Der graue VW Taigo ist am Montagnachmittag durch die Leipziger Innenstadt gefahren. Er ist auf den Augustusplatz eingebogen, hat beschleunigt, ist 500 Meter durch die Fußgängerzone gerast, hat zwei Menschen getötet und kam erst zum Stehen, als ihn ein versenkbarer Poller bremste — letzterer vermutlich ebenfalls aus eigenem Antrieb. So liest sich die Schlagzeile: „Auto fährt in Menschengruppe.”
Im Fahrzeug saß zwar jemand, das räumen die Blätter im Lauftext ein. Aber in der Schlagzeile bleibt der Mensch unsichtbar, wie es sich gehört. Schließlich werden im selben Sprachregister jeden Tag Radfahrer „von Autos erfasst”, Fußgänger „von Lastwagen überrollt”, Kinder „von SUVs touchiert”. Die Maschinen handeln, die Menschen geschehen ihnen. Wer sich an dieses Vokabular gewöhnt hat, wundert sich nicht mehr, dass auch ein Mord grammatikalisch ohne Mörder auskommt. Die Sprache ist robust. Sie passt für alles.
Bemerkenswert ist nur, dass die Politik diesem Befund nicht weiter nachgeht. Stattdessen erscheint binnen Stunden der bekannte liturgische Apparat. Der Oberbürgermeister ist „fassungslos”. Der Ministerpräsident ist „in Gedanken bei den Opfern und ihren Familien”. Den Verletzten wünscht man „Kraft und schnelle Genesung”. Den Worten haftet jene seltsame Glätte an, die entsteht, wenn Sätze hundertfach geprüft, aufpoliert und in einem Bausatz vorgehalten werden. Solingen, Magdeburg, Mannheim — die Module passen seit Jahren überall.
Parallel dazu der Innenminister, der „mit hoher Wahrscheinlichkeit” eine Amoktat erkennt, bevor irgendjemand ein psychiatrisches Gutachten erstellt hat. Das ist keine Vorverurteilung, das ist Effizienz. Sie spart der Justiz Arbeit. Den Medien spart sie noch mehr: Sie können „Amokfahrt” sofort in Schlagzeile, Lead und Bauchbinde setzen. Bis zum Abend tickt der dpa-Ticker, und sechzehn Redaktionen sind mit demselben Text fertig — jede in eigener Schriftart, alle im gleichen Wortlaut. Die Suchmaschine zählt sie zu Tausenden, der Leser hält sie für Berichterstattung.
Was bleibt, ist ein Auto im Polizeigewahrsam, dem niemand mehr Fragen stellt. Vermutlich wird es sich noch entschuldigen müssen. Vielleicht gibt es eine Pressekonferenz mit dem Werk. Der Halter, falls einer existiert, kann bis dahin in Ruhe nachdenken. Im deutschen Schlagzeilen-Recht gilt: Wer fährt, ist das Subjekt. Und Subjekt war hier offenbar das Fahrzeug.