Nahe des Ebertplatzes soll ab 2028 eine Erstaufnahmeeinrichtung für rund 500 geflüchtete Menschen entstehen, untergebracht in der früheren Oberfinanzdirektion an der Riehler Straße. Gegen die im Juni erteilte Baugenehmigung liegt inzwischen eine Klage aus der Nachbarschaft vor, ohne aufschiebende Wirkung – Planung und Umbau laufen vorerst weiter. Um das Gelände steht mittlerweile ein neuer, fest verankerter Zaun, der den bisherigen Bauzaun ersetzt. Für die einen ist er ein „Fremdkörper im Viertel“, für andere, etwa die Initiative „Willkommen im Agnesviertel“, ist die Einrichtung selbst grundsätzlich willkommen. Die Konfliktlinie ist damit die übliche: organisierte Ablehnung trifft auf stillere Zustimmung, die sich seltener zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließt.
Interessanter als der Zaun ist, was hinter ihm ungenutzt bleibt. Das Grundstück besteht aus drei Teilen: einem denkmalgeschützten Altbau von 1908 bis 1911, einer Kantine aus den 1960er-Jahren – und einem Hochhaus von 1968 mit 7500 Quadratmetern, das nicht als Unterkunft dienen soll und damit voraussichtlich zehn Jahre leer stehen wird. In einer Stadt, in der bezahlbarer Wohnraum praktisch nicht mehr existiert, ist das kein Detail am Rand der Meldung, sondern der eigentliche Befund.
Die Erklärung dafür ist nicht Böswilligkeit, sondern Zuständigkeitsarchitektur. Das Gebäude gehört dem Land, ist für die Erstaufnahme zweckgebunden finanziert, und die laut internem Papier der Bezirksregierung veranschlagten rund acht Millionen Euro Umbaukosten sind ausdrücklich keine nachhaltige Sanierung, sondern eine Zehn-Jahres-Lösung. Für eine Anschlussnutzung – etwa den Vorschlag der Kölner CDU, dort studentisches Wohnen unterzubringen – müsste jemand die Zuständigkeit von Land, Stadt und möglichen Betreibern querschneiden. Das ist aufwendiger, als einen Zaun hochzuziehen und das Hochhaus stehen zu lassen. Entsprechend ausweichend fällt die Antwort des NRW-Flüchtlingsministeriums aus, das zur Frage des Leerstands lediglich mitteilt, man könne „keine über die bisher übermittelten Informationen hinausgehenden Einschätzungen“ geben – eine Formulierung, die weniger Zurückhaltung signalisiert als schlicht: Es gibt keinen Plan.
Dass ein solcher Fall kaum öffentliche Resonanz findet, liegt nicht an fehlender Relevanz, sondern an der aktuellen Aufmerksamkeitsverteilung. Die Berichterstattung ist derzeit weitgehend durch die Oper gebunden, mit Olympia als nächstem großen Objekt der Begierde. Beides sind Prestigeprojekte mit Eröffnungsterminen, Kostenverläufen und Fotostrecken – Material, das sich als Geschichte erzählen lässt. Ein zehn Jahre leerstehendes Verwaltungsgebäude neben einem Flüchtlingslager bietet nichts dergleichen: keinen Termin, keine Ikonografie, keinen Skandal mit Anfang und Ende, nur einen Dauerzustand. Genau dieser Dauerzustand ist aber das eigentliche Politikum – nicht, weil er lauter wäre als Oper oder Olympia, sondern weil er in aller Stille genau das fortschreibt, was in Köln ohnehin fehlt.