Markus Söder hat am Wochenende der Welt am Sonntag ein Interview gegeben, das wie ein Rundumschlag bayerischer Bescheidenheit klingt: Die Koalition brauche „Disziplin und Selbstbeherrschung“, er habe „keine Lust auf Verlieren“, die AfD sei kategorisch ausgeschlossen, und beim Bürgergeld gebe es „noch Potenzial“. Ein Provinzfürst, der das Bundeskabinett zur Ordnung ruft. Bemerkenswert ist nicht, was er sagt – das hat er hundertmal gesagt – sondern wann er es sagt.
Die bayerische Realität: schlechtestes Ergebnis seit 1952
Bei der Kommunalwahl am 8. März 2026 holte die CSU bayernweit 32,5 Prozent – das schlechteste Ergebnis seit 1952. Die AfD verdreifachte ihren Stimmenanteil von 4,5 auf 12,2 Prozent und liegt damit etwa gleichauf mit SPD und Freien Wählern. In Bamberg flog die ehemalige bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml schon im ersten Wahlgang aus dem OB-Rennen. Söder kommentierte das öffentlich mit dem Satz „Bamberg tut weh“ und verkaufte das Gesamtergebnis als Erfolg, weil die CSU „klar die Nummer eins“ sei. Wer aus 32,5 Prozent einen Triumph destilliert, hat ein Kommunikationsproblem mit der eigenen Verlustbilanz.
Bayern ist für die CSU kein gemütliches Stammland mehr. Es ist eine Festung mit Rissen in der Mauer. Die AfD-Welle aus Mitteldeutschland erreicht den Süden, die Grünen halten sich in den Großstädten, München steht in Stichwahlen. Söders Markenkern – Mia san mia, der CSU-Patriarch als unangefochtener Landesfürst – funktioniert nicht mehr unangefochten.
Die Kanzlervakanz: Merz im historischen Tief
Gleichzeitig ist in Berlin etwas Bemerkenswertes passiert. Friedrich Merz hat im April 2026 nach einer Erhebung von Morning Consult die niedrigsten Zustimmungswerte unter 24 demokratisch gewählten Regierungschefs weltweit – 19 Prozent Zufriedenheit, 76 Prozent Ablehnung. Im aktuellen DeutschlandTREND von Infratest dimap sind noch 16 Prozent mit Merz‘ Arbeit eher zufrieden – der niedrigste Wert für einen Bundeskanzler in dieser Erhebungsreihe überhaupt. Die Union liegt bei 24 Prozent, die AfD bei 27 und ist erstmals in der Sonntagsfrage stärkste Kraft.
Selbst innerhalb der eigenen Reihen bröckelt der Rückhalt: Nur etwa jeder zweite Unions-Anhänger ist mit dem eigenen Kanzler zufrieden. Der CSU-Chef weiß das. Robin Alexander hat es am 8. Mai bei Markus Lanz so formuliert: Söder „brennt der Rock an allen Ecken“, er versuche „die Flucht nach vorne“, er wittere als „Instinkt-Politiker“ eine Chance, dass „nochmal darüber geredet wird, ob Friedrich Merz der Richtige ist“.
Die Choreografie: rechts blinken, links blinken, AfD-Zaun bauen
Vor dieser Kulisse liest sich Söders Sonntagsinterview anders. Es ist keine Sachpolitik, es ist eine Bewerbungsmappe. In drei Sätzen positioniert er sich entlang aller drei Achsen, die ein potenzieller Kanzlerkandidat bedienen muss:
Erstens nach rechts: Bürgergeld kürzen, Sozialausgaben drücken, Anreize zur Arbeit – das alte Lied, das im konservativen Aufmerksamkeitsmarkt verlässlich Beifall erntet, ohne irgendeine empirische Grundlage zu benötigen.
Zweitens nach links: Erhöhung der Reichensteuer ab 300.000 Euro Einkommen. Das ist die für Söder-Verhältnisse überraschende Geste – und sie ist taktisch zu verstehen. Wer Kanzler einer Großen Koalition werden will, muss der SPD ein Brückchen bauen. Der Satz kostet ihn nichts, weil die Reichensteuer-Reform erst zum 1. Januar 2027 ansteht und bis dahin viel Wasser die Donau hinunterfließt. Aber das Signal ist gesetzt: Mit mir kann man auch Sozialdemokratie.
Drittens der Brandschutzzaun zur AfD, mit Weimar-Zitat aufgeladen: „Weimar ist nicht wegen der Stärke der Radikalen gescheitert, sondern wegen der Schwäche der Demokraten.“ Das ist staatstragend formuliert und – darauf kommt es an – richtet sich nicht primär an die AfD, sondern an die SPD. Übersetzung: Mit mir habt ihr keinen Risiko-Koalitionspartner, der heimlich mit den Rechtsradikalen liebäugelt. Mit mir ist die Brandmauer hoch.
Asymmetrisches Positionieren, jetzt mit Kanzlerformat
Es ist das bekannte Söder-Muster: Man kann nie wirklich verlieren, weil man nie Verantwortung für die Umsetzung übernimmt. Bürgergeld-Kürzung soll Klingbeil durchsetzen. Reichensteuer soll der Finanzminister ausarbeiten. Die Koalitionsdisziplin sollen Merz und die Fachpolitiker liefern. Söder kommentiert aus München, was in Berlin nicht funktioniert – und wenn es funktioniert, war er dafür. Wenn nicht, hat er es vorhergesagt.
Neu ist nur die Tonlage. Wo er früher polterte, mahnt er jetzt zur Geschlossenheit. Wo er früher provozierte, ruft er zu „Disziplin und Selbstbeherrschung“. Das ist die Sprache eines Mannes, der sich selbst als Stabilitätsanker präsentiert, während der amtierende Kanzler in den Umfragen versinkt. Es ist die Sprache des Wartenden – mit gepacktem Köfferchen vor der Kanzleramtstür.
Was bleibt
Bayern verliert für die CSU an Selbstverständlichkeit. Die Bundespolitik bietet einen schwachen Kanzler. Söder addiert beides und kommt zum gleichen Ergebnis wie 2021: Diesmal vielleicht doch. Ob daraus etwas wird, hängt weniger an ihm als an Merz. Aber dass er sich in Stellung bringt, ist nach diesem Wochenende offensichtlich. Und wer den Hinweis auf Weimar in den Mund nimmt, um sich selbst als Demokratieretter zu inszenieren, sollte gefragt werden, was er in den letzten zwölf Jahren CSU-Vorsitz konkret gegen den Aufstieg der AfD getan hat. Außer den Ressentiments, von denen sie lebt, vorzukauen.