Es gibt Sätze, die klingen nach Diagnose und sind in Wahrheit eine Entlastung. „Vielleicht haben wir es hier mit einer Art sozialem Long Covid zu tun“ – so beschreibt die Karlsruher Sportwissenschaftlerin Claudia Niessner im Interview mit spektrum.de/ZEIT das Rätsel, vor dem ihre Disziplin gerade steht: Die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern ist nach der Pandemie eingebrochen – und erholt sich nicht. Obwohl die Kinder längst wieder im Verein sind. Obwohl die Lockdowns Geschichte sind.
Die Formel ist klug gewählt, weil sie ehrlich ist: Sie benennt ein ungeklärtes Phänomen, ohne es vorschnell zuzurechnen. Genau das macht sie aber auch anschlussfähig für eine Erzählung, die man kennt – die Erzählung, in der ein strukturelles Versäumnis am Ende als Lebensstilfrage einzelner Familien verbucht wird.
Was die Daten zeigen
Die Zahlen kommen aus der Motorik-Modul-Studie (MoMo) des Karlsruher Instituts für Technologie, die körperliche Aktivität und Gesundheit von 4- bis 17-Jährigen seit 2003 erfasst – ein Längsschnitt, der in Deutschland seinesgleichen sucht, weil er dieselben Kinder vor und nach der Pandemie vermessen kann. In der jüngsten Welle, MoMo 2.0, sank die Ausdauerleistung der Jungen im Fahrradtest um knapp 7,7 Prozent, die der Mädchen sogar um 9,6 Prozent – jeweils gegenüber den letzten Erhebungen vor Corona.
Entscheidend ist der zeitliche Befund: Der Rückgang bleibt. Rund 50 bis 60 Prozent der Kinder sind wieder im Vereinssport organisiert, ein hoher Wert – und trotzdem holt die Motorik nicht auf. Niessner formuliert die offene Frage präzise: Warum bleibt sie „weiter im Keller“? Liegt es an einem dauerhaft passiveren Alltag? Am Ganztag, der gerade flächendeckend ausgerollt wird? Die seriöse Antwort lautet: Wir wissen es noch nicht. Die Auswertung ist in der Endphase, die Publikation steht aus.
Und doch deutet sie an, welche Faktoren erwartbar zum Vorschein kommen werden – „die klassischen“. Der Sozialstatus etwa. Wer ein Haus mit Garten hat, dessen Kinder kamen auch in den langen Lockdown-Wochen raus. Wo eng gebaut wurde, wo Hochhäuser stehen und Grünflächen fehlen, blieben Kinder eingesperrt. Niessners Fazit ist von bemerkenswerter Klarheit: Vorhandene soziale Ungleichheiten werden sich „ganz sicher auch in den Motorikdaten widerspiegeln“.
Die Verschiebung, die hier passiert
Hier lohnt es sich, genau hinzusehen, denn an dieser Stelle teilt sich der Weg. Man kann den Befund als das lesen, was er ist: ein Symptom kollektiver Bedingungen. Stadtplanung, die Kinder keine Bewegungsräume lässt. Eine Pandemiepolitik, die Sport „wegen erhöhter Ansteckungsgefahr als Erstes“ strich. Eine Schulorganisation, die Bewegung systematisch nachrangig behandelt.
Oder man kann ihn umdeuten. Und genau diese Umdeutung liegt im Begriff „Verhäuslichung“ bereits angelegt – auch wenn Niessner ihn analytisch und nicht anklagend verwendet. Familien halten sich mehr drinnen auf. Kinder werden häufiger zur Schule gefahren. Die Mediennutzung hat sich verändert. Das alles stimmt. Aber es beschreibt eben nicht das Verhalten frei wählender Individuen, sondern die Anpassung an Verhältnisse: an verdichtete Städte, an durchgetaktete Eltern im Homeoffice, an fehlende sichere Schulwege, an Spielräume, die es nicht mehr gibt. Wer „Verhäuslichung“ zur Elternentscheidung erklärt, hat das eigentliche Problem schon aus dem Blick verloren.
Das ist das vertraute Muster: Ein kollektives Versäumnis wird in eine Summe individueller Lebensstile übersetzt. Aus „die Kommune hat das Schwimmbad geschlossen“ wird „die Eltern fahren ihre Kinder zu viel mit dem Auto“. Aus „der Schulsport wurde weggekürzt“ wird „die Kinder hängen am Smartphone“. Beides ist nicht falsch. Aber das eine ist Politik, das andere ist Privatsache – und die Übersetzung vom einen ins andere ist der eigentliche politische Vorgang.
Der Schulsport als Steuerungsentscheidung
Am deutlichsten wird das beim Schulsport, und hier wird Niessner ungewöhnlich direkt: Er „leidet dramatisch“. Sport sei „immer nur dieses Nebenfach, das schnell weggekürzt oder fachfremd unterrichtet wird“. Sportlehrkräfte werden für die vermeintlich wichtigeren kognitiven Fächer abgezogen – Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen. Auch nach der Pandemie wird vor allem das Kognitive gefördert.
Das ist keine Naturgewalt, sondern eine Priorisierung. Und sie trifft mit dem Ganztagsausbau auf eine bittere Pointe: Je länger Kinder in der Schule sind, desto mehr verlagert sich ihr gesamter Bewegungsraum dorthin – und ausgerechnet dort wird Bewegung als verzichtbar behandelt. Der Ganztag wäre die historische Chance für bewegtes Lernen, bewegte Pausen, einen bewegten Schulweg. Stattdessen droht er zum Ort zu werden, an dem Kinder noch länger sitzen.
Die Verlagerung der Verantwortung auf Vereine und Ehrenamt – der „große Wunsch“, wie Niessner sagt – scheitert dabei an der schlichten Wirklichkeit: Vereinstrainer sind Ehrenamtliche, die tagsüber arbeiten, wenn die Kinder Schule haben. Ein flächendeckendes Angebot über das Ehrenamt „wird in der Fläche nicht aufgehen“. Es braucht Verankerung durch Kultusministerien, Schulträger, Kommunen. Es braucht also genau das, was man eingespart hat.
Das Schwimmbad als Lehrstück
Nirgends zeigt sich die Logik klarer als beim Schwimmen. Niessner nennt im Interview, dass 22 Prozent der Grundschulkinder nicht schwimmen können; die forsa-Erhebung der DLRG kommt auf 20 Prozent – eine Verdopplung gegenüber den zehn Prozent von 2017. Die Größenordnung ist dieselbe, und sie ist alarmierend, zumal Ertrinken laut WHO bei den 5- bis 14-Jährigen die häufigste Todesursache ist.
Die DLRG-Daten liefern den sozialen Schlüssel gleich mit: Die Hälfte der Kinder aus Haushalten mit unter 2.500 Euro Nettoeinkommen kann nicht schwimmen – gegenüber zwölf Prozent bei über 4.000 Euro. Schwimmen zu können, ist in Deutschland längst eine Frage des Geldbeutels geworden. Und die Ursache ist keine elterliche Nachlässigkeit, sondern eine kommunale Infrastrukturentscheidung: Bäder werden geschlossen, es fehlt an Hallen und an Schwimmlehrern. Der Befund, dass Schulen alle Kinder erreichen und gerade deshalb solche Unterschiede ausgleichen könnten, ist die logische Konsequenz – wenn man sie ziehen will.
Das System, das sich selbst nicht mehr misst
Bleibt ein Detail, das fast beiläufig fällt und doch alles zusammenfasst. Auf die Frage nach Zahlen zum Sportunterricht antwortet Niessner: Die letzte Schulsportstudie wurde 2016 durchgeführt, für eine neue „fehlt die Finanzierung“. Man weiß schlicht nicht, wie viel Sportunterricht ausfällt und wie viel überhaupt erteilt wird.
Das ist die elegante Form des Versäumnisses: Man muss ein Problem nicht lösen, wenn man aufhört, es zu messen. Eine Bildungspolitik, die den Zustand des Schulsports bewusst nicht mehr erhebt, kann den Verfall weder belegen noch verantworten – und genau darin liegt der Vorteil. Was nicht gemessen wird, taucht in keiner Statistik auf, steht in keinem Rechenschaftsbericht, fordert kein Budget.
So schließt sich der Kreis. Die Motorik der Kinder bricht ein, weil Bedingungen sie einbrechen lassen – verdichtete Städte, gestrichener Schulsport, geschlossene Bäder, ein Ganztag ohne Bewegungskonzept. Und während die Forschung redlich nach Erklärungen sucht, liegt eine bereit, die niemanden in der Verantwortung lässt: Es sind die veränderten Lebenswelten, die Smartphones, die Verhäuslichung. Die Kinder eben. Oder ihre Eltern.
Niessners „soziales Long Covid“ ist eine ehrliche Hypothese einer Wissenschaftlerin, die die offene Frage offen lässt. Die Gefahr liegt nicht in ihrer Formulierung, sondern in ihrer Verwendung. Denn der bequemste Umgang mit einem strukturellen Defizit ist, es zur Krankheit zu erklären – einer Krankheit ohne Schuldige, ohne Adresse, ohne Haushaltstitel. Long Covid trifft eben jeden. Eine kaputtgesparte Bewegungsinfrastruktur dagegen hätte einen Verursacher. Und der säße nicht im Kinderzimmer.