Pisa 2025: Sechzehn Zuständigkeiten, keine Priorität

Die Pisa-Ergebnisse 2025 liegen unter dem Niveau des Jahres 2000, dem Jahr des sogenannten Pisa-Schocks. Ein Vierteljahrhundert Reformdebatte hat den Trend nicht gebrochen, eher verstärkt: Seit 2015 zeigt die Kurve wieder nach unten, seit 2018 steil. Auf diesen Befund reagierte Bundesbildungsministerin Karin Prien mit einer Einordnung, die vor allem die elterliche „Bildungsaspiration“ in den Blick nahm. In Nordrhein-Westfalen äußerte sich die Landesschulministerin Dorothee Feller: Man habe „passgenaue Maßnahmen“ eingeleitet, verwies auf den Schulkompass NRW 2030, auf Vergleichstests und Datenanalysen. Von Ministerpräsident Hendrik Wüst ist zu dem Thema nichts dokumentiert.

Das ließe sich als Nebensächlichkeit abtun, folgte man der Kompetenzordnung: Bildung ist Ländersache, und innerhalb der Länder ist sie Sache der Kultusministerien, nicht der Staatskanzleien. Doch diese Ordnung selbst ist Teil des Problems, nicht seine Entschuldigung. Sechzehn Bildungsministerien bearbeiten denselben bundesweiten Befund sechzehnfach, koordiniert allenfalls lose über die Kultusministerkonferenz – ein Gremium, dessen Beschlüsse Einstimmigkeit voraussetzen und entsprechend selten über den kleinsten gemeinsamen Nenner hinauskommen. Wer einen strukturellen, seit einem Vierteljahrhundert dokumentierten Befund an eine derart fragmentierte Zuständigkeitsebene delegiert, hat die Antwort in ihrer Wirkung bereits vorweggenommen: sechzehn Einzelmaßnahmenkataloge statt einer gebündelten politischen Priorisierung. Genau dieses Muster – Einzelmaßnahmen als rationale Vermeidung einer riskanteren gemeinsamen Ursachenanalyse – war bereits am Beispiel der 347 Länder-Maßnahmen gegen Bildungsungleichheit zu besichtigen.

Die Verwaltungssprache, mit der Feller die Reaktion einkleidet, passt in dieses Bild. „Passgenaue Maßnahmen“, ein „Schulkompass 2030“, mehr „Datenanalysen“ – das ist der Wortschatz zuständiger Bearbeitung, nicht der einer als dringlich erkannten Krise. Er signalisiert Verfahren, keine Priorität.

Man könnte einwenden, es fehle schlicht die sichtbare Führung: eine Rede des Ministerpräsidenten, die dem Befund das Gewicht gibt, das die Fachministerin in ihrer Zuständigkeit nicht geben kann. Das Modell dafür ist bekannt – Roman Herzogs „Ruck“-Rede von 1997, mit der ein Bundespräsident eine diffuse Reformmüdigkeit adressierte. Nur zeigt gerade dieses Beispiel die Grenze des Vorschlags: Auf die Rede folgte drei Jahre später der erste Pisa-Schock, und die Reformdebatte lief seither ein Vierteljahrhundert, ohne den jetzt gemessenen Abwärtstrend zu stoppen. Symbolische Führung ohne institutionelle Bündelung verpufft ebenso wie institutionelle Bündelung ohne symbolische Führung folgenlos bleibt. Beides einzeln wäre unzureichend.

Was fehlt, ist daher weder allein die Rede noch allein die Maßnahme, sondern die Kopplung beider an eine Zuständigkeitsebene, die groß genug ist, um sie zu tragen. Die bestehende Struktur – sechzehn Kultusministerien, ein einstimmigkeitspflichtiges Koordinationsgremium, Ministerpräsidenten, die sich auf konfliktfreiere Anlässe konzentrieren – erzeugt stattdessen zuverlässig das Gegenteil: eine Vielzahl fachlich zuständiger, aber politisch unpriorisierter Antworten auf einen Befund, der alle sechzehn Länder gleichermaßen betrifft.

Schreibe einen Kommentar