Der Pressespiegel – Wenn Meinungsvielfalt vier Namen hat

Pömmerling hatte den Auftrag zunächst für eine Formsache gehalten. Die Stadtverwaltung Schilda, Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, benötigte für den Jahresbericht einen Nachweis über „gelebte Meinungsvielfalt in der regionalen Medienlandschaft“. Ein Absatz, vielleicht zwei. Pömmerling war Jurist, kein Journalist, aber er war der Einzige im Rathaus, der noch drei Tageszeitungen im Abonnement hatte, und damit fiel die Aufgabe an ihn.

Er begann montags. Auf der Titelseite des Schildaer Anzeigers: ein Bericht über die Sendung „Menschen bei Lutz“, ausführlich, mit Zitaten. Dienstag: derselbe Bericht, andere Zeitung, andere Überschrift, dieselben Zitate, nur umgestellt. Mittwoch, dritte Zeitung: wieder Lutz, diesmal mit dem Zusatz, die Debatte habe „hohe Wellen geschlagen“ – wessen Wellen, wurde nicht spezifiziert.

Pömmerling, gewissenhaft wie er war, legte eine Tabelle an. Spalte eins: Zeitung. Spalte zwei: Sendung. Spalte drei: Gäste. Nach der dritten Zeile bemerkte er, dass Spalte drei sich nicht mehr veränderte. Dieselben vier Namen, in wechselnder Reihenfolge, seit acht Wochen. Er prüfte die Archive der letzten zwei Jahre nach. Die vier Namen kamen ihm entgegen wie alte Bekannte.

Er rief bei der Redaktion an, um sich zu erkundigen, ob es sich um einen Datenfehler handele. Die Redakteurin erklärte ihm geduldig, das seien eben die Personen, die „etwas zu sagen hätten“. Pömmerling fragte, ob es in Schilda tatsächlich nur vier Personen gebe, die etwas zu sagen hätten. Die Redakteurin sagte, das sei nicht despektierlich gemeint, sondern eine Frage der Verlässlichkeit – man wisse eben, was man bekomme.

Das notierte sich Pömmerling wörtlich, denn es schien ihm der erste ehrliche Satz der ganzen Angelegenheit zu sein.

Für den Jahresbericht formulierte er schließlich folgenden Absatz: „Die Schildaer Medienlandschaft zeichnet sich durch eine hohe Verlässlichkeit ihrer Diskursträger aus. Dieselben vier Bürgerinnen und Bürger vertreten seit mehreren Jahren beständig dieselben Positionen, was von drei unabhängigen Redaktionen unabhängig voneinander bestätigt wird.“ Er reichte den Bericht fristgerecht ein.

Der Bürgermeister lobte die Formulierung als „schön diplomatisch“. Pömmerling widersprach nicht. Er hatte, das war ihm inzwischen klar, lediglich protokolliert, was ohnehin jeder wusste – nur eben in einem Satz, den niemand vorher hingeschrieben hatte, weil es sich von selbst verstand.

Am Freitag erschien in allen drei Zeitungen ein Bericht über den Jahresbericht. Zitiert wurden, der Ausgewogenheit halber, dieselben vier Personen.

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