Irgendwann verschiebt sich der Blick auf die SPD. Aus Ärger über ihre Fehler wird Sorge um Lücken. Die Partei gräbt sich ein Grab — das ist ihre Sache. Was in dieses Grab mitfällt, ist unser aller.
Die Abwanderung lässt sich an einer Karte ablesen. Wo die SPD über Jahrzehnte selbstverständlich war — Ruhrgebiet, norddeutsche Industriestädte, Chemiereviere — legt die AfD am deutlichsten zu. In Nordrhein-Westfalen sehen aktuelle Umfragen die AfD auf einer Vervierfachung ihres Landtagsergebnisses von 2022, die SPD bei einem Minus von 12,7 Punkten. Die Menschen, die dort leben, sind nicht über Nacht zu anderen Menschen geworden. Sie werden nur von anderen angesprochen.
Jede Demokratie braucht eine Kraft, die für die Menschen spricht, deren Arbeit mühsam ist, deren Haushalte knapp sind, deren Lebenspläne von Strukturwandel und Inflation durchgeschüttelt werden. Diese Kraft kann verschiedene Farben tragen. Entscheidend ist, dass sie auf der demokratischen Seite der Trennlinie steht. Fehlt sie dort, verschwindet das Bedürfnis nicht — es sucht sich ein Gefäß. Rechtsaußen wird dieses Gefäß seit Jahren bereitgestellt, und es wird gefüllt.
Die Ironie der gegenwärtigen Lage: Selbsterkenntnis käme der SPD vergleichsweise günstig. Sie erfordert keine Milliardenbudgets, keine koalitionsrechtlichen Kunststücke, keine Brüsseler Mehrheiten. Sie erfordert nur, dass jemand an verantwortlicher Stelle den Satz ausspricht, den das Ott-Interview in Düsseldorf, der Klingbeil-Vorstoß in Berlin und der tägliche Koalitionsalltag gleichermaßen vermeiden: Es liegt nicht am Bundestrend, nicht am Koalitionspartner, nicht an Brüssel, nicht an der Weltlage. Es liegt an uns.
Bleibt dieser Satz aus, sind die Folgekosten nicht mehr parteipolitisch. Sie sind demokratisch. Eine schwache SPD ergibt nicht automatisch eine starke AfD — aber eine sichtbarkeitsfreie SPD in genau jenen Regionen, in denen die AfD die Lücke füllt, ist für die Republik das, was ein fehlender Tragbalken für ein Haus ist. Man merkt es nicht sofort. Irgendwann dann doch.
Wer beim Anblick einer absterbenden Volkspartei innerlich zwischen Wut und Bedauern pendelt, pendelt in Wahrheit zwischen zwei Sätzen. Der eine lautet: Recht geschieht ihnen. Der andere: Das kann sich eine Demokratie nicht leisten. Der zweite ist der gewichtigere.