Wer vermisst die Medienkompetenz – und wer zahlt dafür?

Es gibt eine Gattung von Sätzen, die in deutschen Bildungsdebatten so verlässlich wiederkehren wie die Schwalben im Frühjahr. Einer davon lautet: „Studien zeigen, dass es um die Medienkompetenz schlecht bestellt ist.“ Selten fragt jemand zurück: Welche Studien eigentlich – und wer hat sie bezahlt?

Wer dieser Frage nachgeht, stößt schnell auf einen Namen, der im Feld der digitalen Bildung allgegenwärtig ist: die Bertelsmann Stiftung. Sie betreibt den „Monitor Digitale Bildung“, der eine „repräsentative empirische Datenbasis“ zum digitalen Lernen in Schule, Ausbildung, Hochschule und Weiterbildung liefern will. Sie unterhält das Projekt „Schule und digitale Bildung“, das seit Jahren Schulen im Kreis Gütersloh begleitet. Sie publiziert unter dem Titel „Lernen digital“ Handreichungen für die Praxis. Das ist, für sich genommen, nicht anrüchig. Es ist nur bemerkenswert.

Wer die Diagnose stellt, prägt die Therapie

Bemerkenswert deshalb, weil hier eine private Stiftung die Diagnose-Hoheit über ein Feld ausübt, das von Verfassungs wegen den Ländern gehört. Bildung ist Ländersache; die Lehrkräftebildung liegt, wie die Kultusministerkonferenz selbst feststellt, bei den Kultus- und Wissenschaftsministerien der sechzehn Länder. Genau dort, wo die öffentliche Hand die Daten liefern müsste, liefert sie sie nicht – und eine Stiftung springt ein. Der Staat überlässt die Vermessung seines eigenen Pflichtfeldes einem privaten Akteur und nimmt dessen Begriffe, Kennzahlen und Empfehlungen anschließend dankbar entgegen.

Das hat Folgen, die unterhalb der Schwelle der Manipulation liegen und gerade deshalb wirksam sind. Wer die Diagnose stellt, prägt die Therapie. Wer Jahr für Jahr definiert, was unter „digitaler Bildung“ zu verstehen ist, welche Indikatoren zählen und welche Lücken benannt werden, der setzt den Rahmen, in dem anschließend Politik gemacht wird. Das ist keine Verschwörung. Es ist schlichte Definitionsmacht – und sie ist für eine Stiftung erstaunlich günstig zu haben.

Die Frage, die nie gestellt wird

Nun könnte man einwenden: Solange die Befunde stimmen, ist doch gleichgültig, wer sie erhebt. Der Einwand hat etwas für sich. Die Bertelsmann-Studien sind handwerklich nicht zu beanstanden, und sie benennen reale Probleme – auch das der Lehrkräfte. Schon 2013 kam eine von der Stiftung in Auftrag gegebene Untersuchung zu dem Schluss, man müsse die mediendidaktischen Anstrengungen in der Lehreraus- und -weiterbildung „erheblich verstärken“. Die Lücke ist also bekannt, und sie wird benannt.

Aber sie wird auf eine bestimmte Weise benannt – und hier sitzt der blinde Fleck. Die Empfehlung lautet stets: „Man müsste.“ Man müsste fortbilden, man müsste ausstatten, man müsste die Lehrkräfte vorbereiten. Was solche Studien nie als Machtfrage stellen, ist das schlichte: Wer verweigert es seit Jahren – und warum? Die Verantwortung der Länder, die ihre eigenen Beschlüsse nicht finanzieren, verschwindet hinter dem unpersönlichen „man“. Aus einem politischen Versäumnis wird ein appellativer Konjunktiv.

Und noch eine Frage bleibt mit schöner Verlässlichkeit außen vor: die nach der Rolle des Hauses selbst. Bertelsmann ist nicht irgendeine Stiftung. Sie hält den überwiegenden Teil der Kapitalanteile an der Bertelsmann SE & Co. KGaA – 80,9 Prozent liegen bei den Stiftungen der Familie, der Rest bei den Mohns –, und dieser Konzern wiederum ist mit über 75 Prozent Mehrheitseigner der RTL Group, zu der seit 2021 auch Gruner+Jahr gehört. Die Stiftung, die den Zustand der Medienkompetenz vermisst, sitzt also am oberen Ende einer Beteiligungskette, an deren unterem Ende RTL, VOX und ein großer Teil des deutschen Boulevards stehen – also genau jene Aufmerksamkeitsökonomie, deren Wirkung auf junge Menschen Medienkompetenz einhegen soll. Dass ausgerechnet dieses Haus den Zustand der Medienkompetenz vermisst, ohne je die Geschäftsmodelle in den Blick zu nehmen, die diese Kompetenz täglich herausfordern, ist die elegante Leerstelle im Befund. Die Katze begutachtet den Zustand des Sahnetopfs und kommt zu dem Ergebnis, es brauche mehr Schulungen für die Mäuse.

Das eigentliche Versäumnis

Man kann der Bertelsmann Stiftung schwerlich vorwerfen, dass sie ein Vakuum füllt. Den Vorwurf muss sich der Staat machen lassen, der es entstehen ließ. Wenn kontinuierliche, unabhängige Bildungsforschung öffentlich finanziert und universitär verankert wäre, müsste niemand die Daten bei einer Stiftung abholen, die zugleich Akteur im selben Feld ist. Die richtige Konsequenz aus der Allgegenwart der Stiftungsstudien ist deshalb nicht, sie zu verdammen, sondern zu fragen, warum wir sie brauchen.

Denn solange die Diagnose privat erstellt und die Therapie öffentlich verschleppt wird, bleibt der Befund zur Medienkompetenz in einem Punkt zuverlässig: Er richtet den Blick auf die, die lernen sollen, und auf die, die unterrichten sollen – nur nie auf die, die das alles seit zehn Jahren beschließen, ohne es zu bezahlen. Die wichtigste Studie wäre die, die genau diese Frage stellt. Sie wird so bald niemand in Auftrag geben. Es müsste sie ja jemand bezahlen.

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