Risiko nach Opportunität – Amokfahrt, Promillefahrer und die selektive Empörung

Risiko nach Opportunität

Nach der Amokfahrt in Leipzig, bei der ein 33-jähriger Deutscher zwei Menschen tötete und sechs weitere verletzte, folgte die übliche Reflexbewegung: Artikel über Versäumnisse im Psychiatriesystem, Fragen nach vermeidbaren Risiken, Oktablocks vor der Fußgängerzone. Die Frage, die dabei nicht gestellt wird, ist die naheliegendste: Warum dieser Aufwand für ein statistisch seltenes Ereignis – und warum die Stille bei den täglich wiederkehrenden?

Eines der sichersten Länder der Erde

Deutschland gehört zu den sichersten Gesellschaften, die je existiert haben. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, ist historisch niedrig. Das ändert nichts daran, dass das Risiko, sobald man das Haus verlässt, real und unkalkulierbar bleibt – in der Großstadt wie auf dem Dorf, in der Fußgängerzone wie auf der Landstraße. Leben im öffentlichen Raum ist strukturell mit Risiko verbunden. Das war immer so. Neu ist die Erwartung, dass es anders sein könnte.

Drei Tote täglich

Im deutschen Straßenverkehr sterben täglich durchschnittlich drei Menschen. Im Jahr 2024 waren es rund 2.800 Verkehrstote. Alkohol, überhöhte Geschwindigkeit, Ablenkung, Suizidversuche – die Ursachen sind bekannt, die Risikofaktoren dokumentiert, die politischen Interventionsmöglichkeiten beschrieben. Tempolimit, verschärfte Führerscheinstandards, konsequentere Ahndung von Trunkenheitsfahrten: All das ließe sich gesellschaftlich entscheiden. Es wird nicht entschieden.

Stattdessen: Einzelfallbetrachtung. Der betrunkene Fahrer, der übermüdete Trucker, das technische Versagen. Keine Sondersendungen, keine Artikel über Systemversagen, keine Oktablocks.

Der Parkplatz vor dem ersten Bier

Die rechtliche Behandlung von Trunkenheitsfahrten folgt einer eigentümlichen Logik. Wer mit dem Auto zur Kneipe fährt und nach dem Alkoholkonsum zurückfährt, kann sich unter Umständen auf verminderte Schuldfähigkeit berufen – obwohl der entscheidende Moment der Schuld nicht auf dem Heimweg liegt, sondern auf dem Parkplatz davor. Die Entscheidung, mit dem Auto zu kommen und zu wissen, dass man trinken wird, ist eine freie Vorentscheidung. Das Rechtsinstitut der actio libera in causa – die Handlung war frei in ihrer Ursache – wäre hier eigentlich anzuwenden. In der Praxis geschieht das uneinheitlich.

Das Ergebnis für das Opfer ist in beiden Fällen identisch.

Unterbringung ist keine Therapie

Der Täter von Leipzig wird voraussichtlich in der Psychiatrie untergebracht. Die juristische Unterscheidung zwischen „Unterbringung“ und „Strafe“ ist eine Fiktion, die am gelebten Alltag vorbeigeht. Freiheitsentzug ist Freiheitsentzug. Wer sich den Gegebenheiten einer geschlossenen Einrichtung nicht fügt, wird sediert. Der Unterschied liegt im erklärten Zweck – Therapie statt Vergeltung – nicht in der Erfahrung. Auch das wäre eine ehrliche Debatte wert.

Politische Opportunität als Risikofilter

Was die Berichterstattung über Leipzig von der Stille über Verkehrstote unterscheidet, ist nicht das Ausmaß des Schadens. Es ist die politische Kostenkalkulation. Auf den Amokfahrer lässt sich einschlagen, ohne dass jemand einen Wahlkreis verliert. Eine konsequente Ahndung von Trunkenheitsfahrten oder ein generelles Tempolimit würde Milieus treffen, die quer durch alle Parteien vertreten sind.

Das Auto ist strukturell sakrosankt. Der Alkohol ebenfalls. Beide sind tief in eine Alltagskultur eingeschrieben, die sich politisch nicht ungestraft antasten lässt. Der Amokfahrer hingegen hat keine Lobby.

Risikomanagement als Gesellschaftsentscheidung

Keine Gesellschaft kann das Risiko öffentlicher Gewalt auf null reduzieren. Das gilt für den Amokfahrer ebenso wie für den Betrunkenen am Steuer. Der Unterschied liegt darin, welche Risiken als verhandelbar gelten und welche nicht – und diese Unterscheidung folgt nicht der statistischen Relevanz, sondern der politischen Opportunität.

Leipzig bekommt Betonpoller. Die ambulante psychiatrische Versorgung bleibt unterfinanziert. Die Promillegrenzen bleiben, wo sie sind. Und morgen sterben wieder drei Menschen auf deutschen Straßen, über die kein Artikel erscheint.

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