Eine Toilette am Kölner Neumarkt wird seit Mai 2022 rund um die Uhr bewacht, damit sie nicht als Drogenkonsumraum genutzt wird. Die Kosten dafür belaufen sich inzwischen auf bis zu 700.000 Euro, monatlich kommen weitere 10.000 bis 11.000 Euro hinzu. Enden soll die Bewachung, sobald das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben eröffnet. Der Termin dafür: August 2027 – nach mehreren vorangegangenen Verschiebungen.
Damit ist die Toilettenbewachung kein Sonderfall kommunaler Verschwendung, sondern die logische Konsequenz eines strukturellen Musters: Wo die eigentliche Lösung eines Problems sich wiederholt verzögert, entsteht zwangsläufig eine Übergangslösung, die selbst zur Dauereinrichtung wird. Der Wachcontainer neben dem Toilettencontainer ist der sichtbare Ausdruck einer Verwaltung, die Zwischenzustände verwaltet, weil sie Endzustände nicht liefert.
Bemerkenswert ist dabei die Finanzierungskonstruktion. Die Bewachung übernimmt die Kölner Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung (KGAB), eine hundertprozentige städtische Tochtergesellschaft mit dem Auftrag, arbeitslose Menschen zu beschäftigen und zu qualifizieren. Formal lässt sich ein Teil der Kosten damit als Arbeitsmarktförderung verbuchen, nicht als Ordnungsmaßnahme gegen die Folgen eines fehlenden Suchthilfeangebots. Das ändert nichts an der Summe, aber es verändert, wie sie in der öffentlichen Wahrnehmung erscheint: weniger als Symptom eines Versäumnisses, mehr als Beschäftigungsmaßnahme mit Nebeneffekt.
Die Stadt selbst benennt den Kausalzusammenhang ungewollt präzise: Die Toilette müsse bewacht werden, „bis das geplante Suchthilfezentrum eröffnet wird“. Damit ist die Bewachungsdauer nicht an ein Sicherheitskonzept gekoppelt, sondern an ein Bauprojekt, dessen Fertigstellungstermin seit Jahren nach hinten wandert. Jede weitere Verschiebung des Suchthilfezentrums verlängert automatisch die Bewachungskosten – ein Mechanismus, bei dem Verzögerung sich selbst finanziert, ohne dass irgendjemand dafür gesondert Verantwortung übernehmen müsste.
Die Satire-Sendung „Extra 3“ hat die Situation als „realen Irrsinn“ bezeichnet. Zutreffender wäre: real, aber nicht irrational. Das System funktioniert exakt so, wie es angelegt ist. Es produziert planmäßig Übergangslösungen, weil es bei der Planung selbst seit Jahrzehnten an Verbindlichkeit fehlt. Die 700.000 Euro sind kein Betriebsunfall, sondern der Preis, den eine Stadt für ihre eigene Unentschlossenheit zahlt – nur eben nicht als Posten „Unentschlossenheit“, sondern als Posten „Bewachung“.