Ein halbes Jahr lang war das Kölner Agrippabad geschlossen. Nicht wegen einer geplanten Sanierung, sondern weil sich bei der Detailplanung herausstellte, dass die Schäden größer waren als angenommen. Seit dem 18. Juli 2026 ist das Bad wieder in Betrieb – allerdings nur, weil die gravierendsten Mängel notdürftig behoben wurden: verklebte Haltepunkte an der Schrägfassade, erneuerte Dachstreben. Das reichte für eine neue Betriebserlaubnis. Für eine echte Zukunft des Standorts reicht es nicht. Laut Kölner Stadt-Anzeiger ist wegen weiterer Schäden, unter anderem am Beton, eine Generalsanierung nötig. Wann sie beginnt, ist offen. Die Betreibergesellschaft schätzt selbst: in zwei bis drei Jahren.
Zwei getrennte Vorgänge, ein gemeinsames Problem
Reparatur und Sanierungsplanung sind bei diesem Bad zwei unabhängige Prozesse. Die Notreparatur wurde von beauftragten Handwerks- und Schwimmbadbaufirmen ausgeführt – eine reine Ausführungsleistung, um akute Gefahren zu beseitigen. Die Generalsanierung dagegen befindet sich noch im Gutachterstadium: Mehrere Berichte mit unterschiedlichen Szenarien liegen vor, eine abschließende Entscheidung gibt es nicht. Beide Vorgänge haben unterschiedliche Zeitachsen, unterschiedliche Auftragnehmer, unterschiedliche Verantwortlichkeiten. Das ist an sich kein Skandal – Gutachten brauchen Zeit, und ein Gebäude aus den 1950er-Jahren mit Anbauten aus der Jahrtausendwende ist kein triviales Objekt.
Skandalös wird es erst durch das, was zwischen den beiden Prozessen fehlt: ein Zwischenmanagement, das den fortschreitenden Verfall bremst, während die Entscheidung über die Generalsanierung noch aussteht. Für die anstehenden zwei bis drei Jahre bis zum vermuteten Sanierungsbeginn findet sich in der Berichterstattung keine Aussage dazu, ob und wie die bereits bekannten Betonschäden am Fortschreiten gehindert werden sollen. Ein Gebäude, das offiziell „auf Widerruf“ betrieben wird, verdient eigentlich ein aktives Schadensmanagement – nicht nur eine Ausführungsmaßnahme, die die Mindestanforderung für die Betriebserlaubnis erfüllt, und dann Warten auf den nächsten Gutachterbericht.
Wer trägt die Kosten der Verzögerung?
Genau für solche Fälle – Bestandserhaltung, Schadensmanagement, Sanierungssteuerung öffentlicher Gebäude – existiert in Köln mit der städtischen Gebäudewirtschaft eine eigene Fachinstitution. Die Frage, die sich aus dem Agrippabad-Fall ableiten lässt, betrifft daher nicht die ausführenden Handwerksbetriebe und auch nicht in erster Linie die Gutachter, sondern die Steuerungsebene: Wird der Zeitraum zwischen Erstbefund und Sanierungsbeschluss aktiv gemanagt, oder verstreicht er einfach, während sich der bauliche Zustand des Objekts weiter verschlechtert und die spätere Sanierung dadurch aufwendiger und teurer wird?
Die vorliegende Kostenskizze gibt dazu bereits einen Hinweis auf die Unschärfe der Planung: Von rund 20 Millionen Euro Projektkosten sollen sich die Kölnbäder mit 16,4 Millionen beteiligen, sodass sich die „zuwendungsfähigen Gesamtkosten“ auf 3,6 Millionen Euro reduzieren – wovon wiederum 45 Prozent aus einem Bundesprogramm kommen sollen, dessen Förderzusage noch aussteht. Diese Rechnung mag fördertechnisch korrekt sein, sie zeigt aber auch, wie viel an dieser Sanierung noch von Zusagen abhängt, die es noch nicht gibt.
Was das für die Olympiabewerbung bedeutet
Das Agrippabad ist ein einzelnes, klar abgegrenztes Objekt mit maximaler Dringlichkeit: geschlossen, öffentlich sichtbar, mit 420.000 Besuchen pro Jahr das meistgenutzte Bad der Stadt, unter erheblichem medialen und politischen Druck. Wenn selbst unter diesen Bedingungen die Zeitspanne zwischen Schadensfeststellung und Sanierungsbeschluss mehrere Jahre beträgt und dabei ohne erkennbares Zwischenmanagement verstreicht, stellt sich die Frage, wie belastbar die Annahme ist, dieselbe Verwaltung könne parallel ein Mehrfaches an neuer und sanierter Sportstätten-Infrastruktur für eine Olympiabewerbung realisieren – unter Termindruck, mit internationaler Beobachtung und ohne den Puffer, den ein einzelnes Bad wenigstens theoretisch noch hat.
Die Kölnbäder selbst benennen im Übrigen einen weiteren Engpass, der sich kaum wegdiskutieren lässt: die „angespannte Situation“ von Firmen, die auf Schwimmbadbau spezialisiert sind, die bereits für ein einzelnes Bad zu Verzögerungen bei zugesagten Leistungen geführt hat. Eine Olympiabewerbung würde diese Kapazitätsfrage nicht auf ein Objekt, sondern auf ein Dutzend oder mehr projizieren – bei einer Bauwirtschaft, die schon jetzt an ihre Grenzen stößt.