Flickwerk auf Raten — oder: Wie man ein System methodisch gegen die Wand fährt

Das Bundeskabinett hat das Beitragsstabilisierungsgesetz verabschiedet. Gesundheitsministerin Warken nennt es eine Reform. Es ist keines.

Es ist das, was deutsche Sozialpolitik seit Jahrzehnten kennzeichnet: Lückenstopfen. Verschieben. Zeit kaufen. Das Finanzloch in der gesetzlichen Krankenversicherung beträgt 2027 über 15 Milliarden Euro, bis 2030 wächst es auf über 40 Milliarden. Das Gesetz schließt die Lücke für zwei Jahre — und lässt sie danach wieder aufreißen. Das steht so im Entwurf. Niemand tut so, als wäre es ein Geheimnis.

Wer zahlt? Nicht wer könnte.

Zuzahlungen zu Medikamenten werden verdoppelt. Krankenhauskosten steigen. Die Beitragsbemessungsgrenze wird angehoben — das trifft den oberen Mittelstand. Soweit, so bekannt. Was weniger diskutiert wird: Der Bund überweist seit Jahren zu wenig für Bürgergeldempfänger in den Gesundheitsfonds — Kosten, die gesellschaftspolitischer Natur sind und aus Steuermitteln gedeckt werden müssten. Stattdessen werden sie still und leise auf die Beitragszahler abgewälzt. Und als wäre das nicht genug, kürzt der Bund gleichzeitig seinen regulären Zuschuss um zwei Milliarden Euro jährlich.

Man könnte es auch anders formulieren: Wer die Solidarlasten der Gesellschaft trägt, wird dafür bestraft.

Die SPD und der Preis des Schweigens

Die SPD hat beim Beitragszuschlag für bisher kostenlos mitversicherte Ehepartner etwas ausgehandelt: statt 3,5 Prozent nun 2,5 Prozent. Das wird intern als Erfolg verbucht. Dabei wäre eine sozialdemokratische Grundposition eine andere gewesen: Wenn schon Mehrbelastung, dann dort, wo sie am wenigsten wehtut — nicht bei Pflegenden, nicht bei Eltern kleiner Kinder, nicht bei Alleinverdienerhaushalten im mittleren Einkommensbereich. Stattdessen: kosmetische Korrekturen, Koalitionsfrieden, Themenwechsel.

Eine Partei, die ihren sozialpolitischen Kernauftrag in Koalitionsverhandlungen dauerhaft abgibt, sollte sich nicht wundern, wenn irgendwann niemand mehr weiß, wofür sie eigentlich steht.

Die AfD braucht hier gar nichts zu tun

Das ist das Perverse an dieser Konstellation: Eine Partei, die keine einzige der genannten Strukturfragen lösen will und auch nicht kann, sitzt ruhig da und wartet. Jede Zuzahlungserhöhung, jede Sonderregelung, jeder Bürokratieaufwuchs — all das ist Wasser auf ihre Mühlen. Sie erntet Ressentiments, die andere produzieren. Und der Mechanismus funktioniert zuverlässig, Legislatur für Legislatur.

Dasselbe Muster, überall

Die gesetzliche Krankenversicherung ist kein Einzelfall. Die Rentenversicherung folgt derselben Logik: keine Strukturreform, sondern Aufschub. Beide Systeme wurden für eine Gesellschaft konzipiert, die es so nicht mehr gibt — mit anderen Erwerbsbiografien, anderen Familienmodellen, anderen demografischen Verhältnissen. Beide Systeme werden mit Flicken zusammengehalten, bis die Flicken teurer werden als ein Neubau.

Implodieren ist das richtige Wort dafür. Es passiert nicht plötzlich. Es passiert durch viele kleine Unterlassungen, über viele Jahre, von vielen Regierungen. Bis es irgendwann passiert — und alle überrascht sind.

Der Souverän hat es so gewollt

Das ist der bitterste Satz in dieser ganzen Debatte. Und er stimmt. Eine Gesellschaft, die einen über Siebzigjährigen mit Wurzeln in der Wirtschaftswelt der Achtzigerjahre an die Spitze wählt, sollte keine Überraschungen erwarten. Keine Innovationen. Keinen Aufbruch. Nicht einmal den viel gescholtenen Stillstand der Ära Merkel — sondern den gezielten Rückgriff auf das, was einmal war. Das Auto als Leitindustrie. Die fossile Infrastruktur als Stabilitätsversprechen. Das Bewährte als Antwort auf eine Welt, die sich längst weitergedreht hat.

Man kann das beklagen. Man kann es analysieren. Man kann fragen, ob ein Souverän, der systematisch falsch informiert und von Lobbyinteressen bearbeitet wird, wirklich frei wählt. Das sind legitime Fragen — aber sie ändern nichts am Ergebnis.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Systeme manchmal dann reformiert werden, wenn der Druck groß genug ist. Und die Befürchtung, dass „groß genug“ in diesem Fall bedeutet: wenn es zu spät ist.

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