Im Kreis Borken gibt es mehr E-Bikes als in jedem anderen Landkreis Deutschlands – und auch die meisten tödlichen E-Bike-Unfälle. Von 24 Verkehrstoten im vergangenen Jahr waren neun E-Bike-Fahrer, die meisten davon Senioren. Die Kreispolizei reagiert nun mit einer Aktion namens „Seniorenradeln“: geführte Fahrradtouren, bei denen Beamte Schilderkunde vermitteln und vor gefährlichen Stellen im Ort warnen, allen voran Kreisverkehren. [Der WDR berichtete darüber].
Die Botschaft an die Teilnehmenden ist eindeutig: Wer sich richtig verhält, fährt sicherer. Mittig im Kreisverkehr fahren, Schilder lesen, wissen, wo man Vorfahrt hat. Alles richtig, alles sinnvoll – und alles am eigentlichen Problem vorbei.
Wer im Kreisverkehr mittig fährt, wie es die Polizei selbst empfiehlt, macht damit paradoxerweise die Erfahrung, dass genau dieses regelkonforme Verhalten Aggression provoziert: dichtes Auffahren, Hochdrehen des Motors, Hupen. Nicht der Radfahrer verhält sich falsch, sondern der Autofahrer reagiert falsch auf korrektes Verhalten. Das ist kein Wissensdefizit, das sich mit einer zweistündigen Fahrradtour beheben lässt, sondern eine Frage der Verkehrsdurchsetzung gegenüber denjenigen, die sich nicht an die Regeln halten, die den Radfahrenden gerade erklärt werden.
Dichtes Auffahren und Bedrängen eines regelkonform fahrenden Verkehrsteilnehmers ist im Übrigen kein Kavaliersdelikt, sondern im Zweifel eine Nötigung im Straßenverkehr. Es existiert also bereits ein Instrument, um genau dieses Verhalten zu sanktionieren. Es wird nur nicht angewendet – vermutlich, weil es im Einzelfall schwer nachzuweisen ist und weil ein Blitzer- oder Kontrolleinsatz an einem Kreisverkehr sich schlechter bebildern lässt als zehn Senioren in Warnwesten vor dem Rathaus.
Hinzu kommt ein zweiter, unterschätzter Faktor: das Überholverhalten. Nahes und schnelles Überholen, gefolgt von Einscheren und Abbiegen, überfordert gerade jene Senioren, die ohnehin knapp an der eigenen Balance- und Kraftgrenze unterwegs sind. Wer kaum noch Kapazität hat, das E-Bike stabil zu halten, hat erst recht keine übrig, um zusätzlich auf einen knapp überholenden SUV zu reagieren. Auch hier liegt die Gefahrenquelle nicht im Rad, sondern im Auto.
Damit zeigt sich ein Muster, das über den Kreis Borken hinausweist: Wo ein Sicherheitsproblem zwei Beteiligte hat, adressiert die Institution mit der geringeren Durchsetzungsmacht meist zuerst diejenige Seite, die sich leichter erreichen lässt – die potenziellen Opfer, nicht die Verursacher. Schulung ist niedrigschwellig, freiwillig, gut bebildert. Kontrolle ist aufwendig, konfliktträchtig und erzeugt keine freundlichen Fotos vor dem Rathaus. Dass die Polizei überhaupt aktiv wird, ist begrüßenswert. Dass sie dabei ausgerechnet bei denen ansetzt, die bereits das Richtige tun, ist die eigentliche Pointe der Geschichte.