Rente mit 70: Wer länger arbeitet – und wer geschont wird

Am Donnerstagmorgen meldete die Bild-Zeitung, was offiziell erst am 30. Juni vorgestellt werden soll: Die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission plant, eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre zu empfehlen. Zuerst 68 Anfang der 2040er, dann 69 Anfang der 2050er, schließlich 70 Anfang der 2060er Jahre. Parallel soll das Rentenniveau von heute 48 Prozent auf 46 Prozent absinken. So der Tagesspiegel unter Berufung auf die Bild-Vorabmeldung.

Eine Empfehlung, sechs Wochen vor dem offiziellen Übergabetermin. Über die Bild. Das ist kein Versehen.

Wie man eine unangenehme Botschaft platziert

Wer den Empfehlungstext sechs Wochen vor der offiziellen Übergabe an die Regierung an die Bild durchsticht, will nicht informieren. Er will testen. Die Reaktion der Bevölkerung soll abgeschöpft werden, bevor der eigentliche Bericht steht — und falls der Aufschrei zu laut ausfällt, lässt sich bis zum 30. Juni immer noch nachjustieren, abmildern, ergänzen. Klassischer Versuchsballon.

Was an der Botschaft genau heikel ist, lässt sich in einem Satz sagen: Eine Kommission aus dreizehn Sachverständigen hat über Monate über die Zukunft der Alterssicherung beraten und kommt zu dem Schluss, dass die Lösung darin besteht, dass die abhängig Beschäftigten länger arbeiten und weniger bekommen sollen.

Schmerz in der Zukunft, Beruhigung in der Gegenwart

Schauen wir auf den Zeitplan: 68 Anfang der 2040er. 69 Anfang der 2050er. 70 Anfang der 2060er.

Wer heute in der Politik Verantwortung trägt, ist bei Erreichen der 70-Jahres-Grenze entweder lange im Ruhestand oder verstorben. Friedrich Merz, Jahrgang 1955, wäre Anfang der 2060er Jahre über hundert. Lars Klingbeil, Jahrgang 1978, käme auf 82. Niemand, der heute diese Empfehlung ausarbeitet, durchsetzt oder verwässert, wird selbst von ihr betroffen sein. Eine Reform „für 2060“ ist eine Reform, die heute keinen Wähler kostet.

Genau das ist die politische Schönheit des Vorschlags. Er wirkt entschlossen, kostet kurzfristig nichts. Wer dagegen ist, kann beruhigt sein — bis es soweit ist, sind drei Bundestagswahlen vergangen. Wer dafür ist, kann sich als Generationengerechtigkeits-Reformer profilieren, ohne irgendjemandem im Hier und Jetzt etwas zumuten zu müssen.

Die Lücke, die alles erklärt

Was in der Vorabmeldung beiläufig erwähnt wird, ist der eigentliche Befund: Über die Einbeziehung der Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung wird „kontrovers diskutiert“, eine Mehrheit dafür gebe es derzeit aber nicht.

Übersetzt: Die Kommission empfiehlt der abhängig beschäftigten Bevölkerung, drei Jahre länger zu arbeiten und mit zwei Prozentpunkten weniger Rente zu rechnen. Aber die Gruppe, die nicht in die Rentenkasse einzahlt und deren Pensionen aus dem Steuerhaushalt von Bund und Ländern getragen werden, bleibt außen vor. Die Selbstständigen werden allenfalls halbherzig adressiert. Die Abgeordnetenpensionen tauchen in keiner einzigen Empfehlungszeile auf.

Eine Reform, die ausgerechnet die Gruppen schont, die selbst über sie entscheiden, ist keine Reform der Alterssicherung. Es ist eine Lastverteilung — und zwar in genau die Richtung, in die solche Lastverteilungen seit dreißig Jahren laufen.

Die Wirklichkeit jenseits des Bürostuhls

Daneben steht eine sehr konkrete Frage: Wer arbeitet eigentlich bis 70?

Ein Bürojob, gerne. Sitzend, klimatisiert, kognitiv anspruchsvoll, aber körperlich machbar. Aber Pflegekräfte? Erzieherinnen? Bauarbeiter? Maler, Dachdecker, Lagerist, LKW-Fahrer, Köchin in der Großküche? Schon heute schaffen es viele dieser Berufsgruppen nicht bis 65. Die Erwerbsminderungsrente und der Übergang in die abschlagsbehaftete Frührente sind längst eingespielte Auffangmechanismen — Mechanismen, die im Klartext bedeuten: Ein Teil der späteren Lebensjahre wird in Armut verbracht.

Ein Renteneintrittsalter von 70 wird für diese Berufsgruppen schlicht nicht funktionieren. Es wird die Frührente-mit-Abschlägen zur Norm machen — was wiederum nichts anderes bedeutet als faktische Rentenkürzung für jene, die körperlich am stärksten belastet sind. Die Mahnungen des Bundesrechnungshofs, dass eine umfassende Reform zwingend nötig sei, sind in der Sache richtig. Nur sagt eine Empfehlung „länger arbeiten, weniger bekommen“ wenig über die Lebenswirklichkeit derer, die diese Empfehlung tragen müssten.

Was die Kommission nicht sagen darf

Eine ehrliche Empfehlung müsste lauten: Entweder zahlen alle Erwerbstätigen ein — Beamte, Politiker, Selbstständige, Freiberufler — oder das System ist langfristig nicht zu halten. Eine Erwerbstätigenversicherung nach dem Vorbild Österreichs wäre der strukturell sauberste Weg, das System zu stabilisieren. Sie steht in keinem Empfehlungspapier, weil sie die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Kommission, innerhalb der Koalition und innerhalb der politischen Klasse insgesamt zerlegt.

Stattdessen werden alle drei Stellschrauben in dieselbe Richtung gedreht: Beitragslast hoch, Niveau runter, Eintrittsalter nach hinten. Eine Kommission, die ausgerechnet die strukturelle Frage — wer überhaupt in das System einzahlt — offen lässt, hat keine Lösung erarbeitet. Sie hat eine Verschiebung organisiert.

Eine Schlagzeile, mehr nicht

Spannend ist auch, was nicht passiert. „Rente mit 70“ ist ein Thema, das jeden Erwerbstätigen in Deutschland direkt betrifft. Es geht um Lebenszeit, körperliche Belastung, Würde im Alter. Trotzdem wird die Meldung in den nächsten Tagen durch die Nachrichtenzyklen wandern und dann verschwinden — bis zum 30. Juni, wenn der Bericht offiziell vorgestellt wird. Dann nochmal eine Woche Aufmerksamkeit, dann ist Sommer, dann beginnt der Bundestag mit anderem.

Strukturelle Themen haben keine Bildersprache. Sie erzeugen keinen Empörungspeak. Sie sind statistisch, demographisch, finanzmathematisch. Sie verlieren in der Aufmerksamkeitsökonomie gegen jeden beliebigen Skandaltopf, der in den nächsten Wochen aufmachen wird. Genau darauf wird gesetzt: Dass die Empfehlung am 30. Juni im Sommerloch versinkt — oder von einer Welle untergeht, die mit Rente nichts zu tun hat.

Die Empfehlung der Rentenkommission wird in dieser Form vermutlich nicht eins zu eins Gesetz. Aber sie verschiebt das Fenster des Sagbaren ein weiteres Stück nach hinten. In zehn Jahren wird „Rente mit 70“ die gemäßigte Mittelposition sein. Und niemand, der heute darüber entscheidet, wird sich daran noch erinnern müssen.

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