Was wir verlernen, während wir tippen und wischen – Digitalisierung und kognitive Verarmung

Was wir verlernen, während wir tippen und wischen

Eine Kassiererin schaut aufs Display, bevor sie das Rückgeld herausgibt. Ein Autofahrer fährt zwei Tage und 1.400 Kilometer durch Europa, weil er dem Navi blind vertraut. Ein Kind wischt auf dem Tablet, bevor es je im Sand gespielt hat. Drei Beobachtungen, ein gemeinsames Muster: Wir lagern Fähigkeiten an Maschinen aus — und verlernen sie dabei still und leise.

Das Navi und die kognitive Karte

Orientierung ist keine angeborene Gabe, sondern eine kognitive Fähigkeit — also eine Frage der Übung. Das erklärt der Neurowissenschaftler Simon Eickhoff von der Universität Düsseldorf. Wer sie nicht trainiert, baut sie ab. Wer sie trainiert, stärkt sie — wie jede andere Fähigkeit auch.

Genau das passiert beim Navi-Gebrauch nicht. Wer mit GPS navigiert, sieht nur den Weg von A nach B. Die Wegmarken, Querverbindungen, räumlichen Beziehungen zwischen Orten — all das nimmt man nicht wahr. Im Kopf entsteht deshalb keine kognitive Karte, sondern nur eine Abfolge von Abbiegeanweisungen. Forschende der Universität Bochum haben nachgewiesen, dass die innere Karte, die bei GPS-Nutzung im Kopf entsteht, erheblich fragmentierter und ungenauer ist als die räumliche Vorstellung, die beim Lesen einer herkömmlichen Papierkarte entsteht. Und Studien zeigen: Je öfter GPS genutzt wird, desto stärker nimmt das räumliche Gedächtnis mit der Zeit ab.

Die kanadische Psychiaterin Véronique Bohbot von der McGill-Universität geht noch einen Schritt weiter: Sie stellt eine direkte Verbindung zwischen vernachlässigtem Orientierungssinn und frühen Formen des Gedächtnisverlusts her. Berufsfahrer, die täglich navigieren müssen, erkranken seltener an Demenz — weil sie ihre Hirnareale für Navigation konstant trainieren. Das ist kein Zufall.

Der Google-Effekt: Wissen oder Fundstelle?

Was beim Orientierungssinn gilt, gilt für das Gedächtnis insgesamt. Forschende beschreiben den sogenannten Google-Effekt: Die Auslagerung kognitiver Aufgaben ans Netz führt dazu, dass Menschen sich zunehmend nicht mehr den Inhalt merken, sondern nur noch den Ort, wo die Information zu finden ist. Man weiß nicht mehr, wie etwas funktioniert — man weiß nur, wo man es nachschlagen kann. Das ist ein grundlegend anderer Umgang mit Wissen. Und er verändert, wie tief man Dinge versteht: Wer etwas nachschlagen kann, muss es nicht durchdringen. Der Impuls zum Verstehen entfällt.

Was verlernt wird, bevor es gelernt wurde

Bisher war das Problem vor allem eines des Verlernens — Fähigkeiten, die man hatte, werden durch Auslagerung schwächer. Doch es gibt eine tiefere Ebene: Was ist, wenn Kinder Werkzeuge benutzen, bevor die zugrunde liegenden Fähigkeiten überhaupt entstanden sind?

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfiehlt, dass Kinder frühestens ab drei Jahren und nur in Begleitung Erwachsener digitale Medien nutzen sollten. Die Realität sieht anders aus: Laut der miniKIM-Studie 2023 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest nutzen 23 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen täglich mindestens ein smartes Gerät. Rechnet man Streaming und Apps dazu, sind es 44 Prozent. Jedes fünfte Kleinkind besitzt bereits ein eigenes Tablet.

Spracherwerb funktioniert durch Blickkontakt, Lippenbewegung, Nachahmung, Wiederholung im echten Gespräch. Eine Studie der University of Adelaide, veröffentlicht im Fachjournal JAMA Pediatrics, hat gemessen: Wenn Dreijährige täglich durchschnittlich 172 Minuten vor Bildschirmen sitzen, entgehen ihnen täglich mehr als 1.000 an sie gerichtete Worte von Erwachsenen. Selbst Familien, die sich an die WHO-Empfehlung von einer Stunde täglich halten, verlieren ihren Kindern gegenüber rund 400 Worte pro Tag. Das klingt abstrakt — ist aber das Rohmaterial, aus dem Sprache entsteht.

Die Folgen sind messbar. Von 2008 bis 2023 stieg der Anteil der Sechs- bis 18-Jährigen mit Sprach- und Sprechstörungen laut einer Studie der kaufmännischen Krankenkassen um rund 77 Prozent. Bei den Sechs- bis Zehnjährigen war zuletzt jedes sechste Kind betroffen. Motorische Entwicklungsstörungen haben zwischen 2006 und 2021 in Hamburg um 60 Prozent zugenommen — und das, wie Fachleute betonen, unabhängig von den Pandemie-Jahren.

Haptik, Greifen, Matschen im Sand, Klettern, Stolpern — all das ist keine Spielerei. Es ist der Weg, auf dem das Gehirn lernt, Raum, Kraft, Material und den eigenen Körper zu verstehen. Ein Tablet gibt kein haptisches Feedback. Es widersteht nicht. Es zerbricht nicht, wenn man zu fest drückt. Es ist in jeder Hinsicht der anspruchsloseste mögliche Gegenstand — und damit das Gegenteil von dem, was ein Kleinkind braucht.

Eltern, die wegschauen

Die Bildschirmzeit der Kinder ist nicht die einzige Variable. Die Bildschirmzeit der Eltern ist es genauso. Wenn Eltern beim gemeinsamen Essen aufs Handy schauen, fehlt das Gespräch. Wenn Eltern das Kind mit dem Tablet beschäftigen, damit sie selbst Ruhe haben, fehlt die Interaktion. Die emotionale Intelligenz und Beziehungsfähigkeit von Kindern, deren Eltern häufig auf ihr Handy schauen, leidet nachweislich — das ist kein Vorwurf an einzelne Eltern, sondern eine strukturelle Beobachtung über eine Gesellschaft, die Aufmerksamkeit systematisch umlenkt.

Was wir dagegen tun können — und warum wir es oft nicht tun

Die Antworten sind nicht kompliziert. Vor dem Einschalten des Navis eine grobe mentale Karte bilden. Kopfrechnen üben, auch wenn das Display es einem abnimmt. Mit Kindern sprechen, nicht nur neben ihnen sitzen. Sand, Knete, Bauklötze vor dem Tablet. Das sind keine weltfremden Forderungen — es sind Praktiken, die Menschen bis vor wenigen Jahren selbstverständlich waren.

Das eigentlich Beunruhigende ist nicht, dass wir das alles nicht wissen. Es ist, dass wir es wissen und trotzdem weitermachen. Denn die Geräte sind bequem. Sie nehmen uns Arbeit ab. Sie halten Kinder still. Sie zeigen uns den Weg, ohne dass wir nachdenken müssen. Das ist ihr Versprechen — und es hält, was es verspricht. Nur der Preis wird anderswo bezahlt: in Fähigkeiten, die nie entstehen, in Verbindungen, die nie geknüpft werden, in einem Gehirn, das weniger kann, als es könnte.

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