Der Präsident des 1. FC Köln, Jörn Stobbe, hat in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ den Ausbau des Rheinenergiestadions auf 75.000 Plätze zum Ziel erklärt. Die Begründung ist plausibel: Die Warteliste ist lang, die Betriebserlaubnis deckt 50.000 Plätze ab, die Kapazität ist nach Stobbes Worten der Hauptengpass des Vereins. Bemerkenswert ist ein Detail am Rand. Der interviewende Redakteur fand im Archiv einen Artikel vom 12. Mai 1965: ein Stadionmodell für Müngersdorf, 75.000 Plätze, Kunststoffdach, keine Laufbahn. Man war sich damals sicher, dass gebaut wird. Gebaut wurde es nicht.
Eine Vokabel für ein Verkehrsproblem
Stobbe beschreibt sein Vorgehen in der Sprache der Projektentwicklung, die er als früherer CEO einer Immobiliengesellschaft mitbringt. Man müsse die dicken Bretter aufbohren, sie isolieren, die richtige Reihenfolge finden. Als Bretter nennt er Lärmschutz, Anwohner, Baumbestand und Zuwegung. Ein Showstopper sei nirgendwo erkennbar.
In dieser Aufzählung steckt die gesamte Frage von An- und Abreise in einem einzigen Wort. „Zuwegung“ bezeichnet im Planerdeutsch die Erschließung eines Grundstücks – wie kommt man auf das Gelände. Die Frage, die sich bei 25.000 zusätzlichen Besuchern stellt, ist eine andere: Wie kommen diese Menschen überhaupt nach Müngersdorf und wieder weg. Das ist kein Brett des Bauherrn. Das ist ein Brett der Stadt.
Die Linie 1 ist bereits am Anschlag
Der weitaus größte Teil des Stadionpublikums erreicht Müngersdorf über die Stadtbahnlinie 1 und den S-Bahn-Halt am Technologiepark. Die Linie 1 ist die Ost-West-Achse des Kölner Nahverkehrs – und sie ist ausgelastet. Der Kölner Stadtrat hat am 3. April 2025 mit 49 zu 14 Stimmen den unterirdischen Ausbau zwischen Heumarkt und Moltkestraße beschlossen. Der Grund für den Umbau ist im Projektportal nachzulesen und denkbar einfach: Eine Verdichtung des Takts ist in der Innenstadt nicht mehr möglich. Deshalb sollen künftig 90 statt 60 Meter lange Züge fahren, die rund 50 Prozent mehr Fahrgäste aufnehmen können. Dafür müssen fast alle Bahnsteige der Linie verlängert werden.
Der Zeitrahmen ist erheblich. Nach der Darstellung der Stadt Köln können die Bauleistungen im Innenstadtbereich nach dem Genehmigungsverfahren frühestens ab Mitte 2028 ausgeschrieben werden. Bis die Achse die zugesagte Mehrkapazität tatsächlich liefert, vergeht der Rest des Jahrzehnts und mehr. Entscheidender aber ist: Diese Mehrkapazität ist bereits verplant. Sie deckt den bestehenden und den prognostizierten Alltagsbedarf einer wachsenden Stadt. Sie ist keine Reserve, aus der sich ein Stadionausbau bedienen kann.
Ein zusätzliches Stadionpublikum von 25.000 Personen tritt an rund 17 Heimspieltagen im Jahr auf, konzentriert auf jeweils zwei bis drei Stunden vor und nach dem Anpfiff, hinzu kommen Pokalspiele, mögliche internationale Partien und Konzerte. Das ist keine Frage der Jahreskapazität, sondern der Spitzenlast. Und die Spitzenlast bemisst sich nicht am Durchschnitt, sondern am schlechtesten Fall: Regen, Abendspiel, Rückreise in dieselbe Richtung, alles gleichzeitig.
Wem das Stadion gehört
Das Rheinenergiestadion gehört nicht dem 1. FC Köln. Eigentümerin und Betreiberin ist die Kölner Sportstätten GmbH, eine städtische Gesellschaft. Der Verein ist Mieter. Ihr obliegt auch die Umsetzung des Anwohnerschutzkonzepts, das seit 2005 mit mehreren Schutzzonen den Parksuchverkehr im Umfeld begrenzen soll und in den vergangenen Jahren bereits ausgeweitet wurde. Auch eine Machbarkeitsstudie zur baulichen Erweiterung wurde seinerzeit im Einvernehmen zwischen Stadt, Sportstätten-Gesellschaft und Verein beauftragt.
Stobbe formuliert im Interview offen, worauf sein Modell hinausläuft: Eigentümer eines modernen, solide finanzierten Stadions zu sein, könne der Gamechanger für den Klub sein. Denkbar seien eine Immobiliengesellschaft, Crowdfunding, ein Finanzierungspartner ohne Mitspracherecht auf Vereinsebene. Das ist aus Vereinssicht folgerichtig und in der Sache seriöser als das Sale-and-lease-back-Modell, das er ausdrücklich ablehnt.
Es verschiebt aber die Statik der Verantwortung. Ein Verein, der Eigentümer wird, internalisiert die Erlöse aus 25.000 zusätzlichen Plätzen. Die Kosten der Erreichbarkeit – Bahnsteigverlängerungen, Fahrzeugbeschaffung, Ertüchtigung der Zufahrten, Ausweitung des Anwohnerschutzes, Polizei- und Ordnungsdiensteinsätze – bleiben dort, wo sie heute schon liegen: bei der Allgemeinheit. Diese Kosten fallen nicht einmalig an, sondern dauerhaft, und sie sind in keiner der bislang genannten Finanzierungsüberlegungen enthalten.
Externalisierung statt Individualisierung
Die Konstellation ist das Spiegelbild eines Musters, das sich in der Sozial- und Bildungspolitik regelmäßig findet: Dort werden kollektive Versäumnisse individualisiert, die Folgen struktureller Unterlassung dem Einzelnen als persönliches Defizit zugerechnet. Hier läuft die Bewegung in die andere Richtung. Ein einzelwirtschaftlich gedachtes Vorhaben setzt auf eine öffentliche Infrastruktur auf, deren Ausbau ohne dieses Vorhaben bereits an der Grenze des Finanzierbaren und weit jenseits des Absehbaren liegt. Der Nutzen ist zurechenbar, die Folgekosten sind es nicht.
Das ist kein Vorwurf an den Vereinspräsidenten. Es ist seine Aufgabe, für den Klub das Maximum zu erreichen, und er tut es transparenter als manche seiner Vorgänger. Der Vorwurf richtet sich an das Verfahren. In einem knapp einstündigen Interview über ein Vorhaben, das die Zahl der Stadionbesucher um die Hälfte erhöhen soll, kommt die Frage nach den öffentlichen Folgekosten nicht vor. Gefragt wird nach dem Namenssponsor für das Leistungszentrum, nach der Vereinsfinanzierung, nach dem Verbleib eines Stürmers. Nicht gefragt wird, was der Stadt ein solcher Ausbau kosten würde und ob sie ihn sich neben Ost-West-Achse, Brückensanierungen, Schulbau und Oper leisten kann.
Eine Stadionkommission ist gegründet, bis zur nächsten Mitgliederversammlung soll berichtet werden. Der Dreiklang, den Stobbe nennt – solide Prüfung, gute Kommunikation, Legitimation durch die Mitgliedschaft – beschreibt die Willensbildung eines Vereins. Für die Verkehrsinfrastruktur einer Millionenstadt ist die Mitgliederversammlung des 1. FC Köln nicht das zuständige Gremium.
Was 1965 fehlte, war nicht der Wille zum Bau. Es fehlte die Klärung der Frage, wer die Umgebung bezahlt, die ein solches Stadion braucht. Diese Frage ist bis heute unbeantwortet, und sie ist seither nicht kleiner geworden.