Bürgergeld als Gegenleistung? Treten nach unten statt Politik

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze fordert, Bürgergeldempfänger stärker zur Arbeit zu drängen — als Erntehelfer auf dem Feld, in gemeinnütziger Arbeit. Der Vorschlag klingt nach Tatkraft. Er ist das Gegenteil: ein Signal an die eigene rechte Flanke, das die Abwesenheit jeder politischen Idee verdeckt.

Die eigentliche Adresse

Schulze redet vom Bürgergeld, aber er meint die AfD. In Sachsen-Anhalt liegt die Partei seit Jahren stabil im hohen zwanziger Prozentbereich, in manchen Umfragen davor. Die CDU verliert dorthin, und sie versucht, mit Verschärfungen am Bürgergeld den Abfluss zu stoppen.

Das Manöver ist durchsichtig. Wer AfD wählt, will kein CDU-Echo, sondern das Original. Schulze liefert eine Kopie, die schwächer ist als das, was sie kopiert, und entfremdet gleichzeitig die eigene Stammwählerschaft, die spürt, dass die Partei nichts mehr Eigenes zu sagen hat.

Das Muster wiederholt sich quer durch die Union — von Merz bis Söder, von der Migrationspolitik bis zur Sozialpolitik. Statt eigener Vorschläge die Übernahme rechtspopulistischer Rhetorik in abgemilderter Form, in der Hoffnung, die Wanderer zurückzuholen. Es funktioniert nicht und es hat nie funktioniert.

Das Existenzminimum ist keine Gegenleistung

Schulze sagt, es gebe „zu viele Fälle, in denen Leistungen bezogen werden, ohne dass eine Gegenleistung eingefordert wird“. Dieser Satz ist verfassungsrechtlich falsch — und das ist kein juristisches Detail, sondern der Kern des Sozialstaats.

Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Urteilen klargestellt, dass das menschenwürdige Existenzminimum nach Artikel 1 in Verbindung mit Artikel 20 Grundgesetz ein Grundrecht ist. Es ist keine Gabe, für die eine Gegenleistung verlangt werden kann, sondern die Mindestbedingung dafür, dass ein Staat überhaupt als sozialer Rechtsstaat funktioniert. Das Sanktionsurteil von 2019 hat die Spielräume für Kürzungen massiv eingeschränkt, gerade weil die Würde des Menschen nicht zur Disposition steht.

Wer von „Gegenleistung“ spricht, signalisiert also entweder, dass er den Rahmen nicht verstanden hat — oder dass er ihn verschieben will. Beides verdient eine Erwähnung. Ein Ministerpräsident sollte den Unterschied zwischen Almosen und Grundrecht kennen.

Die nicht angefassten Probleme

Der Erntehelfer-Vergleich verrät die Substanzlosigkeit des Vorschlags. Saisonkräfte aus Osteuropa kommen nicht, weil Deutsche zu bequem sind, sondern weil das Lohn-Belastungs-Verhältnis dieser Arbeit so katastrophal ist, dass nur Menschen aus Ländern mit deutlich niedrigerem Lohnniveau sie überhaupt in Erwägung ziehen.

Die Agrarlobby hält die Saisonlöhne seit Jahrzehnten unten, und der Staat alimentiert das System mit Milliardensubventionen, die nach Fläche verteilt werden und damit überwiegend Großbetriebe begünstigen. Der kleine Hof bekommt ein paar tausend Euro und verschwindet, die Agrarholding kassiert Millionen.

An keiner dieser Stellschrauben rührt Schulze. Nicht an der Subventionsverteilung, nicht am Mindestlohn in der Saisonarbeit, nicht an den Arbeitsbedingungen, nicht an den Folgekosten, die später bei der GKV landen und damit die Beitragszahler treffen. Statt das Geflecht zu öffnen, das das Problem überhaupt erst erzeugt, sucht er sich die schwächste Gruppe und kündigt Druck an.

Dasselbe gilt für die Voraussetzungen, die Menschen überhaupt erst arbeitsfähig machen: Kinderbetreuung für Alleinerziehende, schnelle Therapieplätze für psychisch Erkrankte, Qualifizierungsangebote, die nicht nur formal existieren, ein Schulsystem, das nicht systematisch Verlierer produziert. Das wäre Politik mit Vorlauf, mit Kosten, mit Konflikten gegenüber der eigenen Klientel. Genau deshalb taucht es nicht auf.

Was bleibt, wenn die Vision fehlt

Was Schulze betreibt, ist Symbolverwaltung. Eine Schlagzeile in der Rheinischen Post, ein zustimmendes Nicken am Stammtisch, kein realer Effekt auf irgendeinen Arbeitsmarkt.

Die Mechanik dahinter ist alt und langweilig. Wer keine Idee mehr hat, sucht sich eine Gruppe, die sich nicht wehren kann, und tritt nach unten. Es kostet nichts und es signalisiert Härte. Dass dabei keine einzige Frucht zusätzlich geerntet wird, dass kein Erntehelfer aus Rumänien dadurch ersetzbar wird, dass die strukturellen Probleme von Landwirtschaft, Niedriglohnsektor und Sozialsystem weiterlaufen wie zuvor — geschenkt. Es ging nie um Lösungen.

Es ging um eine Botschaft: Wir sind hart, wir verstehen euch, wir kennen die wahren Faulen. Diese Botschaft adressiert nicht den Bürgergeldempfänger. Sie adressiert den verunsicherten Stammwähler und den zur AfD wandernden Mittelschichtler. Die Adresse, an die getreten wird, ist ein Vorwand.

Genau hier liegt das eigentliche Problem. Eine Partei, die nur noch nach unten treten kann, weil sie nach oben nicht zu treten wagt und nach vorne nichts mehr zu sagen hat, hat aufgehört, eine politische Funktion auszufüllen. Sie verwaltet das eigene Schrumpfen mit immer härteren Sprüchen über immer schwächere Adressaten. Der Wähler sieht das. Nicht analytisch, aber im Bauch. Und beim nächsten Mal wählt er entweder das Original — oder gar nicht.

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