Stärken statt Defizite – ein anderer Blick auf Schule und Lernen

Ein Junge, der aufgehört hatte

Er saß vor seinem Heft und schrieb nicht mit.

Ich fragte ihn, warum. Die Antwort dieses Jungen hat mich nicht mehr losgelassen: „Ich habe eh alles falsch. Und dann muss ich zuhause wieder üben und kann nicht mehr spielen.“

Er hatte aufgehört. Nicht aus Faulheit. Nicht aus Trotz. Er hatte aufgehört, weil er sich selbst bereits abgeschrieben hatte – in der dritten Klasse.

Das ist der Moment, in dem ein System sichtbar wird. Nicht in Statistiken und Studien, sondern in einem Kind, das den Stift nicht mehr in die Hand nimmt, weil es gelernt hat, dass seine Bemühungen ohnehin nicht zählen.

Ich habe damals einen Entschluss gefasst. Ich habe ihm gesagt: Ich werde bei dir alle Wörter unterstreichen, die richtig sind. Nicht die falschen markieren – die richtigen sichtbar machen. Damit du siehst, wie du besser wirst.

Ich habe nie mit rotem Stift korrigiert. Rot auf Papier ist für viele Kinder kein Feedback – es ist ein Urteil. Vernichtend, wenn man ohnehin schon zweifelt. Ich habe mit Bleistift unterstrichen. Bei leistungsstarken Schülern einen kleinen Punkt neben die Zeile mit einem Fehler – diskret, als Hinweis, nicht als Anklage. Bei diesem Jungen habe ich die richtigen Wörter mit grünem Stift sichtbar gemacht. Grün statt Rot. Gekonnt statt gescheitert.

Er schaute auf sein Heft. Und er fing an zu schreiben.

Nach einiger Zeit war ein regelrechter Leistungssprung zu beobachten. Nicht weil ich ihm den Stoff anders beigebracht hätte. Sondern weil er aufgehört hatte zu glauben, dass er es nicht kann.

Der Blick ändert sich zuerst im Kopf

Der entscheidende Schritt passiert nicht mit dem grünen Stift. Er passiert davor – im Kopf. Wenn ich als Lehrer aufhöre, ein Kind von außen zu betrachten, und anfange zu fragen: Wo steht dieses Kind gerade, und wo kann ich es abholen? – dann verändert sich nicht nur mein Feedback. Es verändert sich mein gesamtes pädagogisches Handeln.

Das ist der Unterschied zwischen Methode und Haltung. Eine Methode kann ich wechseln, wenn sie nicht funktioniert. Eine Haltung verändert den Blick auf alles – auf das Kind, auf den Unterricht, auf meinen eigenen Auftrag als Lehrer.

Unser Schulsystem denkt in Defiziten. Es fragt: Was fehlt? Was ist falsch? Was muss noch korrigiert werden? Das ist tief eingebaut – in die Notengebung, in die Förderpläne, in die Sprache der Zeugnisse. „Muss sich mehr anstrengen.“ „Hat Schwächen in der Rechtschreibung.“ „Zeigt Verbesserungsbedarf.“

Ich habe nichts gegen ehrliche Rückmeldung. Aber ich habe etwas dagegen, dass wir so selbstverständlich annehmen, der Blick auf das Fehlende sei der einzig mögliche.

Was wäre, wenn wir zuerst fragen würden: Was kann dieses Kind? Was bringt es mit? Wo ist der Funke, den es zu entfachen gilt?

Stärkenorientierung ist kein pädagogisches Schönwetterprogramm. Es ist keine Wellnessvariante des Unterrichts, bei der niemand mehr kritisiert wird. Es ist eine andere Grundhaltung – eine, die davon ausgeht, dass Kinder dann wachsen, wenn sie erleben, dass sie etwas können. Dass Erfolg möglich ist. Dass ihre Anstrengung sichtbar ist.

Studien belegen das seit Jahrzehnten. Das Konzept der Selbstwirksamkeit – die Überzeugung eines Menschen, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können – ist einer der stärksten Prädiktoren für schulischen und beruflichen Erfolg. Kinder, die glauben, dass ihre Bemühungen etwas verändern, geben nicht auf. Kinder, die das nicht glauben, legen irgendwann den Stift hin.

So wie dieser Junge. Bis jemand anfing, seine richtigen Wörter zu unterstreichen.

Das kostet keine Mehrausgaben. Es braucht keine Reform, keine neue Lehrplankommission, keinen Beschluss der Kultusministerkonferenz. Es braucht eine Entscheidung: Womit fange ich an – mit dem, was fehlt, oder mit dem, was da ist?

Die Antwort auf diese Frage verändert alles. Die Note am Ende bleibt vielleicht dieselbe. Aber was das Kind über sich selbst lernt – das ist eine andere Geschichte.

Dieses Thema und viele weitere behandle ich in meinem Buch Das System frisst seine Kinder – Warum die deutsche Schule sich selbst blockiert“, das jetzt bei Amazon erhältlich ist.

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