Der Wal und die deutsche Gründlichkeit – eine Glosse

In Deutschland ist die Sache eigentlich klar geregelt – also zumindest vom Bundesverfassungsgericht her: Suizid ist erlaubt. Punkt. Ein Akt persönlicher Freiheit, gewissermaßen die letzte Bastion der Selbstbestimmung. Man könnte meinen, damit sei alles gesagt. Wäre da nicht die deutsche Realität, die bekanntlich selbst aus einem Punkt noch ein mehrseitiges Formular macht.

Denn wer es hierzulande versucht und – aus welchen Gründen auch immer – scheitert, wird umgehend in die Psychiatrie verbracht. Freiheit endet eben dort, wo sie praktisch wird. Ein Widerspruch, so sauber wie ein ordentlich geführtes Amt: erlaubt ist es schon, nur bitte erfolgreich. Alles andere wird als behandlungsbedürftige Abweichung betrachtet. Das Problem liegt nicht im Prinzip, sondern in seiner Umsetzung – und die Bundesregierung hat es bislang vermieden, diesen Spagat gesetzlich sauber auszubalancieren. Vielleicht, weil man ahnt, dass er sich gar nicht balancieren lässt.

Nun stelle man sich einen Wal vor. Einen Buckelwal, sagen wir. Ein Tier von beeindruckender Größe und offenbar auch von bemerkenswerter Entschlossenheit. Er schwimmt in ein Gewässer, das für ihn denkbar ungeeignet ist – zu flach, zu wenig Wasser, schlicht nicht sein Habitat. Und dann lässt er sich auf einer Sandbank nieder. Aus seiner Perspektive: Endstation. Kein Zurück, keine Tiefe, kein Meer. Eine Entscheidung von fast tragischer Konsequenz.

Eigentlich eine sichere Sache – wenn da nicht der Mensch wäre.

Denn der Mensch kann das nicht zulassen. Er muss eingreifen. Mit Booten, Seilen, Pontons, vermutlich auch mit Pressekonferenzen. Tagelang wird geschoben, gezogen, geplant. Der Wal wird zum Projekt, zur Mission, zum Symbol humanitärer Pflicht gegenüber einem Wesen, das sich offenbar anders entschieden hat.

Und tatsächlich: Mit erheblichem technischen Aufwand gelingt die Rettung. Der Wal wird zurück in die Nordsee gebracht und dort freigelassen. Ein Happy End – zumindest aus menschlicher Sicht.

Für den Wal hingegen beginnt nun die eigentliche Herausforderung: Er muss sich eine neue Sandbank suchen.

Nach Deutschland wird er wohl nicht mehr zurückkehren. Zu riskant. Zu viele Retter. Zu viel Fürsorge. Und wer weiß – beim nächsten Mal landet er am Ende noch in einer Einrichtung, in der man ihm erklärt, dass er eigentlich gar nicht sterben wollte.

Er sucht sich wenigstens konsequent eine Umgebung, in der sein Vorhaben nicht durch widersprüchliche Zuständigkeiten gefährdet wird.

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