Dick, Doof und die Übung, die den Meister macht

Es muss Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre gewesen sein. Ich hatte einen kleinen Filmausschnitt besorgt, vermutlich auf einer Super-8-Rolle, später dann auf VHS. Zwei Minuten, nicht mehr. Stan Laurel und Oliver Hardy, in Deutschland als Dick und Doof bekannt, sitzen nebeneinander auf einer Bank. Stan klopft in rascher Abfolge Knie, Ohr und Nase an – beide Hände kreuzweise, ein kompliziertes kleines Muster, das er mit der Leichtigkeit eines Kindes vollzieht, das gerade etwas Neues entdeckt hat. Ollie schaut zu, hält das Ganze für eine Lächerlichkeit, die er in zehn Sekunden beherrschen werde, und versucht es nachzumachen. Er scheitert. Er versucht es noch einmal. Er scheitert wieder. Seine Hände gehen an die falschen Stellen, sein Gesicht wird rot, seine Geduld verbraucht sich, und Stan sitzt daneben, unschuldig, vielleicht leise stolz.

Die Szene stammt aus Fra Diavolo von 1933, bei uns als Die Teufelsbrüder gelaufen. Das Spiel heißt im Original Kneesie-Earsie-Nosie. Es ist einer der berühmtesten Momente des Duos, und Laurel und Hardy haben ihn ein Jahr später in Babes in Toyland noch einmal zitiert, als wüssten sie selbst, dass ihnen etwas Besonderes gelungen war.

Ich habe den Ausschnitt meinen Kindern gezeigt und sie aufgefordert, es nachzumachen. Und sie scheiterten natürlich zunächst, wie Ollie scheiterte. Aber dann probierten sie weiter, langsamer, konzentrierter, und nach und nach bekam das eine oder andere Kind die Bewegungsfolge hin. Übung macht den Meister, das war die Botschaft, die ich ihnen mitgeben wollte, und die Botschaft kam an, weil sie nicht in einem Merksatz daherkam, sondern in einem geteilten Gelächter und einer geteilten Anstrengung.

Erst viel später, bei einem der seltenen Male, die ich die Szene noch einmal im Kopf durchging, bemerkte ich, was in ihr eigentlich steckt. Denn es ist nicht Doof, der scheitert. Es ist Dick. Es ist der, der sich für den Klügeren hält, der die Lösung immer schon zu wissen glaubt, der Stan in jedem anderen Film zurechtweist und belehrt – ausgerechnet er steht vor dieser kleinen motorischen Aufgabe und kommt nicht zu Rande. Und Stan, der Dumme, der Naive, der immer Belehrte, beherrscht sie mühelos.

Das ist keine Randbeobachtung, sondern der eigentliche Witz des Films. Laurel war künstlerisch der Kopf des Duos, der stille Regisseur hinter der Kamera, derjenige, der die Gags entwickelte und die Regeln der Szenen festlegte. Dass er in Kneesie-Earsie-Nosie seine Figur das können lässt, woran die andere scheitert, ist kein Zufall. Es ist die leise Unterwanderung einer ganzen Rollenverteilung. Der scheinbare Narr ist klüger als sein Umfeld. Die Figur hat Tradition, man findet sie bei Shakespeare, bei Tschechow, in den englischen Musikhallen des 19. Jahrhunderts, aus denen Laurel herkam.

Wer sich doof stellen kann, muss klug sein. Umgekehrt funktioniert das nicht. Wer wirklich nicht versteht, kann nicht vorgeben zu verstehen, weil ihm die Referenzpunkte fehlen. Das Spiel braucht das Original als Grundlage. Und genau das macht Stan Laurel in dieser Szene vor: Er spielt den Ungelenken, während er der Gelenkte ist. Er spielt den Einfältigen, während er der Vielfältige ist.

Was ich damals den Kindern beigebracht habe, war richtig – aber nur die halbe Wahrheit. Übung macht den Meister, ja. Aber die andere Hälfte, die ich ihnen damals schuldig geblieben bin, ist diese: Verlasse dich nicht auf Etiketten. Der, der dumm wirkt, ist oft der Klügste im Raum. Der, der laut behauptet zu wissen, weiß oft am wenigsten. Und wer genau hinschaut, erkennt den Unterschied.

Ich würde den Ausschnitt heute noch einmal zeigen. Aber ich würde zwei Fragen anschließen. Die erste: Wer von beiden kann es? Die zweite: Warum glaubt ihr, konntet ihr das beim ersten Hinsehen nicht erkennen?

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