Es gibt eine Alltagsszene, die das Verwaltungshandeln dieses Landes genauer beschreibt als mancher Rechnungshofbericht. Sie spielt im Kühlschrank.
Marlene Knobloch beschreibt in ihrer ZEIT-Literaturkolumne über Paul Watzlawicks »Anleitung zum Unglücklichsein« eine dritte Sorte Mensch im Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Nicht jene, die abgelaufene Lebensmittel entsorgen. Auch nicht jene, die das Datum für eine Empfehlung ohne Verbindlichkeit halten. Sondern jene, die den Zweifelsfall prüfen, ihn zurückstellen und abwarten, bis der Zustand die Entscheidung selbst getroffen hat. Erst dann wird mit angemessenem Ekel entsorgt – und anschließend darüber gestritten, wer eigentlich zuständig gewesen wäre.
Gemeint ist das als heitere Illustration zu Watzlawick. Es ist aber auch ein Organigramm.
Der Verfall als Entscheidungsersatz
Der Reiz des Verfahrens liegt darin, dass es ohne Entscheidung auskommt und trotzdem zu einem Ergebnis führt. Wer wegwirft, könnte sich geirrt haben und muss sich dafür rechtfertigen. Wer weiterisst, trägt ein Risiko. Wer wartet, bekommt die Gewissheit geschenkt – geliefert vom Schimmel, kostenlos und unwiderlegbar.
Genau dieses Muster prägt den Umgang mit öffentlicher Infrastruktur. Eine Brücke, deren Zustand seit Jahren als kritisch dokumentiert ist, befindet sich exakt in der Grauzone: sanierungsbedürftig, aber noch befahrbar. Eine Sanierung kostet Geld, das anderswo fehlt, und erfordert eine Entscheidung, die angreifbar ist. Ein Weiterbetrieb ohne Maßnahmen kostet zunächst nichts. Also wird geprüft, gutachtet, tonnagebeschränkt, erneut geprüft. Am Ende steht keine Entscheidung, sondern eine Sperrung. Die Rahmedetalbrücke der A45 ist dafür das bekannteste, keineswegs aber das einzige Beispiel.
Dasselbe gilt für Schulgebäude, deren Sanierungsstau so lange fortgeschrieben wird, bis Container die einzige verbleibende Option sind. Für Bäder, die nicht geschlossen, sondern irreparabel werden. Für Personalstellen, die nicht gestrichen, sondern unbesetzt gelassen werden, bis die Aufgabe faktisch entfällt. In keinem dieser Fälle hat jemand entschieden, dass es so kommen soll. Genau das ist der Punkt.
Der Streit über die Zuständigkeit als Ersatzhandlung
Bemerkenswert ist die zweite Hälfte der Kühlschrankszene: der anschließende Streit darüber, wer für die Verwaltung des Schicksals zuständig war. Er wirkt wie eine Aufarbeitung, ist aber ihr Gegenteil. Denn er setzt erst ein, wenn nichts mehr zu retten ist, und er richtet sich auf Personen statt auf das Verfahren, das die Entscheidung so lange aufschieben konnte.
Im politischen Betrieb heißt dieser Streit Untersuchungsausschuss, Verantwortungszuweisung zwischen Bund, Land und Kommune oder Rücktrittsforderung. Er wird ehrlich empfunden und mit erheblichem Aufwand geführt. Er ändert nur nichts an der Konstruktion, die das Aussitzen belohnt: Wer nicht entscheidet, macht keinen Fehler, der ihm zugerechnet werden kann. Wer entscheidet, schon. Solange diese Asymmetrie besteht, produziert jedes Nachspiel dieselbe Vorgeschichte neu.
Die Stimmung ist nicht das Problem
Watzlawick notiert, die Prophezeiung des Ereignisses führe zum Ereignis der Prophezeiung. Wer den Untergang erwarte, arbeite ihm zu. Als psychologische Beobachtung über einzelne Menschen ist das treffend. In der politischen Übersetzung wird daraus etwas anderes: Kritik gilt als Ursache des Zustands, den sie beschreibt. Die Lage sei besser als die Stimmung – ein Satz, der seit Jahrzehnten zuverlässig immer dann fällt, wenn die Lage sich schlecht verteidigen lässt.
Damit verschiebt sich der Gegenstand. Nicht mehr der Sanierungsstau steht zur Debatte, sondern die Haltung derer, die ihn benennen. Nicht das Verfahren, das Entscheidungen verzögert, sondern die Miesepetrigkeit eines ganzen Landes. Das ist die bequemste Form der Zeitdiagnose, weil sie keine Zuständigkeit kennt: Eine Mentalität lässt sich nicht sanieren, nur beklagen.
Die schlechte Stimmung ist aber keine Krankheit, sondern in weiten Teilen eine zutreffende Beschreibung. Wer über Jahre erlebt, dass Zustände nicht entschieden, sondern ausgesessen werden, entwickelt keine Neurose, sondern Erfahrung. Und die kurze Freude beim Rechthaben, die Knobloch als nationalen Zug beschreibt, ist der letzte verbliebene Ertrag einer Beteiligung, die sonst folgenlos bleibt.
Watzlawick meinte seine Anleitung als paradoxe Intervention – ein Buch, das durch Übertreibung zur Umkehr bewegen sollte. Für Menschen mag das funktionieren. Für Verwaltungen liest es sich eher wie ein Handbuch.