Wer zahlt, wenn Fans randalieren? Hochrisikospiele und die Frage, wer die Rechnung bekommt

Veröffentlicht: 21. März 2026 | Lesezeit: ca. 5 Minuten | Kategorie: Gesellschaft & Sportpolitik

Heute spielt der 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach. Das Rheinderby. 1.400 Polizistinnen und Polizisten sind im Einsatz. Erwartet werden insgesamt rund 1.000 gewaltbereite Störer — jeweils etwa 500 aus den Fanlagern beider Vereine. 20 Personen haben bereits Betretungsverbote erhalten. Parallel findet in der Kölner Innenstadt eine Großdemonstration statt, ebenfalls begleitet von der Polizei.
Und wer bezahlt das alles? Der Steuerzahler. Wie immer. Denn der DFB, die DFL, die Vereine und die Spieler, die mit diesem Sport ihr Geld verdienen, werden nicht zur Kasse gebeten. Zumindest nicht in den meisten Bundesländern.
Das ist kein Naturgesetz. Und seit Januar 2025 ist es auch kein Verfassungsgebot mehr.

Ein Spiel, ein Ausnahmezustand
Hochrisikospiele sind keine Ausnahme im deutschen Profifussball. Pro Saison werden rund 50 Partien in der ersten und zweiten Bundesliga als sogenannte „Rotspiele“ eingestuft — Begegnungen, bei denen die Polizei aufgrund verfeindeter Fanlager mit erheblicher Gewalt rechnet.
Beim heutigen Derby sind es offiziell 1.400 Beamte. Die Rivalität beider Clubs reicht bis in die 1970er Jahre zurück. Diesmal kommt die sportliche Brisanz hinzu: Beide Vereine stecken im Abstiegskampf, die Stimmung ist aufgeheizt. Beim letzten Spiel heizte nach Berichten sogar der Stadionsprecher die Emotionen zusätzlich an — eine Praxis, die man kritisch hinterfragen muss, wenn gleichzeitig Hunderte Polizisten um Deeskalation kämpfen.
Fußball ist ein schönes Spiel. Aber nur solange es ein Spiel ist. Wenn ein kommerzielles Unterhaltungsevent staatliche Einsatzkräfte in einer Größenordnung bindet, die sonst nur Naturkatastrophen oder Terrorlagen rechtfertigen, hat sich etwas grundlegend verschoben.

Die Kosten: Wer zahlt wirklich?
Was kostet ein solcher Einsatz? Eine Überschlagsrechnung: Bei 1.400 Beamten, einem Einsatztag von rund 12 Stunden und einem Stundensatz inkl. Overhead von konservativ 50 Euro kommt man schnell auf
1.400 x 12 Stunden x 50 Euro = 840.000 Euro — für ein einziges Spiel
Dazu kommen Fahrtkosten, Unterbringung auswärtiger Kräfte, Bereitschaftszulagen, Material. Realistisch dürften es deutlich mehr als eine Million Euro sein. Pro Hochrisikospiel. Und es gibt 50 davon pro Saison.
Den Vereinen hingegen fliesst Geld zu: Eintrittsgelder, TV-Rechte, Merchandising, Sponsoren. Die DFL schuettete zuletzt rund 1,5 Milliarden Euro pro Saison an ihre Clubs aus. Die Polizeirechnung? Ging bisher an die Allgemeinheit.

Das BVerfG-Urteil: Eine Weichenstellung
Im Januar 2025 hat das Bundesverfassungsgericht eine wegweisende Entscheidung getroffen: Die DFL scheiterte mit ihrer Verfassungsbeschwerde. Das Gericht bestätigt: Bundesländer dürfen Veranstaltern von gewinnorientierten Hochrisikospielen die Mehrkosten für zusätzliche Polizeikräfte in Rechnung stellen.
Auslöser war das Bremer Modell. Seit 2015 kann das Land Bremen bei Großveranstaltungen mit mehr als 5.000 Personen, die erfahrungsgemäß gewaltgeneigt sind, Gebühren für den polizeilichen Mehraufwand erheben. Erster Anwendungsfall war das Nordderby Werder gegen HSV im April 2015: 969 Beamte statt üblicher 150, Kosten von 425.000 Euro — Rechnung an die DFL.
Das Argument des Gerichts ist schlicht und überzeugend: Hochrisikospiele unterscheiden sich fundamental von Normalspielen. Sie erzeugen eine „quantitative Sondernutzung der Sicherheitsgewährleistung“. Es gibt keinen Verfassungsgrundsatz, dass der Staat seine Kernaufgaben stets kostenfrei erledigen muss.

Die Positionen: Wer sagt was?
Das Urteil hat eine lebhafte Debatte ausgelöst. Die Fronten sind klar:
Die Befürworter der Kostenbeteiligung:
Herbert Reul (CDU, Innenminister NRW) und Armin Schuster (CDU, Innenminister Sachsen) haben offen damit gedroht, Vereinen künftig Rechnungen zu schreiben, sollten DFL und DFB keine wirksamen Maßnahmen ergreifen.
Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) begrüßte das Urteil ausdrücklich: Wer bei einer kommerziellen Veranstaltung mit Eskalation rechnen muss, darf für den Mehraufwand herangezogen werden.
Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) schlug einen bundesweiten DFL-Fonds von 20-30 Millionen Euro jährlich vor — exakt die Summe, die die 50 Hochrisikospiele pro Saison realistisch kosten.

Die Gegner:
Die DFL selbst bezeichnet das Urteil als „enttäuschend“. DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke lehnte eine finanzielle Beteiligung strikt ab.
Bayern, Baden-Württemberg, NRW und Sachsen lehnten bislang trotz politischer Rhetorik eine gesetzliche Regelung ab.
Das Fanbündnis „Unsere Kurve“ reagierte fassungslos und warnte vor einem „schweren Schaden für die staatliche Ordnung“ — ein Argument, das man allerdings auch umdrehen könnte.
Werder Bremen, als Betroffener des ersten Gebührenbescheids, fürchtet einen Wettbewerbsnachteil und fordert eine Solidargemeinschaft der Liga.

Was muss sich ändern?
Das BVerfG hat die Türe aufgestoßen. Jetzt müssen die Bundesländer durch sie hindurchgehen. Einige Stellschrauben, die wirklich etwas ändern würden:
Bundesweite Lösung statt Flickenteppich: Ein einheitlicher DFL-Fonds, aus dem alle Hochrisikospiele kostenmäßig gedeckt werden, wäre fair und wettbewerbsneutral.
Konsequente Vereinsverantwortung: Clubs, deren Fanszene regelmäßig für Hochrisikoeinstufungen sorgt, müssen höhere Beiträge leisten — echte finanzielle Anreize für präventive Fanarbeit.
Keine Stimmungsanheizung durch Vereine: Stadionsprecher, Choreographien und Kommunikation, die gezielt Aggressionspotenzial erhöhen, müssen sanktionierbar sein.
Transparenz bei Kosten: Eine gesetzliche Pflicht zur Veröffentlichung der tatsächlichen Polizeikosten pro Spiel — damit die öffentliche Debatte auf echten Zahlen basiert.
Haftung der Einzeltäter: Verurteilte Hooligans müssen zivilrechtlich für entstandene Einsatzkosten haftbar gemacht werden können — nicht nur strafrechtlich.

Fazit: Das Verursacherprinzip ist keine Bestrafung
Nichts gegen Fußball. Es ist ein schönes Spiel. Aber es ist auch ein milliardenstarkes Geschäft. Und in diesem Geschäft ist es längst überfällig, dass die Kosten, die dieses Geschäft verursacht, nicht länger still auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.
1.400 Polizistinnen und Polizisten riskieren heute in Köln ihre Gesundheit für Recht und Ordnung. Das ist ihr Beruf — aber es ist nicht ihre persönliche Verantwortung, dass dieses Spiel als Hochrisikospiel eingestuft wurde. Die Verantwortung liegt bei denen, die an diesem Spiel verdienen.
Das Bundesverfassungsgericht hat das bestätigt. Jetzt sind die Politik und die DFL am Zug.

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