Lanz‘ Dankesrede: Trost von der sicheren Seite

Markus Lanz hat für seine ZDF-Talkshow den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Information“ erhalten. In seiner Dankesrede sprach er über die gesellschaftliche Stimmung: viele Menschen seien unsicher, hätten Angst. Seine Botschaft dazu: „Wir wandern nicht aus. Wir stehen da.“ Und weiter: „Fürchtet euch nicht! Und das, was jetzt gerade kaputtgeht, bauen wir irgendwann ganz lässig einfach wieder auf.“

Die Formel „Fürchtet euch nicht“ stammt aus der Weihnachtsgeschichte, nicht aus der politischen Analyse. Sie tröstet, ohne zu erklären. Wer sie ausspricht, nimmt eine Position ein, aus der heraus Trost überhaupt möglich ist – eine Position, die mit der Lage derjenigen, die getröstet werden sollen, wenig zu tun haben muss. Lanz beschreibt eine Angst, die er selbst offensichtlich nicht teilt, jedenfalls nicht in der Form, die er bei anderen diagnostiziert. Ein mehrfach ausgezeichneter Moderator mit gesichertem Sendeplatz, gesichertem Publikum und einem Vertrag, der von wirtschaftlichen Verwerfungen kaum berührt wird, spricht denjenigen Mut zu, deren Unsicherheit ganz andere Ursachen hat als seine eigene: Lohnverlust, Standortverlagerung, das Gefühl, von der Politik nicht mehr gesehen zu werden. Das ist keine böswillige Geste. Aber es ist eine, die die Distanz zwischen Sprecher und Publikum nicht mitdenkt – und genau diese Distanz macht den Satz zur reinen Behauptung.

Der zweite Satz ist der interessantere: „Das, was jetzt kaputtgeht, bauen wir irgendwann ganz lässig einfach wieder auf.“ Zwei Wörter darin verdienen Aufmerksamkeit. „Wir“ – wer ist gemeint? Die Fernsehbranche, die sich an diesem Abend selbst feiert? Die Gesellschaft insgesamt, deren Zusammenhalt Lanz beschwört, ohne dass er an ihrer Reparatur mitarbeiten müsste? Und „lässig“ – als sei der Wiederaufbau dessen, was gerade zerbricht, eine Frage der Attitüde und nicht der Arbeit, der Kosten, der Interessenkonflikte, die jeder Wiederaufbau mit sich bringt. Historisch war das, was nach gesellschaftlichen Verwerfungen wiederaufgebaut wurde, selten lässig. Es war mühsam, ungleich verteilt und meistens unvollständig. Wer „lässig“ sagt, verspricht nicht Wiederaufbau, sondern verspricht, dass ihn nichts kosten wird.

Der Rahmen der Rede verstärkt den Effekt. Der Deutsche Fernsehpreis wird von ARD, RTL, Sat.1, ZDF und der Deutschen Telekom getragen, mit Disney+, Netflix und Prime Video als Partnern – eine Branche, die sich selbst auszeichnet, in einem Moment kollektiver Selbstbestätigung. In diesem Rahmen eine Botschaft über gesellschaftliche Angst zu platzieren, verleiht ihr die Aura des Bedeutsamen, ohne dass sie inhaltlich mehr leisten müsste als ein Bekenntnis. Die Botschaft wird nicht durch das ersetzt, was Fernsehjournalismus eigentlich leisten könnte – Einordnung, Ursachenanalyse, unbequeme Fragen –, sondern tritt an ihre Stelle. Beruhigung als Format, nicht als Ergebnis von Arbeit.

Das Muster ist nicht neu und nicht auf Lanz beschränkt: Wer eine gesicherte Position hat, spricht denen Mut zu, die keine haben, und verwechselt dabei die eigene Zuversicht mit einer Lageeinschätzung. Die Rede wirkt gut gemeint. Aber gut gemeint ersetzt keine Analyse dessen, was da eigentlich kaputtgeht – und wer es am Ende tatsächlich wiederaufbaut.

Schreibe einen Kommentar