Der Oberbürgermeister entschuldigt sich bei den Wahlhelfern, räumt Planungsfehler ein und legt 25 Euro drauf. Klingt nach Größe. Bei näherem Hinsehen ist es etwas anderes.
Am Mittwoch kam Post vom Oberbürgermeister. 1000 Wahlhelferinnen und Wahlhelfer, die bis Montagfrüh um drei Uhr Stimmzettel sortiert hatten, fanden im Briefkasten eine Entschuldigung, ein Lob und – eher beiläufig eingestreut – ein Versprechen: 25 Euro extra. Unabhängig von Funktion und Einsatz, zeitnahe Auszahlung zugesichert.
Das klingt fürsorglich. Bei näherer Betrachtung ist es etwas anderes.
Der einfachste Fall, den man sich denken kann
Burmester verweist in seinem Brief auf „fehlende Erfahrungswerte“. Die Verwaltung habe bei einem erstmals durchgeführten Ratsbürgerentscheid nicht auf umfassende Erfahrungswerte zurückgreifen können – das habe zu Planungsfehlern geführt. Der Satz klingt plausibel, solange man nicht darüber nachdenkt.
Köln führt seit Jahrzehnten Wahlen durch. Bei jeder Kommunalwahl werden parallel Rat, Bezirksvertretungen, Oberbürgermeister und Integrationsrat ausgezählt – vier, manchmal fünf Stimmzettel pro Wähler, jeder mit Dutzenden Listen und Hunderten Kandidatinnen und Kandidaten. Bei Bundestags- und Landtagswahlen kommen Erst- und Zweitstimme zusammen. Zähltechnisch sind das Aufgaben mit einem Vielfachen der Komplexität dessen, was am vergangenen Sonntag anstand.
Am Sonntag nämlich lag vor den Auszählteams: ein Stimmzettel, eine Frage, zwei Felder. Ja oder Nein. Das ist die einfachste Auszählung, die eine deutsche Kommune überhaupt durchführen kann. Dass ausgerechnet dieser Fall die Verwaltung ausknockte, während sie die komplexeren Wahlen Jahr für Jahr bewältigt, lässt sich mit „Neuland“ schwerlich erklären. Es ist Organisationsversagen, nicht Erfahrungsmangel.
Der Satz, den der Brief verschweigt
Im Bericht des Stadt-Anzeigers steht ein Satz, den man leicht überliest: Nach dem Kommunalwahlgesetz NRW hätte der Kölner Wahlausschuss die Satzung ändern und einen früheren Zähl-Start festlegen können, doch das ist nicht geschehen. Das ist die eigentliche Pointe der ganzen Affäre.
Die 18-Uhr-Regel war keine unabänderliche Vorgabe, sondern eine Entscheidung – genauer: eine unterlassene Entscheidung. Man hätte die Satzung ändern können, man wusste das, man tat es nicht. Die 16 anderen NRW-Kommunen, die parallel Ratsbürgerentscheide durchführten, hatten ihre Ergebnisse längst vorliegen, während in Deutz noch weit nach Mitternacht sortiert wurde. In Burmesters Entschuldigungsbrief findet dieser Umstand keine Erwähnung. Stattdessen: die angeblich fehlenden Messehallen – ein Raumproblem, das seit Monaten bekannt war und das bei ordentlicher Planung lösbar gewesen wäre.
Das macht den Brief zu einem Dokument selektiver Selbstkritik. Eingeräumt wird, was sich nicht bestreiten lässt. Verschwiegen wird, was zur Verantwortung führt.
25 Euro als Personalpolitik
Wer den Brief zu Ende liest, stößt auf seinen eigentlichen Zweck. Im letzten Absatz wünscht sich der OB, wieder auf die erfahrenen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer zählen zu können. Am 25. April 2027 ist Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Ohne Wahlhelfer – ohne genau diese Wahlhelfer – bekommt die Stadt sie nicht organisiert.
In diesem Licht lesen sich die 25 Euro nicht als nachträglicher Dank, sondern als Anzahlung. Ein kleiner Beitrag zur Beruhigung derjenigen, die am Sonntag erlebt haben, was Planungsfehler in der Praxis bedeuten, und die 2027 überlegen werden, ob sie sich das noch einmal antun. Für das Budget der Stadt sind 25.000 Euro Zusatzaufwand ein Trinkgeld. Für das Personalproblem, das Burmester sonst im April 2027 hätte, wäre es teurer geworden.
Und dann: Olympia
Bleibt die Frage, die sich bei dieser Gemengelage unausweichlich stellt. Eine Verwaltung, die bei einer Ja-Nein-Briefwahl die eigene Satzung nicht rechtzeitig anpasst, die benötigten Räume nicht rechtzeitig sichert, die Teams unterdimensioniert und die Zähllast pro Team auf bis zu 3000 Stimmzettel hochtreibt, will in wenigen Jahren Olympische Spiele ausrichten.
Olympische Spiele sind kein Ratsbürgerentscheid mit komplizierterer Logistik. Sie sind ein paralleler Betrieb aus Wettkampfstätten, Verkehr, Sicherheit, Akkreditierung, internationalem Publikum, Medienzentren, Unterbringung und Notfallkoordination. Jedes dieser Felder hat eigene Zeitpläne, eigene Zuständigkeiten, eigene Risiken – und jedes erfordert funktionierende Schnittstellen zu allen anderen. Eine Stadt, die sich beim Kreuzezählen an der eigenen Satzung verschluckt, hat in diesem Planungsmaßstab wenig verloren. Das muss man nicht polemisch meinen – es folgt aus der schlichten Arithmetik dessen, was am Sonntag nicht funktioniert hat.
Eine Nachbemerkung zum Ort des Textes
Der Bericht, auf den sich diese Überlegungen stützen, ist im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen – also im Haus DuMont, das vor der Abstimmung die pro-Olympia-Linie orchestriert hatte. Dass dort nun, nach gewonnenem Votum, ein kritischer Text mit Bildunterschriften wie „da war die Laune bei allen noch gut“ erscheint, ist die sanfteste Form der Distanzierung, die dieses Haus kennt. Die Abstimmung ist gesichert, die Kampagne abgeschlossen, der Journalismus darf wiederkehren. Auch das lässt sich beobachten.
Die 25 Euro sind billig. Der Lehrsatz, den sie dokumentieren, ist es nicht.