbar. Bemerkenswert ist etwas anderes: Ein Posten dieser Art kann über vier Jahre laufen, ohne dass eine Überprüfung ihn erreicht. Nicht weil er verteidigt würde, sondern weil Nichtentscheiden im Haushaltsvollzug billiger zu haben ist als Entscheiden.
Inzwischen gibt es eine weitere Toilette am westlichen Neumarkt, fußläufig erreichbar. Die Stadt hatte die Zukunft der Bewachung ausdrücklich von solchen zusätzlichen Angeboten abhängig gemacht. Ob sie sich daran erinnert, wird sich am 2. September zeigen. Die eigentliche Prüfung betrifft dabei nicht den einzelnen Posten, sondern die Frage, wie viele vergleichbare Provisorien in einem Haushalt mitlaufen, der unter dem Druck von Hunderten Millionen Euro Konsolidierungsbedarf steht — und ob eine Verwaltung, die bei Schulbau und Bädern kürzt, Instrumente besitzt, um solche Dauerlösungen überhaupt zu identifizieren.
Ein Wachcontainer vor einer Toilette ist kein Haushaltsrisiko. Er ist ein Hinweis darauf, wie eine Stadt mit Problemen umgeht, deren Lösung teurer wäre als ihre Verwaltung.