LSE 5 in NRW: Testen statt Ursachen benennen

Eine neue Erhebung für ein altbekanntes Problem

Mit Beginn des Schuljahres erproben knapp 500 nordrhein-westfälische Schulen eine neue Lernstandserhebung für die fünfte Klasse (LSE 5). Getestet werden Leseverständnis und grundlegende mathematische Kompetenzen, im Multiple-Choice-Verfahren, noch freiwillig. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) kündigte zugleich an, dass die Erhebung nach der Pilotphase verpflichtend werden solle, möglicherweise bereits im kommenden Schuljahr. Parallel dazu soll an den Grundschulen wieder mehr mit der Hand geschrieben werden.

Beide Ankündigungen lassen sich nicht unabhängig voneinander lesen. Sie sind Symptombehandlung für eine Entwicklung, deren Ursachen das Ministerium selbst über Jahre mitgetragen hat.

Was LSE 5 tatsächlich misst

Bislang existieren in NRW die VERA-Vergleichsarbeiten in Klasse 3 und 8, durchgeführt und zu erheblichen Teilen ausgewertet von der jeweils eigenen Klassenlehrkraft. Diese Konstellation erzeugt einen strukturellen Interessenkonflikt: Die Lehrkraft, die testet, wird über die Ergebnisse ihrer eigenen Klasse indirekt mitbewertet. Bei LSE 5 entfällt dieser Mechanismus. Die Kinder kommen aus unterschiedlichen Grundschulen, die durchführende Lehrkraft kennt sie erst seit wenigen Wochen und hat am Ergebnis kein eigenes Interesse.

Ein Absinken der gemessenen Werte gegenüber den letzten VERA-Ergebnissen der jeweiligen Jahrgänge wäre unter diesen Bedingungen keine Überraschung – und nicht zwangsläufig ein realer Kompetenzverlust, sondern möglicherweise schlicht eine von Eigeninteresse bereinigte Zahl. Das Ministerium wird diesen Unterschied kaum thematisieren, wenn die Ergebnisse vorliegen.

Die Digitalisierungs-These und ihre Grenzen

Zur Begründung der Rückkehr zum Handschreiben führte Feller an, immer mehr Kinder könnten zwar tippen und wischen, aber keinen Stift mehr richtig halten. Die Formulierung legt nahe, ein schulischer Digitalisierungsschub habe die Stifthaltung verdrängt. Das hält der Ausstattungsrealität an nordrhein-westfälischen Grundschulen kaum stand: Die Gerätedichte pro Kind ist trotz DigitalPakt vielerorts gering. Wisch- und Tippkompetenz erwerben Kinder überwiegend am heimischen Smartphone oder Tablet, nicht im Klassenzimmer.

Die Schule hat mit dieser Kompetenz wenig zu tun – mit der fehlenden Stifthaltung aber sehr wohl. Hier verortet die Ministerin eine Ursache außerhalb des eigenen Verantwortungsbereichs, während die naheliegendere Erklärung innerhalb der eigenen Fachpolitik liegt.

Die Genese: „Kein Kind zurücklassen“

Die Absenkung von Leistungsanforderungen – reduzierte verbindliche Schreibzeiten, die Methode „Schreiben nach Gehör“, Kompetenzraster statt Ziffernnoten – geht auf die rot-grüne Landesregierung unter Hannelore Kraft und Schulministerin Sylvia Löhrmann zurück, unter dem programmatischen Leitmotiv „Kein Kind zurücklassen“. Es handelte sich nicht um Nachlässigkeit, sondern um eine explizite reformpädagogische Priorisierung: weniger Notendruck, mehr Differenzierung, höhere Schreibmotivation.

Kritik an „Schreiben nach Gehör“ gab es aus der Praxis früh. Sie richtete sich seltener gegen das Prinzip selbst als gegen sein Timing: Bis zur dritten Klasse sollte in der ursprünglichen Methodik keine Korrektur der Schreibweise erfolgen, um Frust zu vermeiden. Kinder signalisieren ihre Bereitschaft zur richtigen Schreibung jedoch meist von selbst, typischerweise durch die Frage „Wie schreibt man das?“ – eine Einladung zur Korrektur, keine Bitte um Bestätigung des Lauteindrucks. Wird sie mit „Schreib es, wie du es hörst“ beantwortet, bleibt eine von innen kommende Lerngelegenheit ungenutzt. Ein gemeinsames Lautieren einzelner Wörter zur Anbahnung der korrekten Schreibung hätte diese Lücke schließen können, blieb aber in der breiten Umsetzung die Ausnahme.

Eine Studie der Universität Bonn (Röhr-Sendlmeier/Kuhl, 2018, über 3.000 nordrhein-westfälische Grundschulkinder) bestätigt die Folgen quantitativ: Kinder, die mit „Schreiben nach Gehör“ unterrichtet wurden, machten am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Kinder, die mit der klassischen Fibelmethode gelernt hatten. Die Fibelgruppe erwies sich zu allen fünf Messzeitpunkten als überlegen.

Zurückrudern ohne Eingeständnis

Dass die Praxis diese Effekte früh benannt hat, verändert die Lesart der heutigen Kurskorrektur. Es handelt sich nicht um eine erst im Nachhinein erkennbare Nebenwirkung eines vertretbaren Trade-offs, sondern um eine über Jahre bekannte und zurückgestellte Kritik. Die jetzige Ankündigung, Basiskompetenzen wieder stärker zu fördern und häufiger zu testen, liest sich als Fortschritt. Sie ist implizit auch ein Eingeständnis, dass die vorherige Linie ein Fehler war – nur wird dieses Wort nicht benutzt, und die Verantwortung dafür bleibt unbenannt.

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